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Marburg Über den Mond zum Mars
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09:58 28.04.2021
Nikita Chruschtschow (rechts), damaliger Ministerpräsident der UdSSR, begrüßt auf dem Flughafen Wnukowo den Kosmonauten Juri Gagarin. Foto: Uncredited/TASS News Agency/dpa 
Nikita Chruschtschow (rechts), damaliger Ministerpräsident der UdSSR, begrüßt auf dem Flughafen Wnukowo den Kosmonauten Juri Gagarin. Quelle: Uncredited/TASS News Agency/dpa
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Als der erste Mensch im All vor 60 Jahren wieder Boden unter den Füßen hat, wird er zunächst für einen Außerirdischen gehalten. Juri Gagarin überrascht damals die Förstersfrau Anna Tachtarowa mit ihrer Enkelin beim Kartoffelpflanzen auf einem Feld, weil sich die sowjetischen Raumfahrtingenieure beim Landeplatz um Hunderte Kilometer verrechnet hatten. Wegen des orangenen Raumanzugs und des weißen Helms halten sie Gagarin für ein „Monster“, wie die russische Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ schreibt. Der Kosmonaut ruft ihnen aber zu: „Ich bin einer von Euch!“

Russland erinnert in diesen Tagen mit viel Pathos an seinen Helden, der am 12. April 1961 Raumfahrtgeschichte schreibt. In 108 Minuten umrundet der Kampfpilot im Alter von 27 Jahren einmal die Erde. Er sieht damit als erster Mensch den Planeten von oben – nachdem die Sowjets schon einen Satelliten und Hunde ins All geschickt haben. Es ist ein Meilenstein für die Sowjetunion und ein Schock für die USA im Wettlauf der Supermächte im Kalten Krieg. Die kommunistische Propaganda schlachtet dies als Sieg über den Kapitalismus aus.

Was damals aber verheimlicht wird: Bei dem Flug läuft nicht alles glatt. „In 10 von den 108 Minuten stand Juri Gagarin kurz vor dem Tod“, schreibt die Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ Jahrzehnte später. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre löst sich die Landekapsel nicht wie vorgesehen vom Geräteteil des Raumschiffs „Wostok“ (Osten). Sie dockt nur deshalb schließlich ab, weil beim Eintritt in die Erdatmosphäre nicht abgetrennte Verbindungskabel durchbrennen.

Auch beim Landen an der Wolga im Süden gibt es eine Panne: Ein Fallschirm löst sich und verheddert sich dabei nur durch Glück nicht in dem Hauptfallschirm. Ansonsten hätte es Gagarin wohl sein Leben gekostet. Seine Landekapsel sollte eigentlich bei Wolgograd 900 Kilometer südöstlich von Moskau aufsetzen, landet stattdessen aber nahe der nördlich gelegenen Stadt Saratow.

Juri Alexejewitsch Gagarin hat damals durchaus einkalkuliert, dass sein Pionierflug tragisch enden könnte. Mehrere Testraketen sind zuvor schon beim Start explodiert. Gagarin schreibt vor seinem Flug einen Abschiedsbrief an seine Frau Valentina: „Ich habe ehrlich gelebt und zum Nutzen der Menschen – auch, wenn dieser Nutzen klein war“, heißt es in einem Buch über den Raumfahrer.

Der Sohn einer Bäuerin und eines Tischlers wird am 9. März 1934 im Dorf Kluschino im Westen Russlands geboren. Bei Moskau lernt er den Beruf des Gießers, wird später Pilot bei den Luftstreitkräften. Der Flug ins All macht ihn über Nacht international berühmt.

Nach seinem spektakulären Flug machen Gerüchte von Wodka-Exzessen und Frauengeschichten die Runde. Am 27. März 1968 stürzt er beim Test eines Jagdflugzeugs vom Typ MiG-15 UTI bei Moskau ab. Um seinen tragischen Tod ranken sich viele Legenden, weil die Umstände des Unglücks lange geheim geblieben sind. Gagarins Urne wird bei einem Staatsbegräbnis in der Kremlmauer beigesetzt.

