Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Bewegung wirkt positiv bei Demenz
Marburg Bewegung wirkt positiv bei Demenz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:25 19.06.2019
Karin Burk und Johannes Bierwagen aus Stadtallendorf sind eine der ersten, die beim Tanzcafé der Alzheimer-Gesellschaft auf die Tanzfläche gehen. Foto: Katja Peters
Karin Burk und Johannes Bierwagen aus Stadtallendorf sind eine der ersten, die beim Tanzcafé der Alzheimer-Gesellschaft auf die Tanzfläche gehen.  Quelle: Katja Peters
Anzeige
Marburg

Es herrscht helle Aufregung im Pflegeheim. Nachmittags ist das Tanzcafé von der Alzheimer-Gesellschaft in Stadtallendorf. Allein die „Disco“-Vorbereitungen sind für die Bewohner, vor allem auch für die mit Demenz, aufregend.

„Eine Begleiterin hat mir mal berichtet, mit wie viel Vorfreude sich die Bewohner vorbereiten. Es wird die gute Bluse oder ein Hemd angezogen, sich geschminkt, lachend und schnatternd auf den Fahrdienst gewartet“, erzählt Dr. Anne Wächtershäuser, Beraterin der Alzheimer-Gesellschaft und Organisatorin der Tanzcafés. Mehrmals im Jahr wird nach Wehrshausen, Stadtallendorf und Holzhausen eingeladen. Das Angebot richtet sich an alle Senioren, vor allem aber an Menschen mit Demenz. 

"Die perfekte Mischung"

„Bewegung aktiviert die geistige Leistung. Es werden Botenstoffe gebildet, auf die bestimmte Hirnareale reagieren. Das geschieht vor allem beim Tanzen. Die Menschen bewegen sich und trainieren gleichzeitig das Gleichgewicht, müssen die Schrittfolge kombinieren und unterhalten sich vielleicht sogar noch. Die perfekte Mischung“, findet Anne Wächtershäuser.

An den Nachmittagen sieht sie „mal das andere Gesicht der Demenz“ und berichtet von strahlenden Gesichtern, lachenden und entspannten Menschen. In Kombination mit Musik lösen diese Nachmittage oft auch Erinnerungen aus.

Genau diese positiven Auswirkungen sind es, die die Demenz verlangsamen können. Deswegen bietet die Alzheimer-Gesellschaft unterschiedliche Bewegungsangebote im ganzen Landkreis an. Wie die moment!-Gruppe – ein motorisches und mentales Training.

Die lizensierten Kursleiter versuchen bei den Übungen, sowohl die Motorik als auch das Gedächtnis anzuregen. Beispielsweise mit Gymnastik oder Bewegungsspielen und -geschichten. „Das funktioniert auch alles im Sitzen, sogar das Tanzen“, weiß Anne Wächtershäuser.

150 Minuten in der Woche moderat bewegen

Studien haben gezeigt, dass regelmäßige Bewegung die körperlichen Funktionen aufrecht erhält. „Alles das, was Menschen mit Demenz dadurch noch alleine bewältigen können, erhöht die Lebensqualität“, erklärt die Beraterin, die ihre Doktorarbeit zum Thema „Unterstützungsmaßnahmen für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenzerkrankung. Evaluation bestehender Entlastungsangebote und deren konzeptionelle Weiterentwicklung“ geschrieben hat.

Verfügen Menschen mit Demenz über eine allgemeine Fitness, kann das Sturzrisiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sogar das Risiko an Osteoporose zu erkranken, reduziert werden.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen, sich 150 Minuten in der Woche moderat zu bewegen. Bei hoher Intensität reichen auch 75 Minuten. Hinzu kommen mindestens zwei Mal in der Woche muskelkräftigende körperliche Aktivitäten. Jede noch so kleine Übung ist nützlich zum Erhalt des Gleichgewichts und zur Sturzprävention.

„Bewegung ist übrigens nicht nur für Menschen mit Demenz gut, sondern generell für Senioren“, betont Anne Wächtershäuser und ergänzt: „Ganz wichtig ist dabei aber, dass es weder zu einer Unter- noch zu einer Überforderung kommt.“

Kein Halten mehr bei "Tulpen aus Amsterdam"

Einen Tipp hat die Beraterin noch für pflegende Angehörige oder Senioren, die noch alleine wohnen: „Ehrenamtliche der Alzheimer-Gesellschaft unterstützen gerne zu Hause beim Bewegungstraining.“

Auch wenn das Bewegungsangebot für Menschen mit und ohne Demenz in der Universitätsstadt und im Landkreis schon sehr gut ist, hat Anne Wächtershäuser noch weitere Ideen. Sie könnte sich spezielle Angebote von Tanzschulen vorstellen oder auch von Sportvereinen, der Volkshochschule. Beratung diesbezüglich gibt es bei der Alzheimer-Gesellschaft.

In Stadtallendorf sind derweil alle Plätze an den Tischen besetzt. Das Kuchenbuffett ist abwechslungsreich und üppig. Schon beim Essen wippen die Füße, nicken die Köpfe zum Takt der Musik vom erfahrenen Live-Musiker Werner Döpp. Bei „Tulpen aus Amsterdam“ gibt es kein Halten mehr.

Die ersten Pärchen gehen auf die Tanzfläche – Männer tanzen mit Frauen, Frauen mit Frauen, Begleiterinnen mit ihren Schützlingen. Für Johannes Bierwagen ist es der erste Besuch. Der 84-Jährige tanzt gerne, vor allem mit seiner Tanzpartnerin Karin Burk, mit ihnen 80 weitere Besucher. „Gestartet sind wir 2016 mal mit 20“, erzählt Anne Wächtershäuser.

von Katja Peters