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Marburg Die Frage nach der zweiten Dosis
Marburg Die Frage nach der zweiten Dosis
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11:59 13.01.2021
Eine Krankenpflegerin hält eine Ampulle mit Corona-Impfstoff zwischen den Fingern.
Eine Krankenpflegerin hält eine Ampulle mit Corona-Impfstoff zwischen den Fingern. Quelle: Archivfoto
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Marburg

Wann soll die Zweitimpfung mit dem Covid-19-Vakzin erfolgen? Kann die zweite Spritze doch später verabreicht werden, ohne dass es zu einer schwächeren Immunantwort kommt, die Antikörperbildung vielleicht sogar stärken? Diese Chance sehen heimische Immunologen ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI). Zumindest bei jüngeren, gesunden Menschen. Nur zu spät darf die zweite Dosis auch nicht kommen.

In der Debatte geht es generell um die Möglichkeit, die zweite Impfung zu verzögern, so dass mehr Menschen – angesichts knapper Impfstoff-Mengen – die erste Dosis erhalten könnten. Eine Verlängerung der Impf-Intervalle ist in der Fachwelt nicht unumstritten. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass man in Absprache mit der Ständigen Impfkommission beim bisherigen Konzept und der Frist zwischen Erst- und Zweitimpfung wahrscheinlich bleiben wolle. Auch weil die Datenlage zu einer Ausweitung der zeitlichen Abfolge noch recht dünn sei. Für das Biontech-Vakzin liegt das angedachte Impfintervall bei etwa drei Wochen, für den Moderna-Impfstoff bei vier Wochen.

Die Fachgesellschaft DGfl sieht eine spätere Zweitimpfung allerdings als machbar und weist in einer Mitteilung darauf hin, „dass bereits die erste Impfung ab Tag 14 einen beträchtlichen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bieten kann“. Auf eine zweite Injektion dürfe dabei nicht verzichtet werden, da nur dann eine maximale Antikörperantwort erreicht wird – diese könne aber auch später erfolgen. „Aus immunologischer Sicht kann das Zeitintervall für die zweite Impfung durchaus länger sein als 21 Tage, aber entscheidend ist, dass die zweite Impfung innerhalb von 60 Tagen erfolgt“, teilt die Gesellschaft mit.

Auch wenn noch keine Studiendaten zu einem längeren Zeitfenster vorliegen, „in dieser besonderen Pandemielage ist es vertretbar, mit den jetzt vorhandenen Impfdosen möglichst vielen Menschen erst einmal die erste Immunisierung zu ermöglichen, und die zweite Impfung verzögert“. Diese dann aber zwingend nach spätestens 60 Tagen. Diese Zeitspanne stützt sich auf Erfahrungen mit anderen Impfstoffen.

Der Abstand von drei Wochen zwischen erster und zweiter Impfung beruht auf Erfahrungen mit anderen Impfstoffen und habe sich bei anderen Studien als frühester Zeitpunkt für die zweite Impfung herausgestellt. Andernfalls könne die erste Immunreaktion die zweite blockieren.

Eine spätere Nachimpfung habe sich bei anderen Impfstoffen sogar als wirkungsvoller herausgestellt, die Immunreaktion könne „sogar fulminanter sein.“ Ob das bei den mRNA-Impfstoffen auch so ist, kann jedoch nur durch zusätzliche Tests gezeigt werden. Die DGfI empfiehlt daher, „umgehend“ begleitende wissenschaftliche Studien zur Auswirkung der Verlängerung der Impf-Intervalle auf bis zu 60 Tage durchzuführen. Probanden könnten dabei etwa Freiwillige aus medizinischem und Pflegepersonal sein, die selbst nicht zu gefährdeten Risikogruppen gehören.

Marburger Immunologe

Die Möglichkeit, den Zeitraum zwischen der ersten und zweiten Impfung zu strecken, sieht auch der Direktor des Marburger Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Philipps-Universität, Professor Michael Lohoff. Er ist auch ehemaliger Präsident der DGfl, rät dringend zu einer Schutzimpfung und befürwortet eine Erweiterung des Impf-Intervalls, legt sich aber nicht auf die 60 Tage fest.

Den besten Zeitraum für eine zweite Impfung sieht er zwischen dem 19. und dem 42. Tag nach der ersten Injektion – das hatte auch die Ständige Impfkommission bestätigt. Diese Zahlen beruhen ebenfalls auf der Zulassungsstudie des Impfstoffs, bei der wenige Probanden auch erst nach den üblichen drei Wochen die zweite Spritze erhielten.

„Man kann die Zweitimpfung strecken, die Zeit verdoppeln und viel mehr Menschen impfen“, erklärt Lohoff im OP-Gespräch. Wichtig dabei: Das längere Intervall solle nicht für Senioren im hohen Alter gelten, die ein schwächeres Immunsystem haben und weniger Antikörper bilden können. „Bei allen Hochrisikogruppen sollte man den Abstand zwischen zwei Impfungen möglichst kurz halten.“

In anderen Fällen, bei jüngeren, gesunden Menschen, könne eine Ausweitung der Zeitspanne sogar förderlich für den Impfschutz sein: Denn impft man zu früh nach, könnte jene, durch die erste Dosis gebildete Immunabwehr noch „zu aktiv“ sein, die Wirkstoffe der zweiten Impfung quasi „auffressen“, so der Immunologe. Bei einer Ausweitung des Zeitraums für Nicht-Risikogruppen sei man daher auf der sicheren Seite, man müsse generell „schneller werden bei den Impfungen und das Risiko ist relativ gering, dass der Impfschutz geringer ausfällt“.

Von Ina Tannert

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