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Marburg Die Geschichte von Dienstmann Christian
Marburg Die Geschichte von Dienstmann Christian
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20:00 28.04.2019
Dienstmann Christian an der Wasserscheide in der Marburger Oberstadt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Dienstmann Christian ist vielen Menschen aus Marburg ein Begriff, gerade den Alt-Marburger, von denen viele den wohl bekanntesten Kofferträger der Stadt noch selber auf seinen unzähligen Touren zwischen Hauptbahnhof und Oberstadt erlebt haben, ihn teils noch persönlich kannten. Christian starb 1965. Er war ein kleinwüchsiger, in Bescheidenheit lebender Dienstbote und in seinem Heimatort Hommertshausen wohl nicht gerade angesehen. Und dennoch wurde ihm mit der Bronzestatue an der Wasserscheide, auch als „Postbote” bekannt, ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt. Klein, mit einem Lächeln im Gesicht, Zigarre im Mundwinkel, in Dienstkleidung, die Tasche in der Hand – so kennt man den Marburger Dienstmann Nummer 4. Der ist Teil von Touristenführungen oder der Erinnerungstour des Schlossbusses.

Weniger bekannt ist über das Leben des Marburger Originals. Mit vollem Namen hieß er Christian Werner, soll im Jahr 1893 geboren worden sein und stammte­ gebürtig aus Hommertshausen. Das bestätigt Karin Werner, die sich als Dorfchronistin mit der Geschichte des Ortes befasst hat. Christians Familie stammte aus dem Dorf, er selber blieb zeitlebens ledig, lebte gemeinsam mit seiner Schwester auf dem Hof der Eltern, im „Schnaarjokobs Haus“. In Marburg geht zwar die Geschichte um, dass er am Ende seiner Tage verarmt im Marburger Arbeitshaus am Obermarkt gelebt haben soll – das kann Werner sich allerdings nicht vorstellen.

Täglich per Rad und Zug nach Marburg

Vielmehr soll er tagtäglich per Rad und Zug nach Marburg gefahren sein, ging dort seiner Arbeit nach. In seinem Heimatort war der Kleinwüchsige allerdings „wenig angesehen, er wurde im Dorf nicht ernst genommen“, erzählt Werner. Ein anderes Bild scheinen die Marburger von ihm zu haben. Zumindest im Rückblick sprechen viele vom „Marburger Original – Christian­ war überall bekannt, immer ein fröhlicher und ausgeglichener Mensch“, erzählt etwa Walter Weitzel aus Bauerbach, der den Dienstmann häufig in der Stadt antraf. Christian lebte in bescheidenen Verhältnissen, verdiente sich am Hauptbahnhof seinen Lebensunterhalt, trug Reisenden das Gepäck den steilen Schlossberg hinauf, verkaufte Rauchwaren oder übernahm Botendienste. Schon zu Lebzeiten war er stadtbekannt, stets bei Festumzügen dabei und täglich auf den Straßen unterwegs. „Ich sehe ihn im Geiste immer noch durch die Oberstadt laufen“, sagt Weitzel.

Seit Jahren wird die Symbolkraft des Christian in der Stadt kontrovers diskutiert. Manche sehen vor allem das Vermächtnis einer liebenswerten Persönlichkeit, andere erinnern an Spott und Hohn, den er zu Lebzeiten erdulden musste, sehen ihn auch als Symbol für einen zwiespältigen Umgang mit behinderten Mitmenschen, gerade zur damaligen Zeit. Denn Christian war kleinwüchsig, soll körperlich oder auch geistig behindert gewesen sein. Er ging lahm, war in der Stadt für seinen „schleichenden Gang“ bekannt und Ziel so mancher Spöttelei.

Auch hatte er zeitweise „seine Eigenarten, manchmal war er richtig grantig, wenn ihm was nicht passte, aber er war immer voller Lebenslust“, erinnert sich Alfred Urff aus Marburg, der Christian gut kannte. Und der war auch „ein Eigenbrötler“, dennoch bekannt wie ein bunter Hund, „er gehörte zu Marburg wie die Elisabethkirche, es gibt so viele Anekdoten über Christian“, berichtet Urff.

Ab und zu rief er ein Taxi

Eine Geschichte­ dreht sich etwa­ um seine Transportdienste. Er hatte einen­ zweirädrigen Karren, mit dem er die Koffer transportierte. Doch auch der fleißige Bote hatte wohl nicht immer Lust, den steilen Schlossberg hinauf­zustapfen. So kam es durchaus vor, dass er sich ein Taxi rief. Und gerade wohlhabenden Professoren habe der pfiffige Bote dann auch mal beide Dienste in Rechnung gestellt, erinnert sich Weitzel mit einem Schmunzeln.

Nach seinem Tod wurde Christian Werner auf dem Alten Friedhof in Hommertshausen beigesetzt. Die dortigen Gräber sind mittlerweile eingeebnet. Dafür wird er wohl in Marburg noch lange Zeit an der Wasserscheide stehen.

Die Statue des Christian wurde 1988 eingeweiht und sollte Passanten „an seine gelassene Lebenseinstellung erinnern“, hieß es während der Festrede, wie die OP damals berichtete.

An dem Standort wünscht sich mancher Marburger jedoch mehr Aufklärung über die historische Persönlichkeit. Einige sehen die „Würdigung“ des Dienstmannes zwiespältig. Die Statue sei zwar fester Bestandteil des Stadtbildes und beliebtes Fotomotiv, doch würden sich unter anderem junge Menschen oder Touristen über die „kleine witzige Figur“ lustig machen, findet Hartmut Möller aus Marburg. „Er war sicher ein Marburger Original, doch es fehlen einfach die Hintergründe, das muss nicht sein“, findet Möller. Für mehr Information sollte seiner Meinung nach eine Tafel an der Statue sorgen, „die mehr über den Menschen aufklärt und zum Nachdenken anregt“. Diesen Vorschlag habe er bereits dem Magistrat unterbreitet. Er würde sich eine weitere Inschrift neben der Skulptur wünschen.

"Etwas Heiteres und Schönes für Marburg"

Bislang gibt es nur eine Plakette zu Füßen der Bronze­figur. Diese weist auf den Künstler, den Biedenkopfer Bildhauer Paul Wedepohl, sowie auf den Stifter Hermann Reidt, Gründer und Leiter des früheren Lessing-Kollegs für Sprachen und Kultur, hin. Dessen Tochter Andrea Reidt erinnert sich noch an die Beweggründe des Vaters: Nicht die Behinderung, sondern die Figur des Christian, der als stets fröhlicher Gesell bekannt gewesen sei, sollte auch damals im Vordergrund stehen.

Ihrer Meinung nach müsse man den in Bronze verewigten Marburger Christian im damaligen historischen Kontext betrachten. Er ging „als liebenswertes Original“ in die Lokalgeschichte ein, nicht als Behinderter mit Inklusionsbedarf”, sagt Reidt. Ihr Vater wollte­ mit der lächelnden Christian-Skulptur nicht nur ein neues Kunstwerk von Künstler Wedepohl verewigen, sondern auch „etwas Heiteres und Schönes für Marburg, etwas mit Heimatanspruch – eben ein Original für die Stadt” etablieren.

von Ina Tannert