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Marburg „Die Gewerbesteuersenkung ist ein sehr wichtiges Signal für den Standort“
Marburg „Die Gewerbesteuersenkung ist ein sehr wichtiges Signal für den Standort“
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18:00 30.12.2021
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes im OP-Interview.
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes im OP-Interview. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Vor einem Dreivierteljahr übernahm Dr. Arnd Klein-Zirbes die Geschäftsführung der IHK Kassel-Marburg – inmitten der Corona-Pandemie. Im OP-Interview verdeutlicht er die Herausforderungen der Kammer.

Wie haben Sie seit Amtsantritt die Region kennengelernt?

Ausgesprochen positiv. Als ich mich vor meinem Wechsel mit dem Standort beschäftigt habe, wurde schnell klar: Hier gibt es viel Lebensqualität mit Natur und Naherholungsmöglichkeiten. Und es gibt zahlreiche Unternehmen aller Größen aus vielfältigen Branchen. Nicht nur neue Unternehmen wie BionTech prägen unseren IHK-Bezirk. Namen wie B. Braun Melsungen, Viessmann die Deutsche Vermögensberatung und Ferrero stehen seit langem beispielhaft für starke, bekannte inhabergeführte Unternehmen. Dazu kommen noch die zahlreichen „hidden beauties“. Und dann ist unser IHK-Bezirk natürlich auch ein großartiger Wissenschaftsstandort mit seinen Universitäten und dem Fraunhofer Institut.

Ich habe natürlich im Vorfeld auch geschaut, mit welchen ehrenamtlichen Gremien ich es in unserer IHK zu tun haben werde, insbesondere wie das Präsidium zusammengesetzt ist. Da wird einen ganz schnell klar: Das sind faszinierende Unternehmerpersönlichkeiten, die alle gewillt sind, den Standort nach vorne zu bringen. Und nur so geht’s.

Hinzu kommt, dass die Nord- und Mittelhessen es einem Neuen auch einfach machen, hier anzukommen. Von daher kann ich sagen: Alles richtig gemacht. Es ist eine tolle, wenn auch unterschätzte Region. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass da noch sehr viel Musik drin ist – und diese Musik sollten wir spielen.

Welche Töne schweben Ihnen dabei vor?

Trommeln gehört sozusagen zum Handwerk, auch, was Investoren und Fachkräfte angeht. Man kann in der Region sehr gut leben, hat sehr gute Arbeitgeber, eine sehr gute medizinische Versorgung und eine Uni – und kann vielleicht auch noch Wohneigentum erwerben, was in München, Frankfurt oder Köln nicht mehr so leicht möglich ist.

Andererseits sind wir auch damit gut beraten, wenn wir kluge Entscheidungen treffen und mit Blick auf den Pharmastandort in Marburg für eine gute Entwicklungsmöglichkeit sorgen. Die Unternehmen stehen auch konzernintern im Standortwettbewerb. Die Infrastruktur muss Schritt halten.

Das Spannungsfeld Verkehr ist in Marburg ein sehr großes. Wie kann es zwischen wirtschaftlichem Bedarf und Wohnqualität aufgeweicht werden?

Wichtig ist erstmal, sich zu vergegenwärtigen, dass Wirtschaft und Ökonomie Bedarfe haben. Viel hängt an den Unternehmen. Die Wirtschaft hat es verdient, kultiviert zu werden. Eine nachhaltige Entwicklung muss in dem Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Soziales gedacht werden. Ich kann jetzt nicht sagen, wo der Bagger in Marburg konkret graben sollte. Aber man ist gut beraten, wenn man in diesem Dreiklang denkt.

Es ist schön, wenn man ein gewisses Sentiment in die Betrachtung Marburgs legt. Aber es braucht auch Pragmatismus, denn die Beschäftigten müssen zum Standort kommen, Lastwagen müssen hin und zurück. Es geht eben doch nicht alles nur mit dem Lastenfahrrad. Zu sagen, dass der Tunnel nicht geht oder die Umfahrung nicht geht – das ist nicht so ganz das, was ich unter zukunftsfähiger Herangehensweise verstehe.

Stark diskutiert wird ja auch das Thema Gewerbesteuer: Zunächst die Rekord-Einnahmen, dann die Senkung. Wie wichtig ist das Signal für den Wirtschaftsstandort Marburg?

Die Gewerbesteuersenkung ist ein sehr wichtiges Signal für den Standort. Sie ist ein solidarisches Zeichen gegenüber allen in Marburg Gewerbesteuer zahlenden Unternehmen und trägt nachhaltig zur Stärkung der regionalen Wirtschaftskraft bei. Von den zukünftigen Gewerbesteuereinnahmen profitieren über entsprechende Umlagen darüber hinaus auch Landkreis, Landkreiskommunen und Land. Dieses Zeichen kommt in der Corona-Pandemie zur richtigen Zeit. Viele Unternehmen sind von der Pandemie stark getroffen. 

Übrigens: Wenn ein Standort wie Marburg die Gewerbesteuer senkt, dann können das andere vielleicht ja auch – selbst, wenn sie nicht unerwartete hohe Gewerbesteuereinnahmen erfahren. Es ist wichtig zu sehen, dass man die Steuerschraube nicht nur nach oben drehen kann. Steuern können auch gesenkt werden. Bei unserer jüngsten Standortanalyse mit der Befragung unserer Mitglieder steht die Höhe der Gewerbesteuer von der Bedeutung in Marburg im oberen Drittel – ähnlich, wie die Energiekosten.

Wo kann Marburg denn noch etwas für die Unternehmer nachlegen, um attraktiver zu werden?

