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Marburg „Die Bundesnotbremse ist ein Dauer-Lockdown für die nächsten Monate“
Marburg „Die Bundesnotbremse ist ein Dauer-Lockdown für die nächsten Monate“
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08:00 21.04.2021
Quelle: Foto: Julian Stratenschulte
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Marburg

Am heutigen Mittwoch will der Bundestag über die Änderungen im Infektionsschutzgesetz abstimmen. Doch die „Bundesnotbremse“ werde nicht ausreichen, um schnell und auf Dauer aus der Pandemie herauszukommen. Davon jedenfalls ist Professorin Elvira Rosert überzeugt. Die Juniorprofessorin für Politikwissenschaft an der Universität Hamburg setzt sich mit anderen namhaften Wissenschaftlern – wie der Virologin Professorin Melanie Brinkmann und Professor Dr. Andreas Peichl von Ifo-Institut – für die sogenannte „No-Covid-Strategie“ ein. Deren Ziel ist es, die Inzidenzen konsequent auf ein möglichst niedriges Niveau zu senken. Dort, wo das gelingt, sollen sogenannte Grüne Zonen errichtet werden, in denen gelockert werden kann.

Im Gespräch mit der OP kritisiert Rosert, die mit einem gebürtigen Marburger verheiratet ist, dass die „Bundesnotbremse“ offensichtlich gar nicht das Ziel habe, die dritte Corona-Welle zu brechen. Vermutlich werde sie höchstens erreichen, dass sich die Infektionszahlen bei einem Inzidenzwert um 100 einpendeln werden, bis der Grad der Durchimpfung so hoch sei, dass die Inzidenz automatisch sinke. „Das hat zur Folge, dass eben auch alle Einschränkungen für die Bevölkerung immer weiter in die Länge gezogen werden“, betont Rosert und wird ganz deutlich: „Die Bundesnotbremse ist ein Dauer-Lockdown für die nächsten Monate und könnte uns auch den Sommer kosten.“

Das Oszillieren um die 100er-Inzidenz sei zudem kein stabiler Zustand. Es bedeute, dass Öffnungen unter Umständen nur von kurzer Dauer sein könnten und wieder zurückgenommen werden müssten, wenn die Inzidenz kurz darauf wieder steige. „Das sorgt für hohe Unsicherheit in der Bevölkerung wie in der Wirtschaft“, betont die Politikwissenschaftlerin.

Kritik an Thesen von Schrappe und Co.

Rosert kritisiert zudem das von einer Wissenschaftler-Gruppe um den ehemaligen Leiter des Marburger Uni-Klinikums, Professor Matthias Schrappe, veröffentlichte Thesenpapier. Schrappe und Co. hatten vergangene Woche in der OP bemängelt, dass alle „Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Ausbreitung vom Inzidenzwert“ abhängig gemacht würden.

Rosert und die „No Covid“-Gruppe sehen dies anders. Zum einen würde auch immer der R-Wert in Entscheidungen mit einbezogen, zum andern sei die Inzidenz und ihre Entwicklung sehr wohl ein guter Indikator, um die Intensivbettenbelegung für die nächsten Wochen zu prognostizieren. „Ich finde es besorgniserregend, in Kauf zu nehmen, dass sich Menschen infizieren und dann eben auch erkranken“, betont Rosert und erinnert daran, dass zum einen mit der Variante B.1.1.7 eine infektiösere Mutante nun das Ausbruchsgeschehen dominiere, und dass zum anderen auch immer jüngere Menschen mit schweren Krankheitsverläufen auf den Intensivstationen landeten.

