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Marburg Aquamar: Wie dauerhaft ist das Provisorium?
Marburg Aquamar: Wie dauerhaft ist das Provisorium?
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16:39 28.10.2019
Aus der Drohnenperspektive sieht man dem Dach des Aquamar die Schäden nicht an. Mindestens bis zum Jahresende, vermutlich aber noch einige Monate länger, bleibt das Hallenbad aus Sicherheitsgründen geschlossen. Foto: Tobias Hirsch Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Fest steht bisher nur so viel: In den verbleibenden zwei Monaten des alten Jahres wird kein Schwimmer mehr seine Bahnen im Hallenbad am Trojedamm ziehen. Wie es 2020 weitergeht mit dem Bäderbetrieb in Marburg, wird zum Teil davon abhängen, was die Untersuchung der Proben ergibt, die aus den beschädigten Deckenbindern entnommen wurden.

Wie kompliziert die Schadensanalyse und die daraus resultierenden Sanierungsmöglichkeiten zu sein scheinen, zeigt allein der Umstand, dass der Fachdienst Hochbau der Stadt Marburg an diesem Punkt mit einem Prüfingenieur und einem externen Planungsbüro zusammenarbeitet. Ein solches Planungsbüro betreibt auch der Marburger Josef Payer, der sich in Sachen Aquamar vor zwei Wochen mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies in Verbindung gesetzt hat.

Hintergrund

Das kombinierte Hallen- und Freibad Aquamar in Marburg wurde im Jahr 2002 nach zweijähriger Bauzeit am Trojedamm eröffnet – das Freibad ging im Juni an den Start, der Hallenbereich nahm am 6. Dezember seinen Betrieb auf. Im Jahr 2000 war das an gleicher Stelle befindliche „Sommerbad“ geschlossen worden. Die Gesamtkosten für das neue Aquamar mit kombiniertem Innen- und Außenbereich beliefen sich seinerzeit auf 15 Millionen Euro.
Ein Hauptkritikpunkt war zum Zeitpunkt der Eröffnung, dass es im Außenbereich des neuen Schwimmbades nur noch ein vergleichsweise kleines 25-Meter-Becken gab und auch das Hallenbad einen ­weniger sportlichen, sondern den Charakter eines Erlebnisbades hatte.

Payer hatte die Risse in den Deckenbindern aus eigenem Interesse ebenfalls in ­Augenschein genommen, und er kommt zu dem Ergebnis: „Mir erscheint die aktuelle Sicherheit im unteren Grenzbereich.“ Allerdings prognostiziert der Ingenieur, es könne massiv gefährlicher werden, wenn „im Winter ein Meter Schneehöhe vollflächig aufliegt“.

Die gesamte Bauweise des Aquamar-Daches bewertet Payer als höchst bedenklich und gefährlich: Die Holzbinderkonstruktion grenze an „fachtechnische Unzulänglichkeit und Unfähigkeit“, so das vorläufige Fazit des Ingenieurs, der trotz der massiven Schäden eine Sanierung und eine damit einhergehende Verstärkung der Deckenkonstruktion für möglich und sinnvoll hält.

Das Unternehmen, das für die Dachkonstruktion des im Jahr 2002 gebauten und eröffneten Hallenbades seinerzeit den Zuschlag bekam, ist nach OP-­Informationen nicht mehr am Markt. Gewährleistungsansprüche wird die Stadt also kaum geltend machen können, was auch wohl deshalb ausscheidet, weil das Schneiden von Löchern in die Balken zur Aufnahme von Leitungen zum Zeitpunkt des Baus durchaus gängige Praxis war.

Heute indes sei dies nicht mehr zulässig, hatte Oliver Kutsch, Fachdienstleiter Hochbau bei der Stadt, während ­eines früheren Besichtigungstermins erklärt. Das alles dürfte nicht mehr und nicht weniger bedeuten, als dass die Kosten für die Aquamar-Sanierung im vollen Umfang an der Stadt hängen bleiben.

Schulen und Vereine warten auf Entscheidungen aus dem Rathaus

Da ist guter Rat im wahrsten Sinne des Wortes teuer, doch was die schwimmende Öffentlichkeit vermutlich mehr interessiert als die Kosten, ist die spannende Frage, wie lange das Hallenbad im neuen Jahr noch gesperrt bleiben wird. „Die Planungen und die sorgfältige Berechnung der Statik, Ausschreibung, Vergabe und Ausführung der Arbeiten werden einige Monate in Anspruch nehmen“, so die offizielle Formulierung des Fachdienstes Presse- und ­Öffentlichkeitsarbeit: „Eine genaue Zeit- und Kostenschätzung ist daher noch nicht möglich.“

Insbesondere die Zeitschiene­ ist ärgerlich für jeden potenziellen Badegast, doch insbesondere für die vielen Gruppen, Klassen und Vereine wird jeder zusätzlich Monat ohne die Möglichkeit der Aquamar-Nutzung zur organisatorischen Belastungsprobe. Das sieht freilich auch Stadträtin und Bäderdezernentin Kirsten Dinnebier so: „Die Schließung des Aquamar stellt uns vor große Herausforderungen.“

Die zusätzlichen Öffnungszeiten des Schwimmbads in Wehrda sowie die Auslagerung von Trainingszeiten­ nach Ebsdorfergrund und Kirchhain sind allenfalls Not­lösungen. Und da bekanntlich nichts dauerhafter ist als das Provisorium, warten insbesondere Schulen und Vereine auf schnelle Entscheidungen aus dem Rathaus.

„Wir danken den Schulklassen und Vereinen, die in Wehrda ­etwas zusammenrücken und so möglich machen, dass wir viele­ Angebote dort unterbringen können“, sagt Kirsten Dinnebier, die hofft, dass in der kommenden Woche bereits erste Untersuchungsergebnisse vorliegen, die die weitere Sanierungsplanung für das Aquamar ermöglichen.

von Carsten Beckmann