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Marburg Bürgerinitiative gibt Widerstand auf
Marburg Bürgerinitiative gibt Widerstand auf
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07:59 28.10.2021
Windkraftanlagen sollen in Marburg tausende Tonnen CO2 einsparen. Gegen den Standort Görzhausen gab es eine Bürgerinitiative, die nun aber keinen Vorstand mehr bilden konnte.
Windkraftanlagen sollen in Marburg tausende Tonnen CO2 einsparen. Gegen den Standort Görzhausen gab es eine Bürgerinitiative, die nun aber keinen Vorstand mehr bilden konnte. Quelle: Nicolas Armer
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Marburg

Die Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen ist Geschichte. Die Auflösung des eingetragenen Vereins wurde in die Wege geleitet, nachdem sich auf der Jahreshauptversammlung am Dienstagabend niemand für die Vorstandsarbeit zur Verfügung stellen wollte. „Wir waren alle ein wenig traurig“, räumte der langjährige Vorsitzende Thomas Riedel nach der Sitzung ein. In der gegenwärtigen Situation, in der der sächsische Investor UKA Meißen beim RP Gießen einen Antrag auf die emissionsrechtliche Genehmigung einer Windkraftanlage in Nähe der Ortslage Michelbach gestellt hatte, sei aber eine schlagkräftige Bürgerinitiative mit einem starken Vorstand notwendig, sagte Riedel. Dies sei bei der mehr als 200 Personen starken BI Windkraft Görzhausen nicht der Fall.

Thomas Riedel

„Wir waren alle ein wenig traurig“

Thomas Riedel, langjähriger Vorsitzender der Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen, zur Auflösung des Vereins

Windkraft soll 45 000 Tonnen CO2 einsparen

Zur Jahreshauptversammlung am Dienstag waren gerade einmal 18 Personen erschienen, teilte Riedel mit. „Das hat mich in meinem Entschluss bestätigt, nicht noch einmal anzutreten.“

Riedel, der für die FDP im Kreistag sitzt, bedauerte, dass sich kein Mitglied bereitgefunden habe, Vorstandsarbeit zu übernehmen.

Wie sich in Marburg die politische Diskussion um die Windkraft weiterentwickelt, hängt maßgeblich vom Ausgang der Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen, SPD, Linken und Klimaliste ab. Das künftige Regierungsbündnis wollte sich gestern Abend mit der Windkraft beschäftigten. Beobachter rechnen damit, dass das künftige Regierungsbündnis Windkraftanlagen im zweistelligen Bereich im Laufe dieser Legislaturperiode anstrebt. Mitte kommender Woche wollen die Parteien das Ergebnis ihrer Koalitionsverhandlungen der Öffentlichkeit vorstellen, ehe es danach von einzelnen Parteitagen abgesegnet wird – oder eben auch nicht. Einzelheiten sind bislang nicht an die Öffentlichkeit gedrungen.

In Marburg gibt es vier sogenannte Vorranggebiete für Windenergie. Im Klimaschutz-Teilkonzept Erneuerbare Energien aus dem Jahr 2013 wurde geschätzt, dass durch den Ausbau der Windenergie in den Vorranggebieten rund 45 000 Tonnen CO2 eingespart werden können. Dabei wurde von Anlagen mit einer Leistung von 3 Megawatt gerechnet. So steht es im Klimaaktionsplan aus dem Jahr 2020. Es gibt mittlerweile auch Anlagen mit einer höheren Leistung, sodass das Potenzial größer sein könnte.

Die Stadt Marburg hat drei Windkraftanlagen auf ihrem Gebiet, nämlich in Wehrda. Sie gemeinsam sparen etwa 1 600 Tonnen CO2 ein. Bereits heute sind die Stadtwerke Marburg an Unternehmen beteiligt, die Anlagen zur Erzeugung von regenerativen Energien auch außerhalb des Gebietes der Stadt Marburg betreiben.

Stadt Marburg kann nicht energieautark werden

Eine „Energieautarkie“ auf dem Gebiet der Universitätsstadt ist – wie für städtische Regionen insgesamt – auch bei Ausschöpfung aller Potenziale zur Energieeinsparung und lokalen Energiegewinnung auf Dauer nicht möglich, heißt es im Klimaaktionsplan. „Dennoch ist es unsere Verantwortung, dazu beizutragen, dass die Marburger Energieversorgung vollständig aus regenerativer Energie gelingt. Dazu ist die Kooperation mit anderen Regionen erforderlich.

Eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit kann das Risiko von Konflikten vermindern und die Akzeptanz des Vorhabens vor Ort erhöhen. Fehlende Akzeptanz in Teilen der Bevölkerung ist eines der größten Hemmnisse für den Ausbau der Windenergie, heißt es weiter im Klimaaktionsplan.

Wie die künftige Koalition diese Akzeptanz erreichen will, bleibt offen. Eine der Möglichkeiten ist, die Bevölkerung an solchen Vorhaben zu beteiligen.

Von Till Conrad