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Marburg Die Mörder wurden freigesprochen
Marburg Die Mörder wurden freigesprochen
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19:56 25.03.2020
Eine Gedenktafel an der Alten Universität erinnert an die Morde von Mechterstädt. Quelle: Archivfoto
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Marburg

„Wer die bestialisch zugerichteten Leichen gesehen hat, der wird mir sicher zustimmen, dass Individuen, die solcher Taten fähig sind, nicht nur heute in sturmbewegter Zeit, sondern immer eine Gefahr für ihre Mitmenschen bilden.“ So kommentierte der sozialdemokratische Gewerkschafter Johann Seehofer 1920 die Morde, die in den Morgenstunden des 25. März 1920 an 15 Arbeitern aus Thal bei Mechterstädt in Thüringen verübt wurden.

Die Mörder waren 14 Mitglieder des Marburger Studentenkorps. Der Marburger Lehrer und Historiker Dietrich Heither­ hat die Geschichte der Morde von Mechterstädt aufgearbeitet. In diesen Tagen vor 100 Jahren versetzte der Kapp-Putsch Deutschland in Unruhe. Der Putschversuch, benannt nach Wolfgang Kapp von der Nationalen Vereinigung, brachte Deutschland an den Rand eines Bürgerkrieges und zwang die sozialdemokratischen Mitglieder der Reichsregierung zur Flucht aus Berlin. Die meisten Putschisten waren aktive Reichswehrangehörige oder ehemalige Angehörige der alten Armee und Marine, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in reaktionären Freikorps organisierten, sowie Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

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Dr. Gerald Slotosch, Bürgermeister von Ruhla: „Wehret den Anfängen – zeigt Haltung!“ 

Einen großen Anteil am Scheitern des Putsches hatte, neben der Verweigerung der Regierungsbürokratie und der Uneinigkeit der Militärs über die eigentliche Zielsetzung des Putsches, der folgende Generalstreik, der größte in der deutschen Geschichte.

Kapp-Putsch

Geführt von General Walther von Lüttwitz, besetzen Freikorps-Truppen am 13. März 1920 das Berliner Regierungsviertel und rufen den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler aus. Der sogenannte Kapp-Putsch ist der erste große Aufstand gegen die Weimarer Republik von rechts. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) sowie zahlreiche Minister der von SPD, Zentrum und DDP gebildeten Reichsregierung unter Gustav Bauer (SPD) fliehen. Auch aufgrund des Widerstands von revolutionären Arbeitern scheitert der Putsch nach 5 Tagen.

Wenige Tage nach dem Putschversuch vom 13. März sorgte ein Aufruf des Bezirksbefehlshabers Major Freiherr von Schenk in Marburg für Aufregung: „Das Vaterland ist in Gefahr. In Thüringen ist Aufruhr. Bewaffnete Banden durchziehen plündernd das Land. Dringende Hilfe ist daher notwendig.“ Am Abend des 24. März marschierte daraufhin ein Kommando des Marburger Studentenkorps von Eisenach nach Thal. Es stand unter dem Kommando des berüchtigten Bogislaw von Selchow.

Von Selchow, im Ersten Weltkrieg Fregattenkapitän, studierte nach dem Ersten Weltkrieg Geschichte in Marburg und gründete das „Studentenkorps Marburg“ (Stukoma). Bereits vor dem Kapp-Putsch teilte Selchow sein Studentenkorps dazu ein, öffentliche Gelder für die Putschisten zu beschlagnahmen und in Marburg jüdische Banken zu besetzen.

Termine

Die Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt zu den Morden von Mechterstädt sind wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

Das Stukoma verhaftete bei Thal Arbeiter, die sich im Generalstreik befanden, und marschierte mit ihnen Richtung Gotha. Keine zwei Stunden nach Marschbeginn lebte keiner der Gefangenen mehr. Sie waren, so der offizielle Sprachgebrauch, „auf der Flucht erschossen“ worden. 15 Menschen fanden den Tod. Die Tat wurde angezeigt, die Mitglieder des Stukoma mussten vor dem Kriegsgericht erscheinen. Sie waren aber nicht wegen Mordes angeklagt, sondern aufgrund des Verdachts von „rechtswidrigem Waffengebrauch“.

Bis heute gilt ihr Freispruch als „einer der größten Justizskandale der Weimarer Republik“. Darauf verweist seit dem vergangenen Jahr auch eine Gedenktafel an der Außenmauer der Alten Universität. Die Tafel entstand in Kooperation der Universität, der Stadt und der Marburger Studentenschaft.

Literaturtipp

Dietrich Heither/Adelheid Schulze, Die Morde von Mechterstädt 1920: Zur Geschichte rechtsradikaler Gewalt in Deutschland. Metropol-Verlag, 29 Euro.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hatte bei der Feierstunde im April 2019 darauf hingewiesen, es habe an öffentlichem Gedenken gefehlt, Marburg sei „nicht immer die weltoffene Stadt gewesen, die sie heute ist“. Der Bürgermeister der Stadt Ruhla, zu der die Gemeinde Thal heute gehört, Dr. Gerald Slotosch, appellierte bei gleicher Gelegenheit: „Wehret den Anfängen – zeigt Haltung!“

Von Till Conrad