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Marburg Ein Leben aus Überzeugung
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09:29 27.06.2022
Mit mehr als 100 Gästen feierte die Schwesternschaft des Diakonissen-Mutterhauses Hebron am Sonntag (26. Juni) das Begegnungsfest zum 114-jährigen Bestehen in der Evangeliumshalle.
Mit mehr als 100 Gästen feierte die Schwesternschaft des Diakonissen-Mutterhauses Hebron am Sonntag (26. Juni) das Begegnungsfest zum 114-jährigen Bestehen in der Evangeliumshalle. Quelle: Ina Tannert
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Wehrda

Seit mehr als 100 Jahren lebt am Hebronberg in Wehrda eine Gemeinschaft von Frauen, die für sich eine besondere Lebensform gewählt haben. Sie folgen Jesus Christus nach und widmen sich einem tief geistlichen Leben.

Glauben, Leben und Dienen, diakonisches und karitatives Handeln – das steht für die Diakonissen des Mutterhauses Hebron in enger Verbundenheit zueinander. Offenheit, Vertrauen, gegenseitige Achtung und die Bereitschaft, persönliche Interessen mit denen der Gemeinschaft zu vereinbaren, gehen Hand in Hand. Dieses Leitbild haben sich die Diakonissen vor 114 Jahren selbst gegeben. Das Diakonissen-Mutterhaus wurde 1908 gegründet und gehört zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband.

Wie lebt es sich in der auch überregional tätigen, eng verwobenen Schwesternschaft und wie sieht ihre Zukunft aus? Nachwuchs gibt es bei den Diakonissen nicht mehr, „die letzte Schwester, die in die Einrichtung eingetreten und auch geblieben ist, kam 1991 zu uns“, berichtet Oberin Renate Lippe offen vom aktuellen Stand. Zu der Gemeinschaft gehören 94 Diakonissen – 77 leben auf dem Hebronberg –, nur noch zehn von ihnen sind unter 65 Jahre alt.

Oberin Renate Lippe von der Schwesternschaft des Diakonissen-Mutterhauses Hebron und Verwaltungsleiter Willi Feldkamp Quelle: Ina Tannert

Dass ihre Schwesternschaft mit der Zeit immer kleiner wird, damit haben sich die Diakonissen abgefunden. „Wir haben lange gebetet, dass Gott Diakonissen beruft, sind aber zu der Einsicht gelangt, dass das nicht der Fall ist“, sagt die Oberin. Das hält die Schwestern nicht davon ab, weiter ihren Aufgaben nachzugehen, im Gegenteil: „Wir werden auch das kleiner Werdende gestalten, den Menschen zur Verfügung stehen und Jesus Christus die Ehre geben.“

Der tiefen religiösen Überzeugung und ihrem Arbeitseifer tut das keinen Abbruch. Die Diakonissen sind nicht nur auf dem Berg, sondern an vielen Orten anzutreffen, arbeiten im Landkreis und darüber hinaus in diakonischen, sozialen, missionarischen und pädagogischen Berufen und Einrichtungen. Unter anderem in der Krankenpflege, der Altenhilfe, auch eine Buchhändlerin ist unter ihnen. Eine Schwester ist als Alltagsbegleiterin im Schwarzwald tätig, eine als Seelsorgerin in Berlin.

Diakonissen und Studentinnen leben Tür an Tür

Aufgaben- wie Einsatzgebiete gibt es für die Schwesternschaft viele. Dazu zählt auch die Evangeliumshalle, in der die Schwestern und mehr als 100 Gäste am Sonntag das 114-jährige Bestehen des Mutterhauses mit einem Gottesdienst und einem Begegnungsfest feiern konnten.

Daneben gibt es auch das Haus Sonneck, das seit Jahrzehnten als Begegnungsstätte der Gemeinschaft und zahlreichen Partnern als großer Tagungsort mit Übernachtungsmöglichkeit dient. Von der Jugendfreizeit bis zum Fachseminar – der Veranstaltungskalender ist breit aufgestellt. Es ist diese Vielfalt und die Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen, die auch Schwester Marianne immer begeistern konnte. Sie leitete 30 Jahre lang das Haus Sonneck und ist seit 51 Jahren überzeugte Diakonissin, traf als junges Mädchen die bewusste Entscheidung für den Glauben und das Leben auf dem Hebronberg.

Mit mehr als 100 Gästen feierte die Schwesternschaft des Diakonissen-Mutterhauses Hebron am Sonntag das Begegnungsfest zum 114-jährigen Bestehen in der Evangeliumshalle. Quelle: Ina Tannert

Was bedeutet ihr das Leben als Diakonissin? „Das ist eine Lebensaufgabe für mich, die verschiedenen Aufgabengebiete fand ich schon immer spannend – das gibt einem eine unheimliche Weite, man muss flexibel sein und die Menschen lieben.“

Das zeigt sich auch im Einfallsreichtum der Gemeinschaft. Stillstand herrscht auch jetzt nicht im Mutterhaus, die Diakonissen können den Platz zwar nicht mit neuen Schwestern füllen, dafür bieten sie diesen unter anderem Studentinnen an, berichtet Verwaltungsleiter Willi Feldkamp. 30 von ihnen wohnen mittlerweile mit den Schwestern in den verschiedenen Häusern der Gemeinschaft, die teils auch die Gottesdienste besuchen. Denn Leerstand soll es nicht geben und auf diesem Weg gelangt noch immer junges Blut auf den traditionsreichen Berg.

Von Ina Tannert