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Marburg Visionen, Kröten und Kompromisse
Marburg Visionen, Kröten und Kompromisse
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16:33 19.01.2020
Der Parteivorstand der Grünen im Jahr 1980 (von links): Schriftführer Rolf Stolz und die drei gleichberechtigten Vorsitzenden August Haußleiter, Petra Kelly und Norbert Mann. Foto: Heinrich Sanden
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Marburg

Die Vorsitzende der Kreistagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen, Sandra Laaz, engagiert sich seit Mitte der 90er-Jahre für die Grünen. Sie trat in die Partei ein, um verschiedene Themen, für die sie sich interessierte, in Marburg und auch im Landkreis voranzubringen.

Dabei ging es um einige spezifische Frauenthemen und die Verkehrspolitik. Jetzt sieht sie die Zeit gekommen, dass die Grünen auch wieder im Bund mitregieren. „Elementare grüne Themen sind mittlerweile bei den Leuten nicht nur angekommen, sie beschäftigen sich auch damit, etwa mit dem Klimawandel und der Verkehrswende.“ Den politischen Erfolg sieht Laaz auch darin, dass sich die Grünen in der Mitte positioniert haben, „nicht links oder gar rechts, sondern einfach vorne“, so Laaz.

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Reinhard Ahrens aus Weimar ist ein Grüner der ersten Stunde. Will heißen, er engagierte sich schon in verschiedenen Gruppierungen vor der Gründung der eigentlichen Grünen vor 40 Jahren, und so steht in seinem Mitgliedsausweis gar das Datum 14. November 1979. Politisch wurde er von einem Mann aus Wetter geprägt: Helmut Jesberg.

Gute Ansätze in der grünen Politik 

Es ging darum, den Bau der A 4 durch den Burgwald zu verhindern. Ahrens trat auch in die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ ein. Über all die Jahre ist ihm das Thema Verkehrspolitik und Mobilität erhalten geblieben, „Es gibt sicherlich für niemanden die Partei, die einem auf den Leib geschneidert ist. Aber bei den Grünen finde ich die meisten Übereinstimmungen“, sagt er.

In Sachen Verkehrspolitik könnte es seiner Meinung nach gern ein bisschen mehr nach den Vorstellungen der Linken gehen. Ansonsten sieht er in der aktuellen grünen Politik gute Ansätze für eine positive Veränderung der Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit. Als Grüner der ersten Stunde war Reinhard am Freitag beim Empfang in Berlin dabei.

Angela Dorn, Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, begründet ihre Arbeit für die Grünen so: „Ich war schon als Kind fasziniert von Tieren und Natur.“ Auch durch ihr Elternhaus geprägt, sei der „Weg in politische Bewegungen für Umwelt und Chancengleichheit global wie lokal“ für sie ein logischer Schritt gewesen: „Ich wollte etwas tun, statt nur über Missstände zu klagen.

Früh für die Partei begeistert 

Die Werte der Grünen für Nachhaltigkeit, Generationengerechtigkeit und Chancengleichheit – kurz, für eine bessere Welt – hätten sie schon früh für die Grünen begeistert, sagt die Ministerin und erinnert sich: „Als ich bei den Grünen in Marburg entdeckte, wie schnell man in dieser Partei auch als junger Mensch und neues Mitglied seine Ideen einbringen kann, bin ich in die Partei eingetreten und habe für die Stadtverordnetenversammlung kandidiert.“ Als Studierende in Marburg sei sie über den Kampf gegen Studiengebühren zusätzlich politisiert worden: „Wir wollten gute Bildung für alle – also echte Chancengleichheit.“

Wo sieht Angela Dorn ihre Partei im Jahr 2020? „Wir blicken auf eine bewegte Zeit zurück, doch wir haben dabei nie den ,grünen Faden‘ verloren.“ Die Grünen seien sich treu geblieben und hätten sich dennoch gewandelt, „von der bunten, ökologischen Alternativbewegung in den Anfängen hin zur zweitstärksten politischen Kraft in Hessen“. Dorn abschließend: „Mit dem Jahreswechsel 2019/20 beginnt ein neues Jahrzehnt. Wir wollen, dass es ein Jahrzehnt des ökologischen und sozialen Aufbruchs wird. Denn eines ist klar. Es muss anders werden, damit es gut bleiben oder werden kann.“

Zusammentreffen verschiedener Gruppen

Der Marburger Psychologe Roland Stürmer ist ein Mann der ersten Stunde der Grünen und nach einigen Jahren Pause von der großen Bühne der Marburger Kommunalpolitik seit Kurzem auch wieder Mitglied der grünen Fraktion im Stadtparlament.
Am Wochenende nahm er auch an der Jubiläumsfeier der Grünen für die Gründungsmitglieder in Berlin teil.

