Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg "Die Krankheit der tausend Gesichter"
Marburg "Die Krankheit der tausend Gesichter"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 02.06.2019
Margret Wimmel aus Schönstadt hat Multiple Sklerose, kann nur noch ihren linken Arm uneingeschränkt bewegen. Auf ihrer Terrasse erfreut sie sich an den Blumen, die sie noch alleine gießen kann.  Quelle: Katja Peters
Schönstadt/Marburg

Den Fahrstuhl neben dem Haus in Schönstadt hat Margret Wimmel vom Geld ihrer Lebensversicherung gekauft. 25.000 Euro hat der gekostet. Von der Krankenkasse gab es nur einen kleinen Zuschuss. „Wenn man krank ist, muss man reich sein“, sagt Margret Wimmel fast mit ein wenig Galgenhumor.

Aber dieser Fahrstuhl bedeutet für die 68-Jährige auch Freiheit. Durch ihn kann sie das Haus verlassen, wann sie will und das völlig ohne Hilfe. Denn Margret Wimmel ist seit dem Jahr 2000 auf den Rollstuhl angewiesen. Die Multiple Sklerose (MS) ist so weit fortgeschritten, dass sie nur noch den linken Arm problemlos und den rechten mit Einschränkungen bewegen kann.

Die Beine empfangen schon keine Signale mehr vom Gehirn, lassen sich nur noch mit Unterstützung ihres Armes oder eben durch fremde Hilfe umsetzen. „Die Isolierung der Stromleitung ist defekt“, beschreibt die Nordhessin, die aus Kassel stammt, ihre Erkrankung. „Es ist die Krankheit der tausend Gesichter. Ich habe die schleichende Version“, ergänzt sie noch.

1.000 Patienten am Uni-Klinikum

Das Uni-Klinikum Gießen-Marburg hat eine Spezialambulanz für Multiple Sklerose und verwandten autoimmun-entzündlichen Erkrankungen des
zentralen Nervensystems. Das Marburger Zentrum betreut nach eigenen Angaben rund 1.000 Patienten jährlich.
Eine Selbsthilfegruppe trifft sich zudem regelmäßig, das nächste Mal am 13. Juni (15 Uhr) im Bürgerhaus Moischt. Kontakt zu Bernd Gökeler unter der Telefonnummer 06424/5499 oder der E-Mail-Adresse MS-SHG-Marburg@public-files.de

Damit zählt sie zu der Minderheit. 80 Prozent der Erkrankten erleben die MS in Schüben, haben Tage und Wochen keine Beschwerden. Margret Wimmel hat immer Schmerzen, ­eine Spastik in den Oberschenkeln, eine Blasenstörung. Auch ist sie schnell erschöpft. Dann fallen ihr einfach die Augen zu. „Und ich kann darauf keinen Einfluss nehmen“, erklärt sie ihre Begleiterkrankungen.

Es gibt noch sehr viel mehr: ­Depression, Darm- oder Sehstörungen und kognitive Störungen. Die merkt Margret Wimmel auch manchmal. „Dann fallen mir die einfachsten Wörter nicht ein.“

Ohne die Unterstützung ihres­ Lebensgefährten könnte sie morgens gar nicht das Bett verlassen. Wenn sie aufwacht, „dann schießt erst einmal die Spastik in die Beine. Die stehen dann in der Luft. Irgendwann lässt das nach, und ich kann in den Rollstuhl gesetzt werden.“ Nach dem ersten Kaffee in der Küche braucht sie anderthalb Stunden im Bad und viel Unterstützung. „Dann bin ich schon das erste Mal groggy.“

Noch vor ein paar Jahren hat sie sich bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft engagiert. Das schafft sie heute nicht mehr. Auch wenn die Krankheit jetzt gestoppt ist, sie den linken Arm verschont hat, so muss Margret Wimmel viel dafür tun, dass sich die Beweglichkeit des rechten Arms nicht weiter verschlechtert. Wöchentlich geht sie zur Physio- und auch zur Ergotherapie, macht viele Übungen zu Hause, versucht auch immer wieder, sich aufzurichten.

Ausflüge und Treffen der Selbsthilfegruppe tun gut

„Ich sitze ja nur noch“, sagt sie achselzuckend. Vor allem die Klangmassage tut ihr sehr gut. „Es ist wie eine Reise durch den Körper. Dabei kann ich total entspannen und das ist für mich unheimlich wichtig.“ Die Einschränkungen zermürben, die Abhängigkeit verärgert. „Zur Zeit habe ich nicht so eine gute Phase, bin ein ganz schöner Ekel-Alfred“, gibt die Schönstädterin zu.

Denn sie weiß, dass sie ihren Lebensgefährten mit ihrer schlechten Laune noch mehr belastet. Trotz aller Beschwerlichkeiten genießt sie die gemeinsame Zeit bei Ausflügen mit ihm oder mit Freundinnen. Dazu gehören auch die regelmäßigen Treffen in der Selbsthilfegruppe jeden zweiten Donnerstag im Monat im Bürgerhaus in Moischt.

„Der Austausch tut gut, wir lachen viel und ich komme mal raus“, sagt Margret Wimmel. Denn zu Hause kann sie ja nicht mehr so viel machen. Auf ihrer Terrasse erfreut sie sich an den Blumen. „Gießen, das geht noch“, sagt sie lachend. Ihren Humor hat sie nicht verloren.

von Katja Peters und Björn Wisker