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Marburg „Der Preis ist eine große Ehre“
Marburg „Der Preis ist eine große Ehre“
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19:00 27.02.2022
Die Marburger Autorin Stefanie vor Schulte und der Diogenes Verlag feierten die Premiere ihres Buches „Junge mit schwarzem Hahn" am 29. August 2021 im Marburger Capitol-Kino.
Die Marburger Autorin Stefanie vor Schulte und der Diogenes Verlag feierten die Premiere ihres Buches „Junge mit schwarzem Hahn" am 29. August 2021 im Marburger Capitol-Kino. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Was für ein Start in eine Autorinnen-Karriere: Vor einem halben Jahr erschien Stefanie vor Schultes Debütroman „Junge mit schwarzem Hahn“. Seither hat sich vieles geändert im Leben der Marburger Autorin. Kürzlich bekam sie für ihr Romandebüt den mit 20 000 Euro dotierten Mara-Cassens-Preis (die OP berichtete). „Ich bin perplex“, sagt sie zu der Auszeichnung. „Der Preis ist eine große Ehre, ich bin unglaublich froh darüber.“

Stefanie vor Schulte hat in einer eindringlichen, klaren und präzisen Sprache ein zugleich düsteres und hoffnungsvolles Märchen für Erwachsene vorgelegt mit einem ungewöhnlichen Helden im Zentrum: Der elfjährige Martin lebt in einer unbestimmten, mittelalterlich anmutenden Zeit. Martin ist der einzige Überlebende einer Familientragödie: Sein Vater hat die ganze Familie umgebracht. Er besitzt nichts bis auf einen schwarzen Hahn, mit dem er spricht. Der Junge wächst in einem kleinen Dorf auf, dessen Bewohner ihn meiden, ihn argwöhnisch beäugen, ihn lieber schnell loswerden wollen, weil er so anders ist. Dabei ist er klug, liebenswert, voller Mitgefühl. Dummerweise in einer Welt des Zerfalls, die all dies nicht schätzt. Stefanie vor Schulte schickt ihren kindlichen Helden an der Seite eines Malers in eine schmutzige Welt voller Hunger, voller Niedertracht, voller Grausamkeit. Und Martin bewahrt sich seine Menschlichkeit.

Von eigenartiger Schönheit

Märchen für Erwachsene? Dieses Literaturgenre ist sicherlich nicht das, welches am meisten Erfolg verspricht. Komödien – ja. Fantasy – ja. Thriller oder Krimis? Ganz bestimmt. Aber Märchen? Und doch hat Stefanie vor Schulte für ihr Debüt glänzende Kritiken erhalten. Poetisch sei der ungewöhnliche Roman. Rätselhaft. Von eigenartiger Schönheit. Wunderschön erzählt. Außerordentlich berührend. All diese Attribute schreiben Kritikerinnen und Kritiker der Debütautorin zu, die sich die Zeit zum Schreiben hart erkämpfen muss, denn sie ist Mutter von vier Kindern zwischen 3 und 15 Jahren.

Wer Kinder hat, der ahnt, wie schwer dieses kleine Wort wiegen kann: Zeit. Denn die habe man eigentlich nie, wie sie im Sommer vergangenen Jahres der OP erzählte. „Aber ich kenne das gar nicht anders“, sagt sie jetzt im Gespräch mit der OP. „Man entwickelt sich ja mit den Kindern. Und mir gefällt es gut, dass ich mich auf den Punkt konzentrieren muss. Man kann dies auch als Vorteil sehen.“

Der renommierte Schweizer Diogenes Verlag und der in Marburg lebende Deutschland-Vertreter des Verlags, Klaus Kaltenbach, haben das große erzählerische Talent der 1974 in Hannover geborenen Autorin erkannt, die eigentlich einen ganz anderen Weg einschlagen wollte: Sie ist studierte Bühnen- und Kostümbildnerin. Diogenes hat recht behalten, wie der Mara-Cassens-Preis 2021 für Stefanie vor Schulte zeigt. Es ist der bedeutendste und mit 20 000 Euro am höchsten dotierte Preis für Debütromane in Deutschland. Das Besondere: Vergeben wird er von einer Leserinnen- und Leserjury. Stefanie vor Schulte tritt damit in die Fußstapfen von Marlene Streeruwitz, Terézia Mora, Ralf Rothmann, Clemens Meyer, Zsusza Bank oder John von Düffel, um nur einige Mara-Cassens-Preisträgerinnen und -Preisträger zu nennen.

Ihr Debütroman ist inzwischen in vier Sprachen übersetzt worden, und er verkauft sich gut. Inzwischen hat sie ihr zweites Buch fertig, es wird vermutlich im Herbst erscheinen. Und ein drittes fange an, sie „zu behausen“, wie sie sich in einem Interview mit der „Büchergilde Gutenberg“ ausdrückte.

Seit vier Jahren in Marburg

Was wird es? Wieder ein Märchen? Fantasy? „Um Gottes willen“, sagt sie zu Letzterem. Sie habe sich schon bei ihrem Debütroman schwergetan, die Geschichte in eine Sparte zu stecken. „Inzwischen finde ich es toll, dass der Roman als Märchen bezeichnet wird. Die Leute erkennen darin Sachen aus der Zeit, in der sie Märchen gelesen haben.“

Seit knapp vier Jahren lebt Stefanie vor Schulte mit ihrer Familie in Marburg. „Man kann hier gut leben“, sagt sie über die Stadt. Doch so richtig kennenlernen konnte sie ihre neue Heimat noch nicht, denn seit zwei Jahren schränkt die Corona-Pandemie den Alltag massiv ein. Als Mutter sagt sie: „Es ist eine Schande, was jungen Menschen angetan wurde. Erst wurden sie weggesperrt, jetzt werden sie durchseucht. Für Familien bedeutet dies: Eine Quarantäne jagt die nächste. Es ist sehr schwierig, eine Normalität zu haben.“ Aber sie sehe „Licht am Ende des Tunnels“.

Sie habe in dieser Zeit die Landschaft um Marburg herum entdeckt, Wiesen und Wälder durchwandert. Und dem Schreiben kommt die erzwungene Beschränkung entgegen. „Die Hauptarbeit einer Autorin oder eines Autors ist einsam, allein mit dem Text.“

  • Stefanie vor Schulte: „Junge mit schwarzem Hahn“, Diogenes Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.

Von Uwe Badouin

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