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Marburg Die Gefahr am Gleis fährt mit
Marburg Die Gefahr am Gleis fährt mit
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16:00 09.08.2019
Das Sicherheitsgefühl am Marburger Hauptbahnhof ist gerade bei älteren Bahnfahrern gesunken. Quelle: Cudi Altay
Marburg

Der Schrecken sitzt noch tief bei vielen Wartenden, die an den Gleisen am Hauptbahnhof stehen.

Innerhalb von nur zehn Tagen gab es mit den Taten in Voerde und Frankfurt zwei tödliche Angriffe an ­einem Bahngleis.

Erst am Montag soll ein 40-jähriger Eritreer einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter am Frankfurter Bahnhof vor einen ICE gestoßen haben.

Der Junge starb noch im Gleisbett, die Mutter konnte sich retten und wurde verletzt. Eine 78-Jährige, die auch attackiert wurde, brachte sich in Sicherheit, ohne auf die Gleise zu stürzen.

Die Gewalttaten sind auch in Marburg in den Köpfen der Menschen präsent, gerade am Gleisrand. Viele dort wartende Bahnfahrer äußern sich erschüttert über die Nachricht: „Ich finde das höchst tragisch und es macht mich betroffen“, sagt eine 71-jährige Marburgerin am Bahnsteig gegenüber der OP. Sie habe die Hoffnung verloren, solche Taten aus der Welt schaffen zu können, sagt die Frau. Manche Marburger Bahnfahrer sind geradezu schockiert und fassungslos: „Gerade als Frau muss ich doch Angst haben, mich an Bahnhöfen aufzuhalten – ständig wird jemand belästigt, bestohlen und jetzt noch auf die Gleise geschubst“, meint eine Frau. Dafür müsse man nicht nach Frankfurt fahren, das könne auch in Marburg passieren, schätzt eine 70-Jährige aus Marburg.

Frankfurt ist ein hartes Pflaster

Die älteren befragten Bahnfahrer sind sich einig, der tödliche Angriff sei eine Nachahmungstat eines psychisch kranken Mannes. Die jüngeren Bahnfahrer gehen mit dem Thema anders um. Im Gegensatz zu älteren Befragten wollen sich viele nicht zu den Taten äußern. Einige wenige teilen ihre Gedanken mit. Nach dem Angriff wird an vielen Stellen über Hintergrund und Herkunft vor allem des Frankfurter Täters diskutiert. Das sprechen manche offen an, andere sehen darin keine Begründung.

Jonas Müller aus Stadtallendorf glaubt nicht, dass Nationalität, Hautfarbe oder Herkunft für die Tat eine Rolle spielen – ausschlaggebend sei die psychische Erkrankung. „Es hat nichts mit der Nationalität zu tun, Deutsche können ebenso wie Ausländer Straftaten begehen“, sagt der 18-Jährige. Was das Thema Sicherheit angeht, habe er keine Bedenken. Frankfurt sei jedoch „ein hartes Pflaster“, in Marburg fühle er sich sicher. Diesen Eindruck bestätigten auch andere Fahrgäste jüngeren Alters. Auch an ihrem Verhalten am Gleis habe sich nichts geändert. Die „Problemzonen“ seien da eher Bahnhöfe in Großstädten, sagt ein junger Mann. Die Situation dort sei alleine aufgrund der Bevölkerungsdichte viel angespannter, „in Marburg geht es viel friedlicher zu als in großen Städten“, findet auch ein 27-Jähriger aus Wehrda.

Sorgen um Sicherheit nehmen bei Älteren zu

„Ich bin schon etwas älter und fühle mich nicht so sicher wie die Jugendlichen“, sagt dagegen eine 69-Jährige aus Cölbe. Ihrer Wahrnehmung nach, sei das Sicherheitsgefühl an Bahnhöfen generell und auch in Marburg nicht mehr so hoch. Und das nicht nur aufgrund der letzten Gewalttaten: Auch in der Lahnstadt würden ihrer Meinung nach Fälle von Alkoholmissbrauch und Körperverletzung am Bahnhof zunehmen. Das alleine würde sie schon „verängstigen“. Diesen Eindruck hatten auch andere Bahnfahrer.

Wirkt sich das nun konkret auf das Verhalten an der Bahnsteigkante aus? Dem ersten Eindruck nach nicht: Zwar halten sich die meisten – vor allem die älteren – an die Begrenzung der weißen Linie und warten abseits der Sicherheitsmarkierung. Einige laufen auch darüber, Eltern lassen ihre Kinder dort spielen. Auffällig dabei: Jugendliche und Erwachsene bis etwa 50 Jahre halten sich deutlich näher an der Bahnsteigmarkierung auf, ältere Menschen halten mehr Abstand.

Fahrgäste wünschen sich mehr Polizeipräsenz

Aber als der nächste Zug einfährt, drängt alles nach vorne. Im entscheidenden Moment wird die weiße Linie überschritten, jeder möchte zügig einsteigen. Die Gewohnheit übernimmt, so scheint es. Doch das Thema ist in den Köpfen: Alle Befragten teilen mit, dass sie sehr wohl darauf achten würden, sich der Bahnsteigkante nicht zu nähern. Gerade die ältere Generation. „Natürlich achte ich schon immer darauf, aber nach so einem tragischen Vorfall, passe ich schon mehr auf und halte mich vom Bahnsteig fern“, betont eine 60-Jährige aus Marburg.

Wie könnte das Sicherheitsgefühl künftig gesteigert werden? Man müsse gegenseitig auf sich achten, sich frühzeitig vor gefährlichen Situationen warnen, findet Richard Langfeld aus Wetter. Jedoch sei es auch verkehrt, sich nun Angst erfüllt Bahnhöfen zu nähern. Und ob präventive Sicherheitsvorkehrungen helfen, sei fraglich und an Bahnhöfen generell schwierig. Er wünsche sich dort jedoch mehr Polizeipräsenz, auch um solche Taten vielleicht zu verhindern, findet der 69-Jährige. „Natürlich kann man auch nicht in die Köpfe schauen, es gibt immer Menschen die anderen schaden wollen, ob sie krank sind oder nicht.“

von Cudi Altay