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Marburg Influencer für die Intensivstation
Marburg Influencer für die Intensivstation
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11:20 01.07.2021
Lea Falkenhain (rechts), Philemon Williams und Anne Woldag sind Intensivpflegekräfte am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM). Auf den Lahnbergen haben sie einen Instagram-Kanal eröffnet, um Einblick in ihre Arbeit zu geben. Das Ziel: Mehr Personal finden, Nachwuchs begeistern
Lea Falkenhain (rechts), Philemon Williams und Anne Woldag sind Intensivpflegekräfte am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM). Auf den Lahnbergen haben sie einen Instagram-Kanal eröffnet, um Einblick in ihre Arbeit zu geben. Das Ziel: Mehr Personal finden, Nachwuchs begeistern Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Seine winzigen Hände zucken, die Augen sind geschlossen und der kleine Körper ist unter einer gelben Decke eingemummelt. Dem Baby scheint es in der Hängematte zu gefallen, die man ihm zwischen den Gitterstäben des kleinen Betts gebaut hat. Doch die friedliche Atmosphäre trügt. Denn hier, auf der Neonatologie-Station des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) geht es in den Inkubatoren um nichts anderes als um das Überleben von Frühchen.

„Es gibt nichts Besseres, als die Fortschritte von Patienten zu sehen. Ob Kinder, Eltern oder alte Menschen: Das befriedigendste Gefühl ist es, wenn sie gesund aus der Klinik kommen und man weiß, dass man dazu etwas beitragen konnte“, sagt Lea Falkenhain. Die 27-Jährige kümmert sich als Intensivpflegerin um all jene Mini-Marburger, die ihr Leben noch nicht mal begonnen haben.

Ein paar Flure weiter, irgendwo im Wirrwarr der Gänge des Lahnberge-Krankenhauses, überwachen Philemon Williams (29) und Anne Woldag (24) unter dem regelmäßigen Piepen der Geräte die Vitalfunktionen, etwa Atmung und Herzschlag, ihrer Patienten. Anders als bei Kollegin Falkenhain behandeln die beiden Intensivpflegekräfte täglich Erwachsene. Männer und Frauen, die etwa Herzinfarkte, Verkehrsunfälle oder eben Corona haben. „Manchmal muss man schon ganz schön schlucken, eine dicke Haut kriegen“, sagt Williams.

„Unvergleichliche Emotion“

Nie zuvor stand die Intensivmedizin, standen auf den Stationen tätige Ärzte und Krankenpfleger so im Fokus wie in der jüngeren Vergangenheit. Falkenhain, Williams und Woldag wollen nun mit einem Instagram-Kanal Einblicke in genau diese Arbeit geben und so allen Mittelhessen zeigen, wie ein Tag im Krankenhaus, auf den Intensivstationen abläuft.

Füttern, waschen, vermeintlich unangenehme Sachen: Pflege bestehe aus „so viel mehr als den Klischees“. Woldag und Co. wollen daher im Internet zeigen, was sie tatsächlich machen: Der Umgang mit Maschinen, der Austausch mit Ärzten, der Teamgedanke, die psychologische Komponente im Umgang mit Patienten. „Vielseitig, spannend, wichtig“ – das sind laut Falkenhain, die einst über ein Freiwilliges Soziales Jahr den Beruf kennenlernte, die drei wesentlichen Merkmale der Krankenpflege.

Intensivpflege auf Instagram: Christina Roland ist Stationsleiterin am UKGM in Marburg. Quelle: Björn Wisker

In und außerhalb der sozialen Netzwerken solle „nicht nur geklatscht, sondern sich auch interessiert und im Idealfall von der wichtigen Arbeit überzeugt, dazu motiviert werden“, sagt sie. „Anerkennung ist ja nett und dass der Beruf höheres Ansehen bekommt, die Leistung gesehen wird, wichtig. Aber vor allem brauchen wir Unterstützung, braucht es mehr Menschen, die unseren Weg in diesen Job einschlagen“, ergänzt Woldag.

