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Marburg Die „Aktionswoche Handwerk“ wird virtuell
Marburg Die „Aktionswoche Handwerk“ wird virtuell
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11:56 19.07.2020
Valentin Nasarov aus Marburg wechselte während der „Aktionswoche Handwerk" an einem Motor die Zündkerzen. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

„Das war die erste Mitgliederversammlung in der Geschichte des Marburger Handwerks, die online stattgefunden hat“, sagt Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher.

Es mussten dringend einige Entscheidungen gefällt werden – Corona-Krise hin oder her. Also gab es die Versammlung als „Zoom“-Meeting, „und das hat gut geklappt“, so Limbacher.

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Wie geht es dem Handwerk denn während der Pandemie? „Absolut unterschiedlich“, sagt Limbacher. Einige Gewerke hätten weiterhin „volle Auftragsbücher und können zu 100 Prozent arbeiten. Bei denen finden die Auswirkungen der Krise quasi nicht statt“.

Hauptsächlich die Baubranche stünde positiv da. Allerdings würde auch dort die Auftragsreichweite, die vor der Pandemie noch gut neuneinhalb Wochen betragen hätte, langsam abschmelzen. Insgesamt lägen die Zahlen aber noch auf einem guten Niveau.

Corona hat „etwas in den Köpfen verändert“

Nicht ganz so rosig sehe die Situation etwa bei den Friseuren aus. Die hatten sechs Wochen lang geschlossen, „und auch jetzt gibt es noch nicht annähend wieder den Betrieb, wie er sein müsste, da die Kunden nach wie vor doch Angst haben, wenn man sich nahe kommt“, konstatiert der Kreishandwerksmeister. In der Folge ließen viele Kunden „nur das Nötigste“ machen.

Insgesamt spiele für die Situation im Handwerk auch die Kurzarbeit – und zwar die der Kunden – eine Rolle. „Wenn ich mich in Kurzarbeit befinde oder gar von Arbeitslosigkeit bedroht bin, dann baue ich nicht, lasse das Bad nicht neu machen oder kaufe kein neues Auto.“ Hinzu komme, dass Corona „auch etwas in den Köpfen verändert hat: Dass ein ganzes Land lahmgelegt wurde gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr – seit damals ging es immer nur bergauf.“

Kfz-Branche hofft auf Nachholeffekte

Die Kunden hätten gerade in den vergangenen Jahren aufgrund des niedrigen Zinsniveaus weniger gespart und das Geld eher investiert, um es sich beispielsweise zu Hause schön zu machen. „Es findet aber durch die Pandemie ein Umdenken statt. Die Leute sparen doch lieber wieder und sind vorsichtig, um bei einer eventuellen zweiten Welle vorbereiteter zu sein“, sagt Limbacher.

Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH) Marburg, hat auch durch die Ankündigung der Regierung, die Mehrwertsteuer zu senken, eine Verschiebung der Ausgaben bei den Kunden festgestellt. „Das war etwa für die Kfz-Betriebe wie ein zweiter Lockdown: Erst durften sie wochenlang keine Autos verkaufen – und dann ging seit der Ankündigung der Mehrwertsteuersenkung im Juni nichts, weil die Kunden abgewartet haben.“ Er hoffe, dass es nun entsprechende Nachholeffekte gebe.

Keine Freisprechungsfeier im Cineplex

„Privatkunden halten sich derzeit wegen Ängsten und Unsicherheit zurück, die Öffentliche Hand muss durch die Pandemie ebenfalls sparen, und die gewerblichen Kunden haben ihre Investitionen auch gestoppt“, fasst er zusammen. Vor diesem Hintergrund seien die Förderprogramme von Stadt und Landkreis sehr positiv zu bewerten. Und: Auch die KH investiert in die energetische Sanierung, lässt beispielsweise an ihrem Gebäude die rund 50 Fenster austauschen.

Aufgrund der Pandemie muss sich das Handwerk von einigen lieb gewonnenen Veranstaltungen vorerst trennen: So wird es keine Freisprechungsfeier im Cineplex geben, um den erfolgreichen Gesellen feierlich ihre Zeugnisse zu überreichen. Auch ein geplanter Handwerkergottesdienst im September fällt aus.

Limbacher: Ausbildungsbereitschaft hoch

Und: „Die ,Aktionswoche Handwerk’ kann in ihrer eigentlichen Form ebenfalls nicht stattfinden“, erläutert Limbacher. Derzeit erarbeite man ein Konzept, die Berufe virtuell im Netz vorzustellen. Auch soll es „Berufshotlines“ zu den Gewerken geben, „wo beispielsweise auch Azubis von ihren Erfahrungen berichten“, erläutert Limbacher.

Die Ausbildungsbereitschaft bei den Betrieben sei nach wie vor hoch. Zwar gebe es noch keine konkreten Zahlen, wie gut oder schlecht die Nachfrage sei, denn viele Prozesse liefen noch. Auch gebe es im Kammerbezirk noch Hunderte freie Ausbildungsstellen. „Aber wir befürchten, dass es einen Knick bei den Bewerbern geben wird“, so Meinhard Moog. Vor diesem Hintergrund spielen die „Aktionswochen Handwerk“ eine wichtige Rolle.

Ein positives Fazit zieht Moog über den Mitgliederbestand der KH: „Wir haben im dritten Jahr in Folge mehr Betriebe als im Vorjahr“ – so sei deren Zahl vergangenes Jahr um 4 auf 572 gestiegen. „Das ist hessenweit einzigartig“, sagt Rolph Limbacher.

Von Andreas Schmidt

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