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Marburg Dickes Problem: Snacks und Softdrinks statt Schulessen
Marburg Dickes Problem: Snacks und Softdrinks statt Schulessen
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09:00 07.03.2021
Eine Person steht auf einer Waage. Schnell etwas Süßes statt ein warmes Mittagessen - im Lockdown schaffen es nicht alle, sich gesund zu ernähren.
Eine Person steht auf einer Waage. Schnell etwas Süßes statt ein warmes Mittagessen - im Lockdown schaffen es nicht alle, sich gesund zu ernähren. Quelle: Armin Weigel/dpa
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Marburg

Die Corona-Lockdowns, die damit verbundenen Schulschließungen und die Zurückhaltung, Kinder in Betreuung zu geben, haben in Marburg wohl einige Kinder dicker werden. Das beobachten Mediziner in der Universitätsstadt. Vor allem junge Menschen aus den Stadtteilen Richtsberg, Stadtwald und Waldtal würden unter einer mangelnden Ernährung leiden. Ein Grund dafür, wie Ärzte glauben: Das für Tausende Marburger und auch Landkreis-Bewohner anhaltende Homeschooling, der Fern-Unterricht.

„Die größten Verlierer der Pandemie sind die Kinder“, sagt Dr. Ulrike Kretschmann, Allgemeinmedizinerin, die gesundheitliche Verschlechterungen bei einigen Patienten beobachtet. Auffällig sei, dass es vor allem Kinder ab dem Grundschulalter und Jugendliche seien. Der seit fast einem Jahr andauernde Zustand aus wenig Bewegung und Sport, dem Eindampfen sozialer Kontakte und die Zukunftsangst – auch der Eltern – würden offenbar Frust auslösen, grundsätzlich eine schlechtere Ernährung fördern. Für viele Kinder, speziell in Familien mit finanzschwachem Hintergrund, sei die ausbleibende regelmäßige Schulverpflegung, ein gesundes, ausgewogenes Mittagessen fatal. „Gerade für diejenigen hat das Wegbrechen der öffentlichen und sozialen Infrastruktur Folgen, die dringend auf diese Infrastruktur und Hilfestellungen angewiesen sind“, sagt Kretschmann.

Übergewicht ist Corona-Risikofaktor

Auch Dr. Elke Neuwohner, die eine Praxis im Ebsdorfergrund hat, sieht Patienten mit Gewichtszunahmen. „Das ist zu einem Problem geworden“, sagt sie kürzlich im OP-Gespräch. Auch ihre Vermutung ist, dass die Kombination aus enormer Alltagsbelastung, fehlendem Sport-, zumal Vereins- und Mannschaftssportangeboten sowie Zukunftsängsten bei vielen psychische Probleme fördern, was wiederum oft schlechte Ernährung nach sich ziehe. „Das ist eine Abwärtsspirale.“

Auch Diakonie-Verbände deutschlandweit besorgt der im Fern-Unterricht faktisch bestehende Wegfall von Schulessen. Das sei für finanzschwache Familien gravierend. Ausgewogene Ernährung sei ohnehin mit dem Hartz-IV-Regelsatz kaum zu bewältigen, ein Resultat der Pandemie könnten Gesundheitsschäden, vor allem eine Gewichtszunahme bis hin zu Adipositas sein. Kurios: Übergewicht gilt als ein Corona-Risikofaktor; einer, der über Schul- und Betreuungs-Lockdown befördert wird.

Dass ein niedriger sozioökonomischer Status der Familien in der Corona-Pandemie sehr deutlich mit dem Risiko einer Gewichtszunahme der Kinder zusammenhängt, haben monatelange Untersuchungen zwischen erster und zweiter Pandemie-Welle in Deutschland bereits gezeigt. Vor allem bei Kindern über zehn Jahren und Eltern mit Hauptschulabschluss sei das Risiko um das Zweieinhalbfache erhöht, berichtete Berthold Koletzko (LMU in München) kürzlich. Bewegungsmangel und der häufigere Konsum von Snacks und Softdrinks seien die Hauptursache für Übergewicht, berichtete der Vorsitzende der Stiftung Kindergesundheit.

Marburger Tafel: Zahl der Bedürftigen steigt

Psychologen berichten indes flächendeckend vermehrt von Depressionen, Ängsten und Auf­merk­­sam­keitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen bei Kindern. Krankheiten, die eine gesunde Ernährung nicht fördern. Die Zahl der auf psychischen Erkrankungen fußenden Krankheitstage in Hessen stieg 2020 an.

Die Marburger Tafel, bei der viele bedürftige, auch Familien mit Kindern, Lebensmittel bekommen, verzeichnet indes weiter steigende Anmeldezahlen. Das tägliche Kundenaufkommen bleibe zwar gleich, aber die Zahl der Bedürftigen steige während der Corona-Pandemie. Immerhin: „Wegen der Produkte, die wir haben und rausgeben – Obst und Gemüse, keine Fertiggerichte – haben unsere Kunden fast automatisch eine recht gesunde Ernährung“, sagt Pascal Barthel, Tafel-Geschäftsführer. Auch Süßigkeiten gebe es speziell für Kinder nur selten, eher Früchte wie Ananas oder Wassermelone. Viele finanzschwache Marburger würden wegen der verfügbaren Waren zum Kochen, zur selbstständigen Zubereitung von Lebensmitteln „im positiven Sinne regelrecht gezwungen“.

Marburg sieht sich als „Gesunde Stadt“. Mittags-Versorgung gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung an allen 23 Marburger Schulen. In den 13 Grundschulen habe das Angebot normalerweise die Form eines gemeinsamen Mittagessens; meist von Caterern geliefert. Die weiterführenden Schulen verfügen demnach über eine Mensa, in der neben einer Versorgung mit Mittagessen – frisch gekocht oder zugelieferte Speisen – auch Snacks und Getränke, also ein Kiosk angeboten werde.

Im ersten Schul-Halbjahr 2019/2020 – dem letzten aussagekräftigen Erhebungs-Zeitraum – wurden runde 1300 Grundschulkinder täglich mit einem Mittagessen versorgt. Das waren an 90 Schultagen insgesamt 116 460 Mahlzeiten. In den weiteren Schulen nahmen im gleichen Zeitraum wöchentlich etwa 7350 Kinder ein warmes Mittagessen in Anspruch, was 44 054 Mahlzeiten entspricht. Die Tendenz sei – bis zur Corona-Pandemie – nicht zuletzt wegen den Kosten von zwei Euro pro Essen steigend gewesen.

Ärztin Kretschmann feilte kürzlich an einer Idee, an einem Hilfsprojekt und hatte dafür schon Kino-Betreiberin Marion Closmann im Boot: Das Cineplex-Kino zur Groß-Mensa umzufunktionieren, um dort Kindern und Jugendlichen von heimischen Anbietern – von Landwirten bis zu Gastronomen – täglich gesundes Essen zur Verfügung zu stellen. Wegen der Corona-Mutation, die offenbar mehr Kinder befällt, machte sie im Januar einen Rückzieher. Vorerst.

Von Björn Wisker

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