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Marburg Letzte Lebenstage lächelnd begleiten
Marburg Letzte Lebenstage lächelnd begleiten
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00:18 16.04.2019
Die Marburgerin Tina Müller hat sich mit 25 Jahren entschieden, ehrenamtliche Sterbebegleiterin im St. Elisabeth-Hospiz zu werden.  Quelle: Katja Peters
Marburg

Ihre eigene Geschichte hilft Tina Müller heute bei ihrer ehrenamtlichen ­Arbeit als Sterbebegleiterin im St. Elisabeth-Hospiz. 2016 verlor sie Mutter und Vater innerhalb weniger Monate. Die letzte gemeinsame Woche verbrachte sie mit ihrem an Krebs erkrankten Vater im Hospiz. Gespräche mit Pflegedienstleiter Eberhard Fuchs hatten zu der ganz bewussten Entscheidung geführt mit einzuziehen. „Für mich war es eine große Erleichterung, weil ich nicht mehr die komplette Verantwortung alleine tragen musste“, erinnert sich die heute 27-Jährige.

Nach dem Tod traf sie eine weitere Entscheidung: Sie wurde Mitglied im St. Elisabeth-Hospiz und begann nur vier Monate nach der Beisetzung den Kurs zur Sterbebegleiterin. „Das war sehr wohl überlegt und ich fühlte mich sehr sicher.“ Dennoch hatte sie Zweifel. Ist der Kurs eine zusätzliche Belastung? Kann ich schon so offen über Sterben und Trauer reden?

"Ich weiß nie was mich erwartet"

„Aber ich wusste, dass es das Richtige ist. Mein Gefühl sagte mir, dass die Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch gut für die ehrenamtliche Arbeit sein kann, dass ich ein anderes Verständnis für die Angehörigen aufbringen kann“, sagt Tina Müller.

Alle zwei Wochen, verteilt über ein halbes Jahr, besuchte die studierte Psychologin den Kurs. Sie hatte große Angst vor Ablehnung, „dass meine eigene Geschichte zu sehr in den Vordergrund rückt“. Das wollte sie auf keinen Fall und das blieb auch aus. Natürlich spielte der Verlust der Eltern eine Rolle in den Gesprächen, aber es gab einen professionellen Umgang damit.

Seit mehr als einem Jahr ist Tina Müller nun ehrenamtliche Sterbegleiterin. Zwei Mal im Monat kommt die gebürtige Marburgerin von Mainz zurück in ihre Heimatstadt und ist für ein paar Stunden im St. Elisabeth-Hospiz. „Ich weiß nie was mich erwartet“, sagt sie. „Aber ich freue mich immer auf die Menschen.“

Zeit spielt eine ganz andere Rolle im Hospiz

Sie hilft beim Essen, liest vor, geht im Garten mit den Gästen spazieren, redet mit den Angehörigen. „Das, was noch geht, besonders gestalten – das ist meine Aufgabe“, erklärt Tina Müller. Dabei werden die Vorlieben ernst genommen, genauso wie die Ängste in den Familien.

Der Gast entscheidet, was er möchte oder nicht. Es wird von Tag zu Tag geguckt. Wenn die Kraft es zulässt, kann er das Bett verlassen und ein paar Schritte gehen. Tina Müller: „Es finden viele Gespräche statt. Die Gäste berichten von ihrem Leben, ihre Träume. Aber wir sprechen auch über das Sterben, über die Ängste und was danach passiert.“

Zeit spielt im St. Elisabeth-Hospiz eine ganz andere Rolle. „Hier hat man Zeit, hier darf man sich Zeit für alles Alltägliche nehmen. Dadurch passieren ganz besondere Momente, bei denen ich nicht weiß, ob das noch einmal genauso passiert.“

Große Wertschätzung bei ehrenamtlicher Arbeit

Die junge Sterbebegleiterin­ hat Verständnis für viele Situationen und auch Ideen, was man noch machen kann, um gemeinsame Erinnerungen zu schaffen. „Ich bin anders authentisch, wenn ich zu den Angehörigen sage, dass ich sie verstehen kann“, weiß Tina Müller. Und sie kennt auch die Panik, die bei dem gesunden Ehepartner oder den Kindern aufkommt, wenn sie nicht wissen, wie es nach dem Tod weitergehen soll.

„Diese Ängste hatte ich auch“, gibt sie zu. Um abzuschalten und das Erlebte zu verarbeiten, geht sie viel laufen oder reiten. Sie besucht Supervisionen oder spricht mit anderen Ehrenamtlichen. „Ich weiß was mir gut tut und was nicht. Ich kann ganz gut dosieren, was ich mir zumuten kann“, erklärt Tina Müller, wie sie ihre Balance findet.

Sie erfährt bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit eine sehr große Wertschätzung. „Meine Arbeit wird nicht als Selbstverständlichkeit gesehen“, hat sie in den zurückliegenden Monaten festgestellt. Und auch, dass in der Hospizarbeit viel gelacht wird. „Es geht nicht um den letzten Tag, es geht um die Zeit davor. Und die versuchen wir so angenehm wie möglich zu gestalten.“

von Katja Peters