Doch taugt das Versprechen vom Kampf gegen Leid und Tod als Motivation für den Berufseinstieg? Das Ganze noch auf dem Schöne-Bilder- und Heile-Welt-Kanal Instagram? „Für meine Hilfe bekomme ich von Patienten so viel Dankbarkeit, das ist ein tolles Gefühl und macht Spaß“, sagt Woldag. Es löse eine „unvergleichliche Emotion“ aus, wenn jemand etwa nach einem schweren Unfall, einem langen Kampf auf Station und in der Reha einige Monate später gesund, jedenfalls verbessert zurück komme und Danke sage.

„Man muss klar sagen: Bei uns liegen viele Menschen, denen es so schlecht geht, dass sie es eher nicht packen. Mich prägt das ziemlich, gerade wenn man alles gegeben hat und es trotz allem Kräfteeinsatz nicht reicht. Aber die Freude in den Augen derer zu sehen, die mal schlimme Fälle waren und es eben doch zurück ins Leben geschafft haben, das ist einmalig.“ Woldag nickt: „Es ist erstaunlich zu sehen, was Menschen alles schaffen können – und wie man ihnen mit Kleinigkeiten auf diesem Weg helfen kann. Da entsteht einfach eine Verbindung.“

Fürsorge mit Leidenschaft

Aus den Schattenseiten, den unschönen Erlebnissen, den Ereignissen und Bildern, die sie alle nach Feierabend nicht auf den Lahnbergen lassen können, die sie also mitnehmen, die sie beschäftigten und manchmal nachts wach liegen lassen, machen die Intensivpflegekräfte keinen Hehl. „Es gibt Tage ohne schöne Träume“, sagt Woldag. „Manchmal ist man leer“, sagt Williams. „Tragisches passiert bei uns zum Glück selten, aber wenn Frühchen es nicht schaffen, dann ist es hart – für niemanden mehr als die Eltern, aber auch bei mir, bei uns allen fließen dann Tränen“, sagt Falkenhain.

Wenn die drei über ihren Intensivpflege-Alltag sprechen, über das Schlechte wie das Gute, klingt diese für Sozial-, für Fürsorge-Berufe oft so typische Leidenschaft aus ihren Stimmen. Und genau dafür, sich für andere einzusetzen und ihnen ins gesunde Leben helfen zu wollen, kämpfen Pflegekräfte wie Williams, Woldag, Falkenhain – mit ausdrücklicher Unterstützung von Stationsleiterinnen wie Christina Roland – mit dem Instagram-Kanal.

Profilname: intensivpflege_marburg

Kein „Pflexit“ – aber tausende offene Stellen

Im Mai 2021 konnten 16 673 Stellen in den Bereichen Gesundheits- und Krankenpflege beziehungsweise Reha und Geburtshilfe nicht besetzt werden – etwa 1 000 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag hervor.

Auf eine arbeitslose Krankenpflegekraft kamen laut den Daten der Bundesagentur für Arbeit rund 2,2 gemeldete Stellen. In der Altenpflege konnten insgesamt 20 000 Stellen nicht besetzt werden. Etwa 7 000 entfielen davon allein auf Hilfskräfte. Damit standen einer arbeitslosen Altenpflegekraft rund 3,5 gemeldete Stellen gegenüber. Zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 hatten zudem rund 9 000 Menschen dem Pflegeberuf den Rücken gekehrt. Deshalb sank die Zahl der Alten- und Krankenpflegekräfte in den Monaten März bis Juli 2020 um 0,5 Prozent – ein normaler saisonaler Rückgang, kein befürchteter „Pflexit“, wie die Behörde einschätzt.

Laut Prognosen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnten in der stationären Versorgung bundesweit bis zum Jahr 2035 rund 307 000 Pflegekräfte fehlen. Alleine im Bereich der Intensivpflege – einem Feld, das eine Zusatzausbildung erfordert – fehlen aktuell schätzungsweise rund 4 000. Vielmehr gab es in dieser Disziplin seit Ende 2019 einen Rückgang um 1,3 Prozent, was 655 Beschäftigten entspricht.

Von Björn Wisker

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