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Marburg Hilfemanagement wird eingestellt
Marburg Hilfemanagement wird eingestellt
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07:59 03.07.2020
Eine Frau hält beim Kochen ihr Kleinkind auf dem Arm. (gestellte Szene). Ab 2021 fällt für viele Klienten eine Unterstützung im Hilfemanagement des Diakonischen Werks weg. Quelle: Jan Woitas/dpa/Themenfoto
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Marburg

Schock für die Mitarbeiter des Hilfemanagements: Vor einer Woche erhielten sie ein Schreiben des Diakonischen Werks Marburg-Biedenkopf, das darüber informiert, dass das Angebot im Bereich der sogenannten „Haushaltsnahen Dienste“ komplett eingestellt wird.

Bei diesem gehen die Angestellten pflege- oder hilfsbedürftigen Menschen zur Hand, begleiten diese zum Arzt, machen sauber, kochen, gehen einkaufen oder verbringen Zeit mit ihnen.

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Ebenso wird eine stundenweise Betreuung von Menschen mit Demenz oder mit psychischen sowie körperlichen Behinderungen angeboten, womit auch die Angehörigen entlastet werden.

Diese praktischen Hilfen im Haushalt sollen wegfallen. Das könnte etwa Ende des Jahres der Fall sein, wie Dekan Burghard zur Nieden, Leiter des Kirchenkreises Marburg, auf OP-Nachfrage bestätigt. Der Kirchenkreis ist gemeinsam mit dem Kirchenkreis Kirchhain und dem Dekanat Biedenkopf-Gladenbach Träger des Diakonischen Werks.

Zur Nieden: „Das ist schmerzlich“

Die Entscheidung, dass das Hilfemanagement gestrichen wird, stehe fest, „auch wenn uns das sehr schmerzt für unsere Mitarbeiter und Klienten – wir schaffen es einfach nicht mehr“, betont zur Nieden. Grund seien die Kosten, die nicht mehr ausgeglichen werden können: Die Mittel, die dem Diakonischen Werk zur Verfügung stehen, reichten nicht aus. Neben den Geldern der Kostenträger und der Pflegekasse, fließen auch Mittel aus der Evangelischen Kirche mit in den gesamten Topf. Auch das reiche nicht.

Die Arbeit der Sozialhelfer sei eigentlich „eine große diakonische Aufgabe“, gründe sich auch auf dem diakonischen Selbstverständnis, der Nächstenliebe, der sozialen Arbeit am Menschen. „Wir können unseren eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen, das ist schmerzlich“, betont zur Nieden.

Doch ohne Gegenfinanzierung sei das nicht mehr stemmbar, das angesammelte Minus zu groß, der Dekan spricht von einer „niedrigen sechsstelligen Summe“ an Defiziten. Dadurch stehe das gesamte Diakonische Werk in gewisser Weise auf dem Spiel: Man müsse sich von dem Hilfemanagement trennen, um Kosten zu sparen und „das große Ganze“ retten zu können.

Mehr als 100 Klienten verlieren Alltagsstütze

Von der Entscheidung betroffen sind zwei Dutzend Mitarbeiter des Diakonischen Werks, die auf neun Stellen des Hilfemanagements aufgeteilt sind und ihre Arbeit verlieren werden. Diese arbeiten im Tarifvertrag, könnten nicht einfach so entlassen werden. Wann dies arbeitsrechtlich der Fall sein wird, stehe noch nicht genau fest. Zur Nieden geht von etwa Ende dieses Jahres aus.

Ein Kostenpunkt sei dabei eben die Zahlung nach Tarif: Die Pflegekassen übernehmen zwar einen Anteil, geben aber einen engen Kostenrahmen vor, „real gesehen sind wir dafür zu teuer“. Hinzu komme, dass das Diakonische Werk auch Menschen betreut, die in psychosozialer Behandlung sind, das Angebot von den Kassen aber quasi „als Paket“ abgerechnet werde, womit das Werk finanziell wieder schlechter wegkomme.

Mitarbeiter spricht von Versorgungslücke

Ebenfalls tief treffen wird der Wegfall der Sozialhelfer mehr als 100 Menschen, die das Angebot nutzen und auf Unterstützung angewiesen sind. Darunter Senioren, aber auch Jüngere, die durch Krankheit oder nach einem Unfall im Alltag begleitet werden. Im Schnitt erhalten diese etwa drei Stunden in der Woche Unterstützung von den Sozialhelfern.