Stürmer war ursprünglich Mitglied der Grünen Liste Hessen (GLH) und kandidierte für diese Gruppierung bereits 1978 bei der hessischen Landtagswahl. Als die Grünen dann 1980 in Karlsruhe gegründet wurden, kamen auch die GLH-Mitglieder dazu. „Für mich war es ein unglaubliches Zusammentreffen von verschiedenen Gruppen, die sich auf die vier Grundpfeiler Ökologie, Basisdemokratie, Frieden und Soziales einigen konnten“, sagt Stürmer im Gespräch mit der OP über das Besondere der Grünen.

Von betagten Umweltschützern bis hin zu ursprünglich Linksradikalen hätten sich damals unterschiedliche Gruppierungen zusammengefunden, die „wirklich etwas Neues anfangen wollten“, so Stürmer. Er war auch eines von vier Mitgliedern der ersten Marburger Stadtparlamentsfraktion der Grünen Anfang der 80er-Jahre.

"Manche Kröte geschluckt"

„Aus meiner Sicht sind die Grundlinien der Politik seit damals geblieben“, zieht Stürmer eine Bilanz von 40 Jahre Grüne. Seine Partei habe in Marburg stets den Spagat zwischen konstruktiver Mitarbeit im Parlament und dem Vertreten von radikalen Positionen versucht. Nach der Verdoppelung des Wahlergebnisses in Marburg kam es dann 1985 zur rot-grünen Koalition zwischen SPD und Grünen. Essentiell seien dabei im Vorfeld die unter Beteiligung eines breiten Unterstützerkreises ablaufenden öffentlichen Fraktionssitzungen gewesen, um zu dokumentieren, dass Politik nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt wird.

Michael Vaupel aus Rauschenberg erinnert sich: „Ich bin 1985 bei den Grünen eingetreten, weil sich in Rauschenberg kurz vorher ein Ortsverband gegründet hatte. Damals standen die Grünen eher für eine linke Politik, der ich mich verbunden gefühlt habe.“ Vaupel habe alle Wendungen mitgemacht und dabei „manche Kröte geschluckt“. Nach wie vor, sagt der Rauschenberger, haben „die Grünen vor Ort wie auch im Bund auf die heutigen Fragen zum großen Teil die 
richtigen Antworten“. Die Grünen werden immer mehr zu einer Realo-Partei, meint Vaupel und bedauert: „Manchmal kommen mir dabei die Visionen zu kurz.“

Gegen die Atomkraft

Reiner Nau aus Kirchhain trat Anfang der 1980er-Jahre bei den Grünen ein: „Damals war ich als ehemaliger Soldat, der den Wehrdienst verweigert hatte, in der Friedensbewegung aktiv. Außerdem animierten mich die Planungen, im Raum Niederwald ein Atomkraftwerk zu bauen. Ich war strikt dagegen.“

Mit Blick auf das Jahr 2020 sieht Nau, dass die Grünen einen Lernprozess bei den Umsetzungsmöglichkeiten hinter sich haben: „Sie haben gelernt, in der Demokratie Kompromisse zu machen.“ Für manche Ziele sei eben lange Überzeugungsarbeit nötig, resümiert der Kirchhainer: „Die Grünen stehen für eine demokratische, ökologische wie auch soziale Gesellschaft.“

Gregor Hofmeyer, der bei den Gladenbacher Bürgermeisterwahlen als grüner Kandidat antritt, erklärt seine politische Orientierung so: „Ökologie treibt mich seit der Schulzeit um. Mir liegen Menschen, Tiere und Pflanzen sehr am Herzen. Alle sollten die Möglichkeit haben, auf unserer Erde gemeinsam gut zu leben.

Ich bin der Meinung, sie zu bewahren ist die Aufgabe eines jeden von uns. Denn wir haben den Planeten von unseren Kindern und Enkeln nur geliehen. Ich selbst versuche im Privatleben meinen Teil beizutragen – und seit 2015 auch auf politischem Weg.“ Aus der Protestpartei von 1980 sei eine Bündnispartei geworden, befindet Hofmeyer: „Das zeigt die gute Arbeit in elf von 16 Landesregierungen in Koalitionen ganz unterschiedlicher Konstellation.“

Auf die drängenden Fragen der Zeit hätten die Grünen überzeugende Antworten oder böten zumindest Anstöße, über die nachzudenken sich lohnt. „Eine Politik für die Breite unserer Gesellschaft, ökologisch, sozial, demokratisch und fair – dafür stehen die Grünen im Jahr 2020“, sagt der Bürgermeisterkandidat aus der Hinterlandgemeinde.