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Marburg Die Entdecker des Marburg-Virus
Marburg Die Entdecker des Marburg-Virus
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08:59 14.05.2022
Das Marburg-Virus war erstmals unter dem Elektronenmikroskop im Hamburger Tropeninstitut zu sehen.
Das Marburg-Virus war erstmals unter dem Elektronenmikroskop im Hamburger Tropeninstitut zu sehen. Quelle: Günther Müller
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Marburg

Im August 1967 ereignete sich der erste Ausbruch einer rätselhaften Epidemie in Marburg. Die zunächst als „Affenseuche“ bekannt gewordene Krankheit war vom Marburg-Virus verursacht worden.

Er gilt als Entdecker des Marburg-Virus: Der heute 88-jährige Wissenschaftler Werner Slenczka war im Jahr 1967 als Forscher am Uni-Institut für Virologie beschäftigt. Dass das Marburg-Virus – der Verursacher der erstmals vor 50 Jahren in Marburg aufgetretenen hochgefährlichen Krankheit – so schnell identifiziert worden sei, sei auch das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit gewesen, sagte Slenczka im Jahr 2017 im Gespräch mit der OP.

Doch Slenczka hatte damals eine ganze Menge mit dem ­Erfolg zu tun. Als Ende August 1967 die ersten Zeitungsberichte über die Erkrankungen von mehreren Mitarbeitern der Marburger Behring-Werke ­veröffentlicht wurden, befand sich der damals 33-Jährige zusammen mit seiner Familie im Urlaub auf der Nordseeinsel Baltrum, den er auch regulär Anfang September beendete. Als Slenczka wieder nach Marburg zurückgekehrt war, herrschte dort Ausnahmezustand, und es hatte eine fieberhafte Suche nach dem Auslöser für die bisher völlig unbekannte Krankheit begonnen, die neben vielen weiteren Symptomen mit hämorrhagischem Fieber und damit verbundenen starken äußeren Blutungen einherging.

„Die Leute waren alle­ bedrückt. Zwei Patienten waren­ schon gestorben. Bereits beim Frühstück hörten wir Martinshörner und dachten, dass schon wieder neue Patienten eingeliefert werden“, erinnerte sich Slenczka. Die Suche nach dem Erreger war zunächst nicht Slenczkas Aufgabe gewesen. Denn nominell war er im Virologie-Institut im Lahntal als Forscher beschäftigt, und zunächst waren die Mediziner aus der Krankenversorgung dafür zuständig. Slenczka hatte mitbekommen, dass sich die Wissenschaftler bisher vergeblich um eine Identifikation des Erregers bemüht hatten.

Sie hatten versucht, Meerschweinchen mit dem potenziellen Erreger zu infizieren und damit zu Ergebnissen zu kommen. Doch die damals herkömmlichen Methoden führten in die Sackgasse, und so schlug Slenczka den Einsatz der Immunfluoreszenz vor, bei der unter dem UV-Mikroskop kleinste Zellstrukturen mit leuchtender­ grüner Farbe markiert wurden. Er erhielt von seinem Chef Professor Rudolf Siegert die Genehmigung zu Untersuchungen von unterschiedlichen Blutproben (Seren). Am 20. Oktober 1967 kam der Durchbruch. Slenczka gelang es, in der Blutprobe eines der infizierten Tiere ­einen Einschlusskörper in einer Zelle nachzuweisen, der seiner Einschätzung zufolge eindeutig auf einen Virus hindeutete.

Er war sich ganz sicher, dass er bei der Suche nach dem Erreger erfolgreich gewesen war, wie er 50 Jahre später im Gespräch mit der OP erzählt. Die endgültige Bestätigung kam kurze Zeit später: Eingesandt wurde die fixierte Blutprobe an das Tropeninstitut in Hamburg, das über ein deutlich besseres Elektronenmikroskop und größeres Know-how in der Analyse verfügte. Drei Tage später wurde dann das Marburg-Virus in Hamburg unter dem Mikroskop von dem dortigen Institut-Mitarbeiter, Dr. Günther Müller, zum ersten Mal weltweit beobachtet und dokumentiert.

Als 19-jährige Berufseinsteigerin arbeitete Friederike Moos im Jahr 1967 bei den Behringwerken, als dort in der Firma das „Marburg-Virus“ ausbrach. Die damalige Biologielaborantin arbeitete in der Abteilung „Gewebekultur“ und erlebte die dramatischen Wochen der Ungewissheit im Sommer 1967 mit. „Ich habe diese ganze Zeit als sehr gefährlich und aufregend erlebt“, berichtet sie im Gespräch mit der OP. Schließlich sei damals in Marburg am Standort der Behringwerke ein völlig unbekannter Erreger aufgetreten, der eine verheerende Krankheit übertragen habe. Die schließlich erfolgreiche Suche nach dem Erreger, dem Marburg-Virus, habe von daher auch eine historische Dimen­sion gehabt.

