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Marburg Echt krank oder bloß müde?
Marburg Echt krank oder bloß müde?
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11:24 15.07.2019
Pausen – die tun uns gut. In diesem Punkt sind sich die beiden Experten einig.  Quelle: Monique Wüstenhagen
Marburg

Krankenkassen weisen seit Jahren auf den Trend hin, im März hat ihn das Bundesarbeitsministerium quasi offiziell bestätigt: Die Fehltage wegen psychischer Probleme werden stetig mehr. In den Jahren von 2007 bis 2017 hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt. Psychische Leiden sind inzwischen der zweithäufigste Grund für Fehlzeiten – nach Muskel- und Skeletterkrankungen, womit vor allem Rückenprobleme gemeint sind. In Bezug auf die Erwerbsfähigkeit sind die Zahlen noch drastischer. Hier ist die Psyche mit Abstand die häufigste Ursache fürs vorzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben.

Die Linksfraktion im Bundestag gibt daran der modernen Arbeitswelt die Schuld. In einer Anfrage an den Bundestag bezeichnet die Fraktion arbeitsbezogene psychische Belastungen als großes gesellschaftliches Problem, unter dem vor allem Frauen leiden und von dem bestimmte Branchen besonders stark betroffen sind wie das Gesundheits- und Sozialwesen.

Jutta Krellmann, arbeitspolitische Sprecherin der Linken, wertet die Zahlen des Ministeriums gar als Beleg dafür, dass hierzulande viele Arbeitgeber auf Verschleiß fahren: „Starker Druck, hohe Flexibilität – immer schneller, immer mehr. Beschäftigte werden über ihre Belastungsgrenze getrieben.“

Der Coach sagt: Viele sind gar nicht krank, nur müde

Gerlinde Lamberty aus Oberrosphe sieht das anders. Die gelernte Pädagogin arbeitet als Unternehmensberaterin und Coach. „Ich bestreite, dass es sich bei den genannten Fällen immer um psychische Erkrankungen handelt”, sagt sie. Ihre These: „Viele Menschen sind schlicht erschöpft und müde.“ Und mit der Arbeit habe das oft gar nichts zu tun.

„In unserem hektischen, mit Medien überfrachteten Alltag machen Menschen zu wenige wirkliche Pausen“, sagt Lamberty. Radio, Netflix, Fernsehen, Facebook: Angesichts dieser Flut an Informationen falle immer mehr Menschen das Abschalten schwer – und das in doppelter Hinsicht.

„Ich kenne viele Menschen, die das Handy sogar mit ins Bett nehmen“, erzählt sie. Da bleibe der Körper quasi in Rufbereitschaft. Regeneration finde kaum noch statt, was sich unter anderem an der Herzfrequenz ablesen lasse. Die Folge des Schlafmangels: Die Menschen sind erschöpft. Sie können sich schlecht konzentrieren, fühlen sich überfordert und schaffen nicht mal annähernd ihr übliches Pensum.

Es kommt zu Fehlern, Selbstzweifeln, Angst vor Neuem und dem Gefühl: Alles ist zu viel. Ihr Rat lautet deshalb: Macht Pausen! „Unser Körper braucht zur Erholung über den Tag verteilt mehrere kleine Ruhemomente – ohne Bildschirm, ohne Berieselung, ohne Informationsaufnahme“, sagt Lamberty. Das seien die Momente, die uns gesund halten. 

"Wir arbeiten immer mehr mit dem Kopf"

Ihr Tipp für die Pause an der Arbeit: Anstatt die WhatsApp-Nachrichten zu checken, lieber mit Kollegen Kaffee trinken, durch den Park spazieren oder einfach mal ein paar Minuten aus dem Fenster schauen. Ihr Tipp für die Pause zu Hause: Im Zweifel einfach mal das Handy ausschalten.

