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Marburg „Die Faxen dicke“: Corona-Frontkämpferin packt aus
Marburg „Die Faxen dicke“: Corona-Frontkämpferin packt aus
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13:58 06.11.2020
Beatrice Weiß ist Medizinische Fachangestellte in Stadtallendorf und zeigt eine Krankmeldung. Sie berichtet – Stichworte Corona-Tests und Telefon-Krankschreibung – über den Stress in der Corona-Pandemie und wie sie und ihre Kolleginnen mitunter von Patienten angegangen werden. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Stadtallendorf

Der Dampf steigt in feinen Schwaden aus der Tasse. Kaffeeduft liegt in der Luft des leeren Raums. Beatrice Weiß setzt sich auf einen Stuhl in dem Zimmer, das sie seit Monaten nicht mehr leer gesehen hat und schnauft durch. Endlich. Ruhe, ein Moment ohne Hektik, ohne aufgewühlte Menschen, denen nur noch eines im Kopf herumschwirrt: Corona – bin ich infiziert? Und die Weiß beruhigen muss. „Das laugt aus. Ich, wir hier vorne“, sagt sie und deutet auf den mit Plexiglasscheiben gesicherten Empfangsbereich, „wir sind der Prellbock des Frusts, der sich in der Pandemie aufstaut.“

Weiß ist Medizinische Fachangestellte, mehr noch: Sie ist Managerin der Gemeinschaftspraxis Heinzl/Fraß/Weiershausen in der Niederkleiner Straße in Stadtallendorf, eine der größten Arztpraxen Hessens. An normalen Tagen – das heißt ohne Pandemie – kümmern sich die Medizinhelferinnen im ersten Stock des Gebäudes täglich um hunderte Patienten. Seit März, mehr denn je seit Oktober und dem Wiederaufflammen des Covid-19-Infektionsgeschehens, habe sich „der Andrang zu einem Ansturm“ entwickelt.

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Täglich gelte es, mehr als 300 Telefonate von Patienten entgegenzunehmen – wahrlich nicht nur mit Corona-Bezug. Weiß und ihre Kolleginnen haben sich vor allem wegen der nun möglichen telefonischen Krankschreibung mehr denn je zu Hilfsärzten, zu Medizin-Beraterinnen entwickelt. Sie sprechen mit den Anrufern – sofern diese überhaupt auf einer der „von morgens bis abends heiß laufenden“ Leitungen durchkommen, mitunter müssten sie Stunden, gar Tage warten – über Husten, Schnupfen, Heiserkeit, über Rückenschmerzen und Prellungen.

Doch die Corona-Angst überrennt die Medizinischen Fachangestellten, „das überlagert und verdrängt alles und jeden“, sagt Weiß. Heißt: Eben weil täglich dutzende Abstriche für Corona-Tests gemacht werden, dazu ständiges Desinfizieren etwa von Türklinken, sowieso die Bürokratie, ist für kaum etwas anderes Zeit, also nicht für andere Erkrankte. Schon gar nicht im Corona-Hotspot Stadtallendorf, mit seinen rund 200 aktiven Fällen.

„So viel Anspannung und Beschimpfungen: Das nimmt einen mit“

Weiß hält es für „kaum noch zu verantworten“, dass die normalen Krankheiten, Verläufe auch von schweren Erkrankungen, ja weiter gingen und deren Behandlung, Routine- und Kontrolluntersuchungen eben wegen des Corona-Andrangs auf die lange Bank geschoben werden. Termine etwa für Herzpatienten? In ein paar Wochen. Schon seit langem bestehende Termine? Verschoben, um Wochen. Rezept abholen? Versuchen Sie es später nochmal.

Bei den Patienten „staut sich natürlich, und nicht mal zu Unrecht, etwas an. Aber so viel Anspannung, auch Beschimpfungen habe ich noch nicht erlebt. Das nimmt einen sehr mit“, sagt Weiß, seit 40 Jahren im Beruf. Sie stelle fest, – und das bestätigen viele Ärzte – dass es entgegen dem Solidaritätsgerede jedem Einzelnen „ eben doch nur um sich, sein Anliegen, seinen Test, sein Ergebnis“ gehe. Rücksichtnahme? Achtsamkeit? „Fehlanzeige“, sagt Weiß.

Für Weiß wie viele andere Berufskolleginnen frustrierend: Stets werde auf Krankenhäuser, das dortige Pflegepersonal geschaut, diese umjubelt und als „Corona-Helden“ gefeiert. Die Medizin-Helferinnen? Kein Wort, bis zuletzt hatten sie nicht mal Anspruch auf Gratis-Corona-Tests. Dabei, so Weiß, seien es doch sie in den Arztpraxen, die „täglich an der Front stehen und den Wahnsinn bewältigen. Wir stecken in diesem Krieg den Kopf aus dem Schützengraben.“ Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: So nah wie Weiß und den Hausärzten kommen Infizierte kaum einem anderen. Und schon mehr als einmal liefen Positiv-Getestete plötzlich durch die Flure, standen Infizierte in der nicht enden wollende Warteschlange bis hinaus auf den Gehweg.

Erst der Druck der Patienten, dann die Last der Bürokratie

Zu all dem Druck und den zu schlichtenden Streits komme noch die überbordende Bürokratie der deutschen Teststrategie. Und mitten drin die Medizinischen Fachangestellten, die den Überblick behalten müssen – den Überblick über zig Seiten voller Informationen über verschiedene Test-Vorgehensweisen bei unterschiedlichen Personen- und Berufsgruppen, wechselnde Abrechnungsmodelle und Eintragungen in Datenbanken. „Das ist der Horror“, sagt Weiß.

Ein Beispiel: Lehrer, die Anspruch auf regelmäßige Corona-Tests haben, durfte man nur von Montag bis Donnerstag testen. Dann plötzlich nur noch von Montag bis Mittwoch. Und im 14-Tage-Takt. Ein Arzt, der am 13. Tag testet oder an einem Freitag – der bekommt die Kosten nicht erstattet. Einzelfälle? Nein, sagt Weiß, ständig bliebe man auf Kosten sitzen. Resultat: Bei den Doktoren Heinzl/Fraß/Weiershausen testet man keine Lehrer mehr, zu viele Scherereien mit dem System.

Und dann gibt es ja noch die Grippe-Impfung. Weiß: Nach über mehrere Wochen 80 verabreichten Dosen pro Tag, hier frühestens Ende November wieder möglich. Und wie viele Dosen – das wissen sie noch nicht. Dabei schießt die Influenza-Impfquote in diesem Jahr in die Höhe. „Gefühlt will sich jeder dieses Jahr immunisieren lassen.“ Kein Impfstoffmangel, noch Millionen vorhandener Dosen, wie die Bundesregierung sagt? Darüber schütteln sie in Stadtallendorf den Kopf. „Man erkläre mal jemandem, dass hier kein Stoff mehr da ist, wenn die Politik etwas anderes sagt.“

„Die Faxen dicke“, wie Weiß sagt – das haben nicht nur die Patienten.

Von Björn Wisker