Friederike Moos zog im Jahr 1969 nach der Beendigung ihrer Lehre weg aus Marburg und fand eine Stelle in Freiburg, auch in ihrem erlernten Beruf als ­Laborantin. Nach ihrer Pensionierung fand sie die Zeit, die Erlebnisse von damals aufzuarbeiten. In dem Buch mit dem Untertitel „Meine Begegnung mit dem Marburg-Virus“ zeichnete sie die Geschehnisse von damals nach. Die ehemalige Behring-Mitarbeiterin beschreibt in ihrem Buch chronologisch die wenigen Wochen vom Ausbruch der ersten Virus-Erkrankung bis zur Eindämmung der Krankheit.

Am Montag, 14. August 1967, gab es die ersten Vorboten der herannahenden Krankheitswelle, berichtet Moos. Denn ein Tierpfleger aus ihrem Laborteam meldete sich krank. Zudem wurde ihr am Abend auch bekannt, dass mehrere andere Tierpfleger – eigentlich als robuste Naturen bekannt – sich wegen Unwohlseins spontan krankgemeldet hatten. Am darauffolgenden Tag fehlten drei Tierpfleger aus der Affenhaltung in ihrem Haus wegen Krankheit. Bald war klar, dass die Krankheit von den für die Impfstoffproduktion eingesetzten aus Afrika stammenden Affen übertragen wurde. Bis zum Wochenende häuften sich die Erkrankungen. Am Samstag, 19. August, wurde der erste Kranke in die Klinik eingeliefert. Rund eine Woche nach den ersten Erkrankungen begannen auch die Medien über die Vorfälle zu berichten.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Mehrere Tierpfleger­ starben. Auch ihr unmittelbarer Vorgesetzter erkrankte erst schwer und starb dann am 3. September an den Folgen der Viruserkrankung. „Er war ein liebenswerter Mensch und Chef“, erinnert sich Friederike Moos. Besuche der Patienten auf der in der Marburger Innenstadt befindlichen Isolierstation seien nicht möglich gewesen, da diese Station streng von der Außenwelt abgeschnitten gewesen sei. Auch Telefonate mit den Kranken seien nicht erlaubt gewesen, um diese nicht unnötig mit der Dramatik zu belasten.

Genau erinnern kann sich Friederike Moos noch daran, dass sie Anfang September 1967 ganz alleine im Aufenthaltsraum ihrer Abteilung saß. „Die hatten mich vergessen“, meint sie. Im allgemeinen Chaos war anscheinend auch noch untergegangen, dass sie nicht mehr zu den Auszubildenden der Firma gehörte, weil diese Ausbildung eigentlich offiziell Anfang September zu Ende gehen sollte. Wie auch viele ihrer Kollegen hatte auch die junge Laborantin große Angst, dass sie auch von dem todbringenden Virus angesteckt werden könnte, was aber bei ihr glücklicherweise nicht der Fall war.

Friederike Moos: In uns und um uns. Meine Begegnung mit dem Marburg-Virus. Mabuse-Verlag. 140 Seiten. 16.90 Euro.

Im Oktober 2007 erzählte der damals 81-jährige Chemiker der OP von dem Moment, in dem er vor Begeisterung ganz aufgeregt wurde. Müller hatte damals eine Blutprobe der durch Marburger Virologen mit dem bis dato noch unbekannten Virus infizierten Meerschweinchen auf Netzträger zentrifugiert. „Beim Einschalten des Mikroskops war das ganze Feld voll mit Partikeln gleicher Form und Größe. Mir war auf den ersten Blick klar, dass ich das Virus gesehen hatte, das die Forscher auf der ganzen Welt gesucht hatten“, erinnerte sich der Chemiker. „Es war absolut unglaublich, in welcher Menge man die Viren sah.“

Die erfolgreiche Suche nach dem Marburg-Virus sei ein Beispiel dafür gewesen, dass Grundlagenforschung plötzlich große Bedeutung erhalten konnte. Der Hauptverdienst habe aber den Marburger Virologen gebührt, die den hochinfektiösen Erreger angezüchtet und den Hamburger Forschern zur Verfügung gestellt hatten.

 Offiziell als Marburg-Virus benannt wurde das Virus dann nach einem wissenschaftlichen Symposium in Marburg im Jahr 1970. Somit waren die Marburger Forscher um Werner Slenczka schneller und erfolgreicher als die Kollegen aus Frankfurt, Freiburg, Salis­bury (England), Atlanta (USA) und Belgrad. Für Slenczka beeinflusste das Marburg-Virus auch seinen weiteren akademischen Karriereweg. Er habilitierte sich und wurde Professor. Von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2000 war er stellvertretender Leiter des Marburger Uni-Institutes für Virologie.

Von Manfred Hitzeroth

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