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Marburg Erna Rein ist gestorben
Marburg Erna Rein ist gestorben
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13:33 13.05.2020
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Marburg

Der Edeka-Markt in Cappel war ihr Leben. Sie war der Edeka-Markt. Noch mit 90 Jahren hat sie täglich an der Kasse gesessen und abkassiert. Am 4. Mai ist Erna Rein verstorben. Sie hatte sich von einem Sturz im Treppenhaus nicht mehr erholt.

Die Trauerfeier war am Montag im kleinen Rahmen. 30 Gäste inklusive der Sargträger, Pastor und Pianist durften sich verabschieden. Abstandsregeln mussten eingehalten werden, bei der engsten Familie wurde eine Ausnahme gemacht, Desinfektionsmittel mussten sie selbst besorgen. „Die letzten Wochen waren sehr komisch und für uns als Familie nicht einfach“, sagt Andreas Rein. Während des wochenlangen Krankenhausaufenthaltes durfte immer nur ein Familienmitglied eine Stunde am Tag zur Mutter. Für die Familie ein schweres Los. „Kein Körperkontakt, keine gemeinsamen Stunden. Das war wirklich schwer“, berichtet er und ergänzt: „Man konnte sich vorher nicht verabschieden, aber jetzt nach dem Tod auch nicht richtig.“ Die Rituale würden wegen der Kontaktbeschränkungen wegfallen. Selbst das kondolieren wäre nicht möglich – kein Händedruck und auch keine Umarmungen. „Das fehlt total.“

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Zusammen mit ihrem Ehemann Ernst hatte sie den Laden drei Jahre nach der Hochzeit an der Marburger Straße gegründet. Während er mit einem mobilen Verkaufswagen übers Land fuhr, managte Erna Rein das Geschäft in Cappel und zog noch drei Kinder groß, Inge, Andreas und Anja. Im Juli vergangenen Jahres war sogar der Arbeitsminister Hubertus Heil persönlich nach Marburg gekommen, und besuchte Erna Rein, die älteste Kassiererin Deutschlands. Während der Berliner Politiker in der Sommerhitze versuchte mit ihr Small Talk zu halten, kassierte sie einfach weiter die Kunden ab. Wie immer, wie an jedem Tag seit 1954.

„Lernen und arbeiten, das war immer wichtig für sie“, verrät Sohn Andreas Rein am OP-Telefon. Er behält seine Mutter als taffe, lebensbejahende Frau in Erinnerung, die sogar mal einen Überfall mit ihrer stoischen Art vereitelt hatte. Trotz der Drohung und Aufforderung das Geld aus der Kasse zu übergeben, blieb die Kassiererin ganz cool und tippte weiter die Warenpreise ein. „Ich kann die Kasse jetzt nicht aufmachen. Das geht nicht“, entgegnete Erna Rein der aufgeregten Frau, die die Kassierin mit einem Messer bedrohte. Daraufhin rannte diese weg. Vor Gericht ging die Cappelerin nach der Verhandlung zu der verurteilten Frau und sagte auf platt: „Nichtsnutz.“

„Dabei hatte sie ein großes Herz. Nur mit Faulheit konnte sie eben nichts anfangen“, erinnert sich Andreas Rein. Für die Cappeler Kinder, die nach der Schule in den Laden kamen, hatte sie immer eine Kleinigkeit. Aber erst mussten diese eine kleine Matheaufgabe lösen. Vor 16 Jahren hatte das Ehepaar das Geschäft schon an die Tochter Anja Genthings überschrieben. Die hat nun nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre beste Mitarbeiterin verloren.

Von Katja Peters

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