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Marburg Der alte Mann und ein Hauch von „Hymn“
Marburg Der alte Mann und ein Hauch von „Hymn“
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00:17 03.11.2018
Bassist und Gründungsmitglied Les Holroyd führt eine von zwei „Barclay James Harvest“-Bands an. Am Sonntag beehrte er die Stadthalle. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Pünktlich nahmen die Musiker ihre Plätze ein und erschienen auf der Bühne fortan wie fünf Einzeluniversen, die null Kontakt aufnehmen, weder untereinander noch mit dem Publikum. Bis zu Lied Nummer drei. Bei „Mockingbird“ entfuhr BJH-Gründer Les Holroyd: „Here‘s an old one for you“ – „hier ist ein altes Stück für euch“. Ein „Endlich!“-Seufzer ging durchs Publikum. Sieben Stücke arbeitete die Band ab wie ein Beamter seine Unterschriftenmappe, bevor sie unerwartet flink in die Pause entschwand. Zurück blieben mehr als 900 Fans und die Frage: Was war das denn?

Bis zu „Poor Man‘s Moody­ Blues“, Schluss- und Höhepunkt des ersten Teils, hatte Holroyds Silbermähne zwar feurig rot im Scheinwerferlicht geleuchtet, doch Angst um die Frisur musste der 70-Jährige nicht haben. Sein Hüftschwung stieß schnell an seine Grenzen.

„Barcley James Harvest feat. Les Holroyd“ gastierten am Sonntagabend im Erwin-Piscator-Haus.

Blieb nur, auf eine Belebung nach der Pause zu hoffen. So hielt es auch ein Bad Endbacher beim Bierchen im Foyer, wo er feststellen musste: „Es fehlt der Funke, der überspringt.“

Ähnliche Stimmung im Nebengrüppchen, wo sich jemand an „Mannheim 1978“ erinnerte. Damals, als Barclay James Harvest nachhaltigin ihre psychedelische, opulent-romantische Musikwelt entführten. „,Was bin ich dahingeschmolzen“, schwärmte der Mittfünfziger. Und bei Marburg 2018? „Jetzt fehlt denen das Gummi.“

Monströse LED-Installationen

Anders formuliert ließe sich sagen, dass Les Holroyd und seine Begleiter Mike Byron Hehir, Colin Browne, Steve Butler und Louie Palmer einen tiefenentspannten Auftritt boten, der im schönen Anachronismus steht zu hyperaktiven Choreografien in fast schon pornografischer Nacktheit vor monströsen LED-Installationen.

So empfanden wohl jene Besucher, die fast jedes Lied mit flottem Applaus begrüßten und es frenetisch verabschiedeten – was ein verschmitztes Lächeln unter Holroyds Silbermähne hervorlockte.

Auch im zweiten Set klebten alle Mann am Bühnenboden, dennoch schien in der Pause ein Fünkchen geschwebt zu sein, das sich zum Sprühfeuer auswuchs, als Holroyd, Browne und Butler nach ihren Akustikgitarren griffen und Raum ließen für Hehirs gefeiertes Solo an der E-Gitarre. Jetzt schien tatsächlich Schwung in die Sache zu kommen.

Doch unvermittelt – und für viele deutlich zu früh – erklang die weltberühmte Melodie, die 1977 den Grundstein zur Legende legte: „Hymn“. Obwohl Holroyd, dessen einst kristallhelle Stimme zu den sphärisch-orchestralen Klängen und Gitarrenarrangements das Markenzeichen der Superband war, jetzt nur noch zu einem Hauch der Hymne fähig war, hielt es niemanden mehr in den Sitzen. Sogar zwei Zugaben waren noch drin, bevor die „great audience“ in die Nacht entlassen wurde. Die einen enttäuscht, die anderen enthusiastisch. Wie geht das zusammen?

Fader Aufguss einstiger Größe

Der Ruhm der vor 50 Jahren von Les Holroyd und John Lees in Oldham/Manchester gegründeten Band ist legendär – und unverwüstlich. Welthits wie „Hymn“, „Victims Of Circum­stances“ und „Life is for Living“ haben Rockgeschichte geschrieben. In den 70ern und 80ern war das Werk tatsächlich: grandios. Bis BJH sich 1998 splittete und seither in zwei Formationen durch die Lande tourt: Les Holroyd mit der einen Truppe, Ex-Frontsänger Lees mit der anderen.

Warum tun sich alternde Rockhelden sowas an? Die einstige Größe ist nicht wieder hervorzuzaubern, auch in Marburg war nur ein fader Aufguss davon zu sehen. Doch einem Vollblutkünstler wie Les Holroyd, der die Musik nicht nur liebt, sondern wohl auch bis zum letzten Atemhauch leben wird, dem verzeiht man das – und applaudiert.

von Sabine Jackl