Reagiere man erst mit Maßnahmen, wenn sich die Intensivstationen füllen oder sogar schon gefüllt sind, habe man den nachlaufenden Effekt: „In den zehn bis 14 Tagen, die vergehen, bis die Maßnahmen überhaupt greifen können, füllen sich die Stationen immer weiter“, mahnt Rosert. Seien die Intensivstationen zum Zeitpunkt der Maßnahmen bereits überfüllt, kämen noch wochenlang Patientinnen und Patienten, die nicht versorgt werden könnten. „Ein Platz auf der Intensivstation bedeutet eine zirka 50-prozentige Überlebenschance, das heißt, selbst wenn es genug Beatmungsplätze gibt, stirbt die Hälfte der Menschen.“

Schrappe und Co. hatten die Grundrechtseingriffe der Bundesnotbremse als „unverhältnismäßig“, und „politisch willkürlich“ bezeichnet. Rosert gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass bei der Bestimmung einer Verhältnismäßigkeit alle Faktoren beachtet werden müssten. Allerdings beobachte sie immer wieder, wie von bestimmten Gruppen, die die Maßnahmen als unverhältnismäßig kritisierten, der „Schaden durch das Coronavirus negiert beziehungsweise relativiert“ werde.

Auch wenn die Bundesregierung mit den beschlossenen Testungen an Schulen und den verpflichtenden Testungen in Betrieben zwar auf einem richtigen Weg sei, gehen die Beschlüsse der Bundesnotbremse für die „No-Covid“-Gruppe nicht weit genug. Dadurch allein würden die Infektionszahlen noch immer viel zu langsam gesenkt werden. Das habe zur Konsequenz: „Dass wir in diesem schrecklichen Zustand wie bisher so lange verharren, bis der Impfeffekt hoffentlich irgendwann durchschlägt“, betont Rosert. Das allerdings könne noch Monate dauern. Deshalb plädieren sie und ihre Expertenkollegen für einen kurzen, harten Lockdown, wie es zum Beispiel Australien und Neuseeland vorgemacht haben. In einem der aktuellen Pandemie-Entwicklung angepassten Thesenpapier schlagen die Experten Methoden vor, die unter anderem auf ein systematischeres Testen setzen. So sollten sich möglichst alle Bundesbürger in Abstand von etwa drei Tagen testen lassen. Auch in Kitas und Schulen solle ein Zutritt nur mit negativem Test möglich sein. Gezielteres Impfen sowie eine verbesserte Kontaktnachverfolgung und konsequentere Quarantäne seien ebenfalls unerlässlich – geht es nach „No Covid“.

„Wichtig ist auch, dass die Menschen besser aufgeklärt werden“, betont Professorin Elvira Rosert im Gespräch mit der OP. Wenn die Bevölkerung auf dem Weg besser „mitgenommen“ werde und zudem anders als bisher eine zeitliche Perspektive bekomme, würden Einschränkungen auch besser akzeptiert werden.

Studie: „No Covid“ könnte besser für Wirtschaft sein

Das übergeordnete Ziel von „No Covid“ ist, den R-Wert unter 1 zu drücken und dort zu halten, weil nur dies eine nachhaltige und strukturierte Öffnungsperspektive biete, so die Wissenschaftler.

Auf Deutschland bezogen gebe es die bereits: In Sachsen gibt es trotz hoher Gesamtinzidenz in manchen Landkreisen weiterhin Gemeinden mit nur wenigen Fällen. Sie könnten daher nach der Strategie der „Grünen Zonen“ mit dem Lockern beginnen und zu einem freieren gesellschaftlichen Leben übergehen. Voraussetzung sei beispielsweise jedoch, dass sie die Mobilität der Menschen in Absprache mit den Nachbargemeinden kontrollieren, um Neueinträge des Coronavirus zu verhindern. Dass „No Covid“ womöglich der beste Weg aus der Krise sein könnte, belegt offenbar eine neue Studie aus Frankreich. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, hat das Institut Economique Molinari festgestellt, dass die volkswirtschaftlichen Schäden knapp dreimal größer sind, wenn Regierungen nicht auf eine möglichst rasche Ausrottung des Virus im Land setzen. Zudem hätten Länder, die bei ihren Pandemiebekämpfungsstrategien lediglich auf eine Beherrschung des Virus abzielten, deutlich höhere Sterbezahlen.

Von Nadine Weigel

21.04.2021
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