Auch gut: Etwas ganz bewusst mit den Händen machen, zum Beispiel stricken oder gärtnern. „Wir arbeiten immer mehr mit dem Kopf. Dabei tut es prinzipiell gut, etwas mit den Händen zu machen, weil man da in Kontakt mit sich selbst kommt.“

Lamberty hält nicht viel davon, Arbeitgeber pauschal für die Erschöpfung ihrer Mitarbeiter verantwortlich zu machen. „Arbeit ist grundsätzlich wertvoll für Menschen“, sagt sie. Und die Pausen, die gesund halten, verpassten Menschen nicht nur im Arbeits-, sondern auch im Privatleben, zum Beispiel durch exzessiven Medienkonsum.

„Es gibt natürlich auch Firmen mit menschenverachtenden Strukturen, die krank machen“, räumt Lamberty ein. In Zeiten des Fachkräftemangels stünden die Türen für Mitarbeiter allerdings weit offen, Gestalter zu sein. „Wer kann es sich denn heute noch leisten, Mitarbeiter zu verlieren?“

Der Arzt sagt: Die Zahl korrekter Diagnosen steigt

Professor Michael Franz ist ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Gießen-Marburg. Wie Lamberty geht auch er nicht davon aus, dass immer mehr Menschen an psychischen Störungen erkranken. Allerdings aus anderen Gründen.
„Was wir momentan erleben, ist keine Zunahme psychischer Erkrankungen, sondern das Sichtbarwerden des wahren Bestands“, sagt Franz. Die Zahl psychischer Erkrankungen sei über die Jahre nahezu konstant. Was sich verändert habe, sei die Zahl der korrekten Diagnosen.

„Auch in den 1980er-Jahren litten Millionen Deutsche an Depressionen“, sagt der Mediziner. Auf dem Attest hätten damals aber oft andere Diagnosen gestanden. „Ärzte und Patienten schauten damals noch eher auf körperliche Symptome; bei Depressionen wurden dann beispielsweise Kopfschmerzen behandelt.“

Franz zufolge werden Medizinstudenten heute besser ausgebildet in Bezug auf die Diagnose psychischer Erkrankungen. Und Patienten seien eher bereit, eine solche Diagnose zu akzeptieren. „In der Nachkriegsgeneration waren Menschen mit psychischen Erkrankungen stigmatisiert“, erinnert er. Das sei inzwischen anders. All die Psychotests in Frauenzeitschriften – die laut Franz mitunter gar nicht schlecht sind – zeigten, dass Menschen offener seien, psychische Probleme zu thematisieren.

Regelmäßige Bewegung und Auszeiten

Dass Angststörungen, Depressionen und Co. immer häufiger korrekt diagnostiziert und behandelt werden, sei eine gute Sache. „Denn es lohnt sich, sich behandeln zu lassen“, sagt Franz. Als Beleg führt er an, dass es 1980 in Deutschland noch rund 18.000 Suizide gab, und 2016 nur noch 9.800. „Während die Zahl der Diagnosen stieg, hat sich die Suizidrate halbiert – das hängt klar zusammen.“

Die moderne Arbeitswelt für die Verbreitung psychischer Erkrankungen verantwortlich zu machen, greift für Franz zu kurz. „Arbeit an sich macht nicht krank. Stress ist – in bestimmten Dosen – sogar entwicklungsfördernd“, sagt er.
Darauf sollten sich Arbeitgeber aber nicht ausruhen.

Denn sie könnten viel für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun, angefangen damit, ihnen genug Anerkennung zu geben. „Mitglied im Bündnis gegen Depression zu werden, kann auch nicht schaden“, sagt Franz. Daneben habe jeder Mensch aber auch eine gewisse Verantwortung für sich selbst. Franz’ Alltagstipp zur Selbstfürsorge? Regelmäßige Bewegung und regelmäßige Auszeiten. „Schon in der Bibel steht: Am siebten Tage sollst du ruhen.“

von Friederike Heitz