Ein Mitarbeiter des Hilfemanagements, der sich an die OP gewandt hat, macht deutlich: „Dies bedeutet nicht nur den Verlust von vielen Arbeitsplätzen, sondern insbesondere eine Versorgungslücke für hilfsbedürftige Personen, die aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sind, ihren Haushalt menschenwürdig zu führen.“

Vielen droht Umzug ins Pflegeheim

Durch den Wegfall drohe eine Lücke zu entstehen, die auch nicht von anderen Anbietern geschlossen werden könne, denn davon gebe es zu wenige in der Region. „Die Klienten befinden sich also in der fatalen Lage, dass sie zwar Anspruch auf eine Dienstleistung haben, aber aus kapazitativen Gründen keinen Dienstleister finden können, der ihren Ansprüchen gerecht wird“, sagt der Mitarbeiter.

Ein Resultat wäre, dass diese – darunter viele Ältere – nicht mehr im eigenen Zuhause zurecht kommen könnten, „für viele Hilfsbedürftige ist die Arbeit des Hilfemanagements der einzige Kontakt zur Umwelt, der es ihnen ermöglicht, noch ein relativ selbstbestimmtes Leben in ihrer alten Umgebung zu führen“.

Diese würden dann zwangsläufig etwa in ein Pflegeheim gehen müssen. Dass das Angebot eingestellt werden soll, hält er für einen „fatalen Einschnitt in die bisherige soziale Landschaft der Stadt und des Landkreises, welcher durch die derzeitige Coronakrise noch verschärft wird“. Er hofft, dass die Entscheidung zurückgenommen wird.

Gespräche über Ersatz laufen

Davon geht zur Nieden derzeit nicht aus. Er hofft, dass die Mitarbeiter bei anderen Anbietern im Kreis unterkommen können, schätzt aber auch, dass es davon zu wenige gibt, die genügend Kapazitäten haben, um alle Klienten aufzunehmen. Denn die Haushaltsnahen Dienste seien schlechter gegenfinanziert, als etwa der Pflegebereich. Er suche nun nach einer „Anschlussunterstützung“, sehe dabei auch den Landkreis „in der Pflicht“.

Mit diesem stünden die Träger im Gespräch, um zumindest eine vorübergehende Lösung zu finden. Er könne sich etwa vorstellen, dass Freiwillige verschiedener ehrenamtlicher Projekte, die der Kreis koordiniert, übergangsweise einspringen und die Versorgung der Klienten übernehmen könnten. Aber: „Ich möchte nicht zu schnell trösten, es wird auch dann Abstriche geben müssen, so oder so ist das schlimm“, stellt zur Nieden fest.

„Für mich bricht ein Stück Lebenswelt zusammen“

Für Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, bricht mit dem Angebot des Diakonischen Werks mitunter ein verlässlicher Grundstein bei der Bewältigung des Alltags weg. So ergeht es auch einer 49 Jahre alten Frau aus Marburg, die seit mehr als zehn Jahren von den Sozialhelfern begleitet wird und anonym bleiben möchte.

„Der Mitarbeiter, der zu mir kommt, ist für mich eine wichtige Bezugsperson, gehört fast zur Familie – wenn das wegfällt, ist das für mich das Schlimmste, was es gibt“, berichtet sie im OP-Gespräch. Sie ist nach einer Krebserkrankung eingeschränkt in der Bewegung, leidet an Folgeschäden, körperlich wie psychisch, und hat Angst- und Panikattacken.

Sie kann nicht arbeiten und benötigt Hilfe im Alltag, die sie bisher auch bekam und immer sehr zufrieden war, sich trotz der Unterstützung ein Stück Eigenständigkeit bewahren zu können. Sich nun auf einen neuen Helfer – sofern sie überhaupt einen finden könne – einzustellen, sei eine große Hürde: „Für mich ist es schwer, jemandem zu vertrauen, derjenige ist schließlich ganz tief drin im persönlichen Bereich und meine Wohnung ist mein Heiligtum, gibt mir Sicherheit“, erzählt sie.

Sie hat sogar schon bei anderen Anbietern angefragt, die sagten ihr alle: „Wir sind brechend voll“. Nun habe sie „große Angst“ wie sie künftig zurechtkommen soll, „für mich bricht ein Stück Lebenswelt zusammen“. Dass die haushaltsnahen Dienste des Diakonischen Werks wegen finanzieller Defizite eingestellt werden müssen, halte sie „für so nicht in Ordnung, das ist doch verantwortungslos“. Und sie hofft, dass vielleicht noch eine Alternative aufgetan werden kann, „vielleicht kann ja ein weiterer Träger helfen, das Angebot zu halten“.

Von Ina Tannert

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