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Marburg Die Burka ist zurück
Marburg Die Burka ist zurück
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13:59 13.05.2022
Frauen warten auf Lebensmittelrationen.
Frauen warten auf Lebensmittelrationen. Quelle: Ebrahim Noroozi/AP/dpa
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Marburg

Die Vollverschleierung ist zurück: In Afghanistan haben die islamistischen Taliban Frauen in der Öffentlichkeit zum Tragen einer Kopf- und Gesichtsbedeckung, möglichst einer Burka verpflichtet. Dies zu tun sei „traditionell und respektvoll“, sagte Taliban-Anführer Hibatullah Achundsada am vergangenen Wochenende. Bei Verstößen drohen Frauen ab sofort Strafen bis hin zu Gefängnis, auch für männliche Verwandte, die als „Aufpasser“ der Frauen fungieren sollen.

Die Burka ist eine Art Überwurf mit engmaschigem Augengitter, der den Körper vollständig bedeckt. Sie ist keine traditionell islamische Bekleidung. Verbreitet war sie – bis zur vorübergehenden Vertreibung der Taliban – in Afghanistan und Pakistan.

Der Niqab wird in der Vollverschleierungsdebatte oft mit der Burka verwechselt. Zwar bedeckt auch der Niqab das Gesicht, es bleibt jedoch ein kleiner Sehschlitz frei. Kombiniert wird er mit einem langen Gewand.

Der Tschador ist ein bodenlanger, dunkler Umhang, der vor allem im Iran getragen wird. Er verhüllt den Körper und den Kopf, das Gesicht aber bleibt frei.

Der Chimar ist ein langer Schleier. Er reicht bis zur Taille und wird in verschiedenen, durchaus in bunten Farben getragen.

Der Hidschab ist ein Kopftuch, das mal locker und leger, mal eng um den Kopf gebunden wird. Darüber, ob es eine religiöse Pflicht ist, Kopftuch zu tragen, gibt es unterschiedliche Auslegungen und Auffassungen.

Bei den neuen Vorgaben handelt es sich um eine der bislang striktesten Einschränkungen für das Leben afghanischer Frauen seit der erneuten Machtübernahme der radikalen Islamisten im vergangenen August. „Jene Frauen, die nicht zu alt oder zu jung sind, müssen gemäß den Scharia-Richtlinien ihr Gesicht mit Ausnahme der Augen bedecken“, hieß es. Auf diese Weise sollten „Provokationen“ in der Begegnung mit Männern vermieden werden, die keine engen Verwandten sind. Kurz nach ihrer Machtübernahme im August vergangenen Jahres hatten die Taliban eine moderate Regierung versprochen. In den vergangenen Monaten wurden jedoch zahlreiche Freiheiten von Frauen beschnitten. Zehntausende Frauen, die für die Regierung gearbeitet hatten, verloren ihre Jobs. Frauen dürfen das Land zudem nur noch in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen.

Bei von der OP befragten Muslimen in und um Marburg stößt die Entwicklung in Afghanistan auf Unverständnis. Der OP erzählen sie, was sie von Verhüllungsvorschriften halten, wie ihre Erfahrungen sind und wie sie den Islam praktizieren.

Die Burka als Mittel zur Flucht

„Eine Burka lässt die Persönlichkeit erlischen, sie zerstört die eigene Einzigartigkeit, macht ohnmächtig und jeder Tag darin ist eine schwarze Zeit“, sagt Ghafury.
Sie selbst, Anfang der 1990er-Jahre wegen der Mudschaheddin – der Vorgänger und zugleich Keimzelle der späteren Taliban – aus Afghanistan geflohen, trug einst eine Burka. „Sie war für mich damals ein Mittel für die Flucht, niemand erkannte mich darunter, als ich aufbrach, um das Land zu verlassen. Dafür war die Burka gut.“
In ihrer ganzen Familie trug das Kleidungsstück aber niemand, viele auch außerhalb der großen Städte wie Kabul trugen nicht mal Kopftuch, eher lockere Schals und bunte, fröhliche Gewänder – so oder so: selbstbestimmt.
„Alle, die für Emanzipation kämpfen und kämpften, wissen, was die Burka ist und warum sie eingesetzt wird: Als Symbol, dass die so starken afghanischen, muslimischen Frauen keine vollwertigen Menschen sind. Es ist eine Tragödie, dass Frauen nun schon wieder Erfahrungen in und mit einer gewissen Freiheit gemacht haben und das nun wieder genommen bekommen.“ -Shaima Ghafury floh Anfang der 1990er-Jahre aus Afghanistan

Übertreibung, die Glauben ins Schlechte zieht

„Nichts könnte falscher sein, als eine Frau in eine Burka zu zwingen. Es ist verkehrt, aus sozialer und aus religiöser Sicht, es ist keine islamische Sitte, keine Norm in normalen Familien – auch nicht in meiner“, sagt die Friseurmeisterin mit eigenem Laden in Wetter. Beim Kopftuch sei das zwar etwas anders – aber selbst das sei für viele Frauen schon lange „mehr ein Mode-Accessoire“ als ein Glaubensbekenntnis. „Ich habe die Moschee besucht, den Koran gelesen – meine Eltern haben mir alles rund um den Glauben gezeigt, aber mich immer frei entscheiden lassen. Und Zwang kann ja auch zu nichts Gutem führen, keiner wird dadurch gläubiger, nur vielleicht gehorsamer.“
Gerade weil sie nicht sehr gläubig sei, schmerze sie der – auch in ihrem Umfeld im Landkreis vereinzelt vorkommende – Anblick von Kindern und Jugendlichen in Vollverhüllung. „Eine völlige Übertreibung, die den Glauben ins Schlechte zieht.“ Zwischen sich sexy anziehen, um Aufmerksamkeit fremder Männer zu kriegen, und Burka zu tragen, gebe es sehr viel Spielraum und jede muslimische Frau sollte das Recht haben, ihre Wertvorstellungen zu entwickeln und danach zu leben. „Ist das nicht das Mindeste?“ -Süheyla Caiada betreibt einen Friseursalon in Wetter. 

Religion ohne Zwang

„Kein Zwang im Glauben – daran orientieren wir uns“, sagt Bilal El-Zayat, der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde in Marburg, mit Verweis auf einen entsprechenden Koranvers. Dieser Ansatz sei auch die Grundlage der religiösen Inhalte, die in der Moschee verbreitet werden. - Bilal El-Zayat ist der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde in Marburg.

Von Björn Wiskerund unserer Agentur

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