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Marburg Der zweite Blick auf den Tumor
Marburg Der zweite Blick auf den Tumor
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11:58 08.07.2021
Endoskopien sollen Dank Künstlicher Intelligenz sicherere Ergebnisse bringen. Dafür wollen (von links) Daniel Hein, Lars Osterbrink (von links), Thomas Driebe und Dr. Stefan Menzler mit einer neuen Software für alle am Markt vorhandenen Geräte sorgen. Mit der Diagnosehilfe gegen Darmkrebs sind sie beim Hessischen Gründerpreis im Halbfinale.
Endoskopien sollen Dank Künstlicher Intelligenz sicherere Ergebnisse bringen. Dafür wollen (von links) Daniel Hein, Lars Osterbrink (von links), Thomas Driebe und Dr. Stefan Menzler mit einer neuen Software für alle am Markt vorhandenen Geräte sorgen. Mit der Diagnosehilfe gegen Darmkrebs sind sie beim Hessischen Gründerpreis im Halbfinale. Quelle: Gianfranco Fain
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Marburg

„Wir treten gegen die großen Konzerne an und wir wollen gewinnen“, verkündet Dr. Stefan Menzler selbstbewusst. Die Chance dazu ist gegeben, steht doch das Projekt, das der 42-jährige Marburger Arzt mit vorantreibt, im Halbfinale um den Hessischen Gründerpreis.

Die vier Köpfe des Marburger Start-ups, neben dem Viszeralchirurgen und Proktologen noch die Wirtschaftsinformatiker Thomas Driebe und Lars Osterbrink sowie der Betriebswirt Daniel Hein, entwickeln mittels Künstlicher Intelligenz (KI) eine Software, die die per Endoskopie gewonnenen Bilder im Inneren des menschlichen Darms direkt scannt und so dem untersuchenden Arzt sofort eine digitale Entscheidungshilfe geben kann.

24.000 Fälle im Jahr

Ein großer Anbieter von medizinischen Geräten habe zwar vor Kurzem ein ähnliches System zur Marktreife gebracht, doch „wir wollen in die Breite gehen“, sagt Menzler. Dazu soll die von ihrer Firma Latoda entwickelte Software mit den derzeit existierenden Geräten aller Hersteller arbeiten können und so kostspielige Investitionen in weitere neue Geräte ersparen.

Ausgangspunkt der Überlegungen, die schließlich ins Entwickeln der Software MAR-AI von Latoda mündeten, ist, dass laut Studien bei etwa sieben Prozent der an Darmkrebs gestorbenen Patienten, das entspricht in Deutschland jährlich rund 24.000 Fällen, bei einer Koloskopie Polypen als Vorstufe des Krebses nicht identifiziert und somit im Darm blieben.

Ein „zweiter Blick“

Die Software MAR-AI soll die sogenannte Polypendetektion verbessern, dem in der Regel allein untersuchenden Arzt mit einem „zweiten Blick“ auf die Darmwand helfen, alle Polypen zu entdecken und während der laufenden Darmspiegelung zu entfernen. Unter seinen Kollegen finde diese Idee der digital basierten Diagnoseunterstützung grundsätzlich eine positive Resonanz, sagt Stefan Menzler.

Schließlich gehe es darum, komplexes Expertenwissen mit der neuesten KI-Technologie zu verknüpfen. Die Entscheidungsgewalt bleibe aber beim untersuchenden Arzt. „Tests zeigen, dass unsere KI teilweise sogar mehr erkennt, als ein erfahrener Arzt,“ ergänzt Latoda-Gründungsmitglied Daniel Hein. Dazu trug das Aufbereiten tausender Bilddaten und das Testen sehr vieler Modelle bei.

Das Zertifizierungsverfahren läuft

Wann die Software von Ärzten eingesetzt werden kann, ist noch offen, da MAR-AI gerade das Zertifizierungsverfahren durchläuft. Dies könnte im letzten Quartal dieses Jahres beendet sein, hoffen die vier Gründer des Start-ups „Latoda“.

Dann könnte MAR-AI schon als Sieger des hessischen Gründerpreises feststehen. Eine Jury bewertet im September die 48 Halbfinalisten und reduziert diese auf drei Wettbewerber je Kategorie. Diese zwölf treten am 3. November bei einer Fachtagung der hessischen Gründungsförderer erneut gegeneinander an und ermitteln den Sieger.

Andere Anwendungen

Sollte es beim Gründerpreis nicht zu einem der vorderen Plätze reichen, ist den von der Philipps-Universität unterstützen Latoda-Gründern nicht bange. Laut Daniel Hein ist ihre Technologie auch für andere Anwendungen einzusetzen.

Große Energieversorger hätten zum Beispiel Interesse, die Technologie zu nutzen, um damit Schäden am Lack der Rotorblätter von Windenergieanlagen zu erkennen. Auch mit Reedereien liefen Gespräche, die mit der Technologie die Sicherheit von Laderäumen und Tanks auf Handelsschiffen prüfen würden.

Darmkrebs

Weltweit erkranken jedes Jahr rund 1,8 Millionen Menschen an Darmkrebs, etwa 881 000 starben im Jahr 2018 an dieser Krebsart. In Europa ist Darmkrebs nach einer Erhebung der WHO aus dem Jahre 2012 die zweithäufigste Krebskrankheit, in Deutschland wurde sie rund 60 000 Mal bei Patienten diagnostiziert, wovon nur etwa 60 Prozent die nächsten zehn Jahre nach der Diagnose überleben. Forscher erwarten, dass die Anzahl der Darmkrebsdiagnosen in kommenden Jahrzehnten signifikant ansteigt, weil Polypen als mögliche Vorstufe heutzutage schon häufiger in jüngeren Altersgruppen als zuvor erkannt werden.

Für Patienten, die Darmkrebs überleben, bringt das Gesundheitssystem im Durchschnitt 15 400 Euro auf, etwa 100 000 Euro kostet jeder Darmkrebs-Todesfall, hauptsächlich wegen der Palliativ-Behandlung.

Quellen: Rawla et al. 2019, WHO 2012, Robert Koch-Institut 2016, BMBF 2020, Neubauer and Minartz 2007.

Von Gianfranco Fain