Aus den Gesprächen mit den Unternehmern wissen wir, dass sie mit der Verwaltungsperformance nicht so richtig zufrieden sind. Wenn die Kfz-Händler zum Beispiel in der Corona-Zeit zu lange brauchen, bis sie ein Auto angemeldet bekommen – das könnte sich die Politik ja vielleicht mal anschauen.

Auf der anderen Seite muss man sagen: Das Thema „Stadtgeld“ zum Beispiel war sehr gut, auch von der psychologischen Seite betrachtet. Dass man die Menschen dadurch wieder in die Innenstädte und den stationären Handel bekommt – das war gut gemacht und ist ein Beispiel für andere Städte.

Der Kammerbezirk scheint relativ gut durch die Corona-Krise zu kommen. Woran liegt das?

Unsere Struktur scheint in der Tat krisenfest zu sein. Es gibt einen hervorragenden Unternehmensmix. Sowohl, was die Branchen angeht, als auch, was die Unternehmensgrößen angeht. Wenn ein bestimmter Bereich, etwa die Gastronomie oder der Tourismus, stark von Krisenerscheinungen betroffen ist, können das andere Branchen auffangen. Die Industrie spielt dabei eine wichtige Rolle, sie hat zum Glück einen hohen Anteil an unserer Wirtschaftsstruktur.

Hinzu kommt: Im Großen und Ganzen hat es bei uns mit den Corona-Hilfsgeldern gut funktioniert. Vor allem bei der Mikroliquidität wurde schnell gehandelt. Gehakt hat es ein wenig dort, wo der Bund Schnittstellen hätte herstellen müssen. Die Regierungspräsidien in unserem IHK-Bezirk haben eine gute Arbeit geleistet ebenso, wie die Arbeitsagenturen beim Kurzarbeitergeld. Und auch unseren IHK-Beratern wird gespiegelt, dass sie gut gearbeitet haben.

Wie sehr belastet der Fachkräftemangel die Region?

Das ist ein Thema, das unsere Unternehmen stark umtreibt. Zwar führt die Rationalisierung dazu, dass man weniger Beschäftigte braucht oder anders einsetzen kann. Dennoch haben wir zunehmend mehr unbesetzte Stellen und Ausbildungsplätze. Gerade in Marburg mit der sehr guten akademischen Hochschulbildung ist das präsent. Es ist gut, dass es die akademische Ausbildung gibt – doch braucht die Region am Ende auch und insbesondere die Fachkräfte, die dual ausgebildet sind. Da sehe ich uns als IHK stark gefordert, neue Wege zu finden.

Welche Lösungsansätze gibt es dafür aus Ihrer Sicht?

Wir müssen die Berufsorientierung stärken und sollten auch die MINT-Berufe in den allgemeinbildenden Schulen stärker bewerben. Wir müssen junge Menschen und deren Eltern und Großeltern gezielt ansprechen. Eltern sind immer maßgeblich an der Berufswahl der Jugend beteiligt. Das wird oft unterschätzt.

Erfahrungen, wie man an die jungen Leute kommt, haben Sie bereits bei der Handwerkskammer im Saarland gesammelt.

Ja, das hat auch gut funktioniert. Der dort etablierte Youtube-Channel zeigt die Vielfalt der Berufe – und mit einem Klick können junge Menschen von dort auf die Lehrstellenbörse kommen und sehen, wo sie die Ausbildung, die sie gerade im Video gesehen haben, auch tatsächlich machen können.

Das ist ein Format, das wir auch hier etablieren werden. Unsere Maßnahmen zur Fachkräftesicherung, so zum Beispiel die Ansprache von Studienaussteigern, stimmen wir grundsätzlich mit unseren Partnern wie den Arbeitsagenturen ab.

Und wie erwischen Sie die Eltern?

Natürlich wollen alle das Beste für ihr Kind – aber was ist denn das Beste? Das Versprechen, das vor 30 Jahren einmal galt – du machst Abitur, machst einen Studienabschluss und wirst dann sozusagen automatisch eine Führungskraft, mit der du es besser hast, als ich es hatte – gilt heute so nicht mehr. Denn es gibt genügend Studienzweifler und Studienabbrecher. Wir sollten noch deutlicher die Karrierechancen der dualen Ausbildung darstellen und zeigen, welche tollen Wege die Unternehmen heute anbieten. Das wird nur über Vorbilder gehen.

Was sind weitere Ansätze?

Ein Format könnte die Verbindung von Speed-Datings mit Live-Streams sein. Wir brauchen niedrigschwellige Angebote. Es gilt auch die zu erreichen, die vielleicht keine ganz so gute Bewerbungsmappe vorlegen, aber im persönlichen Gespräch überzeugen können. Hier werden wir Plattformen schaffen. Unsere Bildungsberater bilden wir vertrieblich weiter.

Wie schaut es beim Thema Gründung aus?

Was sich in Sachen Start-ups in der Region gerade tut, ist bemerkenswert – beispielsweise mit dem Lokschuppen in Marburg, der bald öffnen wird.

Doch es muss nicht immer eine Gründung sein: Auch das Thema Übernahme kann der entscheidende Schritt in die wirtschaftliche Selbstständigkeit sein. Dazu haben wir das Projekt „Nexxt now“ gestartet. Etwa ein Viertel unserer rund 80 000 Mitglieder, die ein inhabergeführtes Unternehmen haben, sind 55 Jahre alt oder älter. Das bietet immense Chancen, die wir nicht nur mit Beratungen unterstützen, sondern beispielsweise nun auch mit Podcasts und anderen Angeboten bewerben.

Es ist nicht gut, wenn Unternehmen still und leise vom Markt verschwinden, weil kein Übernehmer da ist. Man kann junge Menschen auch ermutigen, indem man ihnen sagt: Geht doch den unternehmerischen Weg.

Von Andreas Schmidt

30.12.2021
30.12.2021