Marcel Kaufmann beschäftigt die Raumfahrt schon sein ganzes Leben lang und deshalb hat der 31-jährige Schwälmer eine eigene, genaue Vorstellung davon, was die Menschen in naher Zukunft im All vorantreiben sollten. „Meiner Meinung nach geht es ganz klar Richtung Mond.“ Der Erdtrabant dient aber nur als Zwischenstation beziehungsweise als Übungsplattform für die Reisen zum Mars und zurück und dem Aufhalten oder vielleicht sogar einmal dem ständigen Leben auf dem roten Planeten. 

Bis es soweit sein könnte „gibt es noch viele offene Fragen, die sich nicht nur mit Technologie, sondern auch mit dem menschlichen Körper befassen“, zeichnet Kaufmann die Spannbreite der erforderlichen Forschungen auf. So ist zum Beispiel die vielfältige Strahlung, denen menschliche Körper im Kosmos während einer Reise zum Mars ausgesetzt wären, ein eigenes Forschungsgebiet. 

Gateway könnte 
um den Mond kreisen

Aufgrund der Vielfalt der Aufgaben ist Kaufmann überzeugt, die Idee einer solch großen Mission nur durch internationale, interdisziplinäre und interkulturelle Zusammenarbeit bewältigen zu können. Ein Schlüssel dazu könnte ein sogenanntes Gateway (Tor) wie die Internationale Raumstation ISS sein. 

„Die ISS gibt uns die Möglichkeit, viele Experimente in Schwerelosigkeit zu betreiben, was zum Beispiel zu neuartigen Materialien und fundamentalen Erkenntnissen in der Wissenschaft geführt hat“, sagt Kaufmann. Da die ISS nach derzeitigem Stand jedoch 2027/2028 auf Grund ihres hohen Alters ausgemustert werden soll, böte das Gateway als um den Mond kreisende Station die perfekte Plattform, um weitere Experimente in der Schwerelosigkeit zu betreiben und in Folge erste Mondbasen zu errichten. 

Mit dem Gateway könnten auch autonome Technologien vorangetrieben werden, weil im Gegensatz zur ISS eine permanente menschliche Besatzung aktuell nicht vorgesehen ist. „Das heißt: Wenn niemand vor Ort ist, werden Roboter einfache Aufgaben übernehmen, um die Station in Schuss zu halten“, erklärt Kaufmann.

Lunar-Gateway-Station

Die Weltraumagenturen ​Nasa, Esa, Jaxa und weitere Partner planen, als Nachfolger der ISS eine „Lunar-Gateway-Station“ zu installieren. Das Gateway wird nur etwa ein Drittel so groß sein wie die ISS, und nicht um die Erde, sondern um einen der gemeinsamen Schwerkraftpunkte von Erde und Mond kreisen. Auf dem Gateway kann zwar weiterhin auch geforscht werden, es soll aber hauptsächlich dazu dienen, Astronauten eine Basis für eine Rückkehr zum Mond oder den Aufbruch zum Mars zu bieten.

Zur Person

Marcel Kaufmann wollte schon als Kind Astronaut werden und verfolgt dieses Ziel kontinuierlich. Der mittlerweile 31-jährige Schwälmer gewann schon im Jahr 2007 am Schwalm-Gymnasium in Treysa den „Nasa-Wettbewerb“, besuchte die Space School in Houston. Er war Doktorand in Kanada an der Technischen Universität Polytechnique Montreal im Bereich Computer Engineering und Robotik. Nach seinem Abitur studierte Kaufmann zunächst in Darmstadt, legte seinen Bachelor und 2016 einen Master in Optotechnik und Bildverarbeitung ab und sammelte auch praktische Erfahrung in Unternehmen. Im Jahr 2017 war er Absolvent des „Space Studies Programs“ der International Space University. Seine Studien zur Mensch-Roboter-Kollaboration in Montreal betreibt er in Zusammenarbeit mit der Nasa in Kalifornien, wo er Gastwissenschaftler am Jet Propulsion Laboratory ist. Außerdem leitet Kaufmann Projekte mit der Kanadischen Space Agency (CSA), der Europäischen Space Agency (Esa) und dem Swiss Space Center (SSC). 

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