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Marburg Der schwierige Weg zurück in den Hörsaal
Marburg Der schwierige Weg zurück in den Hörsaal
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17:28 23.06.2020
Normalerweise passen mehr als 900 Studierende ins Audimax. Aktuell dürften maximal 150 Zuhörer im größten Saal der Philipps-Uni Platz nehmen. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Marburg

Die bisherige Erfahrung des Sommersemesters zeige, dass selbst die allerbesten digitalen Anstrengungen die Präsenzlehre nicht ersetzen könnten, meint die Marburger Germanistik-Professorin Hania Siebenpfeiffer.

Sie ist eine von bundesweit rund 2.000 Unterzeichnern eines Offenen Briefs mit dem Titel „Verteidigung der Präsenzlehre“. Siebenpfeiffer hat sich in diesem speziellen Corona-Semester bisher vom heimischen Schreibtisch aus um die Online-Lehre an der Marburger Universität gekümmert. Nach ihren Schätzungen waren rund 70 Prozent der Studierenden in diesem Sommersemester vorwiegend nicht in Marburg.

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Auch wenn sich aus ihrer Sicht dank professioneller Unterstützung aus dem Hochschulrechenzentrum alle Beteiligten mittlerweile besser an die Online-Lehre gewöhnt hätten, zieht die Marburger Geisteswissenschaftlerin dennoch ein eindeutiges Zwischenfazit für ihr Fach:

„Die Auseinandersetzung mit literarischen Texten lässt sich nicht über digitale Medien führen.“ Denn in den „digitalen Seminarräumen“ gebe es eine völlig andere Kommunikationsform als in den klassischen Hörsälen und Seminarräumen.

Lehraufwand ohne Präsenz ist höher

Zudem mussten einerseits die behandelten Seminartexte sehr viel kürzer sein als die ursprünglich vorgesehenen Texte. Auch beim Handapparat für die Seminare konnte nur auf Online zur Verfügung stehende Texte zurückgegriffen werden.

Insgesamt sei der Lehraufwand selbst für erfahrene Lehrkräfte um bis zu 60 Prozent höher gewesen. Für die Geistes- und Sozialwissenschaften sieht die geschäftsführende Direktorin des Instituts für Neuere Deutsche Literatur die möglichst schnelle Rückkehr zur Präsenzlehre als dringend notwendig an.

Bis Mitte Juli läuft das Sommersemester offiziell noch. Nach der Erlaubnis für vorsichtige Lockerungen Anfang Mai durch das Wissenschaftsministerium hatte die Uni-Leitung in den Hörsälen zunächst Nachprüfungen mit Plexiglas-Wänden und Wegemanagement angesetzt und dann den Start mit sportpraktischen Kursen und laborpraktischen Übungen gewagt.

Uni plant inoffizielles Zwischensemester

Doch bei den weiteren Schritten müsse man Vorsicht walten lassen, betont Vizepräsidentin Professorin Evelyn Korn . „Alles steht unter dem Vorbehalt, was in den nächsten Wochen passiert“, ergänzt sie. Denn niemand wolle einen Corona-Hotspot an der Uni entstehen lassen. „Aber wir möchten, dass die Studierenden im Wintersemester wieder in Marburg sind“, sagte Korn.

Vor allem die Abstandregeln für die Innenräume begrenzen dieses Vorhaben: Beispielsweise dürfen bisher im üblicherweise mehr als 900 Hörer fassenden Audimax nur rund 150 Studierende Platz nehmen. Kleinere Hörsäle im Hörsaalgebäude haben momentan ein Fassungsvermögen von bis zu 50 Studierenden. Und so sieht laut Korn der Plan für die weitere Rückkehr zur Präsenzlehre aus, der immer auf die Corona-bedingten Vorgaben in Sachen Hygienekonzepte und Abstandsregelungen abgestimmt sein soll:

Die Uni-Leitung plant ab Mitte August bis Ende Oktober eine Art inoffizielles Zwischensemester: In dieser Zeit könnten digital begonnene Seminare durch Blockveranstaltungen im Präsenzformat ergänzt werden, beispielsweise in den Fremdsprachlichen Philologien. „Wir wollen aufbauend auf den Wünschen von Studierenden ein wenig Präsenzlehre nachholen“, sagt die Vizepräsidentin.

Organisatorische Kreativität gefragt

Ambitionierter sind die Präsidiumspläne für das Wintersemester: Zwar sollen alle Vorlesungen weiter online abgehalten werden, aber für die Erst- und Zweitsemester soll eine Vielzahl von Seminaren organisiert werden. Besonders das Uni-Hörsaalgebäude an der Biegenstraße soll nahezu komplett den Studienanfängern vorbehalten werden. Denn für sie sei es besonders wichtig, die universitären Lehrformate kennenzulernen und einzuüben, betont Korn.

Dabei ist organisatorische Kreativität gefragt. So könnten die Einführungs-Veranstaltungen in der Betriebswirtschaftslehre mit bis zu 1.000 Teilnehmer in sieben Gruppen aufgeteilt werden. Seminare, in denen eine Hälfte der Studierenden im Seminarraum arbeiten, während die andere Hälfte das Seminargeschehen in einer „digitalen Fish Bowl“ über Kameras beobachtet, sind eine weitere Idee.

Kleine Gruppen sind der Schlüssel

Auch die Germanisten basteln wie alle anderen Fachbereiche mit Hochtouren an der Präsenzlehre, beispielsweise schon im August und September durch Blockseminare in Kleingruppen sowie Forschungskolloquien in kleinem Rahmen. Größere Veranstaltungen bleiben bis auf Weiteres online. Aber nach Darstellung von Siebenpfeiffer soll zumindest „in einem Kraftakt“ das Präsenz-Lehrangebot für das Wintersemester ausgebaut werden.

So sollen alle Seminare auf 20 bis 25 Teilnehmer begrenzt werden, die dann in zwei Gruppen aufgeteilt werden. So könnte auch der Instituts-Hörsaal genutzt werden, in dem laut Corona-Vorgaben nur bis zu zwölf Studierende Platz nehmen dürfen. Das Ganze funktioniert aber nur über ein ausgeklügeltes Zeitkonzept für die Belegung des Hörsaals und über die Vergabe von deutlich mehr Lehraufträgen.

Offener Brief

Mehr als 2.000 Lehrende hatten den von einem Bonner Germanistik-Professor initiierten bundesweiten Offenen Brief mit dem Titel „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ unterschrieben, darunter auch eine Reihe von Marburger Professoren aus den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die Lehrenden fordern nach der coronabedingten Zwangspause dringend eine „vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche“ Rückkehr zur Präsenzlehre an den Hochschulen. „Was die Schulen zu leisten in der Lage sind, sollte auch Universitäten möglich sein: die Integration von Elementen der Präsenzlehre, etwa in kleineren Gruppen in größeren zeitlichen Abständen“, heißt es in dem Offenen Brief.

Der Offene Brief richtet sich einerseits an die politisch Verantwortlichen in den Landes- und Bundesministerien sowie andererseits an die Präsidien und Rektorate der Universitäten.

Von Manfred Hitzeroth

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