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Marburg Die Normalität ist in Gefahr
Marburg Die Normalität ist in Gefahr
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20:12 11.10.2021
Pizza-Backen in der WG: Jaquline Fischer (von links), Assistentin Lea Rudow, Tim Schlotzer und Assistent Martin Fedderau haben Spaß zusammen.
Pizza-Backen in der WG: Jaquline Fischer (von links), Assistentin Lea Rudow, Tim Schlotzer und Assistent Martin Fedderau haben Spaß zusammen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Emma liebt es, zu singen. Am liebsten Schlager. Aus voller Kehle interpretiert sie einen Hit von Beatrice Egli. Sie steht inmitten ihres gemütlichen Zimmers und singt fröhlich und laut. Sie strahlt übers ganze Gesicht. Emma ist 21 Jahre alt und wurde mit Down Syndrom geboren. Bis zu ihrem 19. Lebensjahr lebte sie bei ihren Eltern, jetzt wohnt sie am Richtsberg in einer WG. „Das gefällt mir super gut“, sagt sie und strahlt wieder. Emma teilt sich die WG mit Tim, Mirko und Jaquline, alle sind Anfang 20 und gelten in unterschiedlicher Weise und aus unterschiedlichen Gründen als kognitiv eingeschränkt.

Jaquline steht Emma in Sachen sprudeliger Lebensfreude nichts nach. „Ich hatte einen guten Tag an der Arbeit, aber ich bin ein bisschen müde“, sagt die 23-Jährige, die bei den Lahnwerkstätten arbeitet. Mirko ist noch viel müder. Er sitzt in seiner orangefarbenen Hose am Tisch und kämpft dagegen an, dass ihm die Augen zufallen. Er macht ein Praktikum beim DBM und steht morgens um 4.30 Uhr auf. „So früh – das wäre nichts für mich“, lacht Jaquline. Tim ist der Langschläfer der WG. Er sitzt gern im Wohnzimmer auf der Couch. Gesprochen hat er noch nie, aber kommunizieren klappt. „Tim, Du willst doch bestimmt auch Pizza, oder?“, fragt ihn Jaquline. Tim streckt die Hand aus, beide Hände berühren sich kurz. „Ok, er will auch Pizza“, übersetzt Jaquline und über Tims Gesicht huscht ein Lächeln.

Selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung

Dass diese besondere WG so gut funktioniert, liegt am Fib – dem Verein zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen. Der Fib bietet in seinem Bereich des unterstützten Wohnens Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ambulante Hilfen und ermöglicht so ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung. Das Angebot umfasst psychosoziale und pädagogische Hilfen, die durch Assistenzleistungen ergänzt werden. Diese beinhalten zum Beispiel Pflege, Mobilität, Hauswirtschaft oder einfach die Teilhabe am Leben.

„Das Angebot gilt auch für Menschen mit hohem Hilfebedarf“, erläutert Lea Rudow. Sie arbeitet Vollzeit für den Fib, hat aber bereits während ihres Studiums in der Assistenz gearbeitet. Genau wie Martin Fedderau. Er betreut Tim seit 2016. „Das hat von Anfang an gut geklappt mit uns“, sagt der Lehramtsstudent. Er hilft Tim im Alltag und übernachtet auch in der WG. „Das ist der Oberkommissar“, neckt ihn Jaquline. Sie liebt das WG-Leben. „Klar, wir streiten uns auch mal zum Beispiel über den Putzplan, aber eigentlich verstehen wir uns alle sehr gut“, sagt sie mit Nachdruck. „Man ist hier so frei und kann mit den Assistenten coole Sachen machen, wie Schwimmen fahren oder ins Kino gehen.“

Freiheit, Selbstbestimmung – ein fast ganz normales Leben führen. Das ist es, was der Fib seinen Kundinnen und Kunden ermöglicht. Doch der Fib hat ein Problem. „Es gab im letzten Jahr keine Präsenzveranstaltungen an der Uni, viele Studierende wohnen wieder bei ihren Eltern, um die Miete zu sparen“, erläutert Lea Rudow den Mitarbeiter-Mangel, mit dem der Fib zu kämpfen hat. Für die rund 750 Kundinnen und Kunden, die es in den Standorten Marburg, Gladenbach, Stadtallendorf und Gießen gibt, stehen momentan 1 200 Mitarbeiter zur Verfügung.

„Wir haben aktuell ganz große Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter zu finden“, bestätigt Michael Schimanski, Geschäftsführender Vorstand des Fib. Seit Monaten gebe es kaum noch Bewerber. Das führe zu einem hohen Organisationsaufwand und erschwere es, die Dienste abzudecken. „Wenn es um existenzielle Hilfen geht, kriegen wir das auch immer irgendwie hin, aber geht es um Unterstützung im Freizeitbereich, kann schon mal ein Termin ausfallen“, bedauert Schimanski den Bewerber-Rückgang.

Der Assistenz-Job

Dabei ist der Job der Assistenz eine echte Bereicherung für beide Seiten, findet Miriam Pinner. Die 22-Jährige gehört ebenfalls zum WG-Betreuungsteam von Emma und Co. Die Studentin hat sich zu Beginn der Corona-Pandemie ganz bewusst für diesen Job entschieden. „Ich war neu in Marburg und aufgrund von Corona schon ein bisschen einsam. Deshalb habe ich mir überlegt, wie kann ich mit Menschen in Kontakt kommen bei etwas, das mir Spaß machen könnte“, erinnert sie sich. Beim Fib anzuheuern, sei die beste Entscheidung gewesen. Klar habe sie am Anfang etwas Berührungsängste gehabt, aber die konnte sie schnell abbauen. „Man bekommt von den Menschen so viel Positives zurück, das ist einfach nur schön“, betont sie lächelnd.

Doch der Assistenten-Job ist nicht nur für Studierende geeignet. Es gebe flexible Beschäftigungsmöglichkeiten vom Minijob bis hin zur Vollzeitstelle, erklärt der Geschäftsführende Vorstand. Eine formale Voraussetzung, eine Ausbildung oder Vorerfahrung brauche es keine. „Was wichtig ist, sind Sekundärtugenden wie soziale Kompetenz, Einfühlungsvermögen und Zuverlässigkeit“, betont Schimanski. Im Endeffekt gehe es darum, „Hände und Füße oder Augen und Ohren“ der beeinträchtigten Person zu sein. Er hofft, dass sich im nun ersten Präsenzsemester seit Corona auch wieder mehr Studierende bewerben. „Aber generell sind wir stark darauf angewiesen, andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, die auch in höherem Umfang für uns zur Verfügung stehen und eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung suchen“, so Schimanski.

Die WG von Emma, Tim, Mirko und Jaquline freut sich auf jeden Fall über neue Assistenten. „Aber nur, wenn sie nett sind“, meint Jaquline – und lacht.

Mehr Infos zum Fib e.V. sowie zur Möglichkeit, sich als Assistenz zu bewerben, gibt es unter: www.fib-ev-marburg.de

Von Nadine Weigel

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