Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Der Weg zum Corona-Impfstoff ist lang
Marburg Der Weg zum Corona-Impfstoff ist lang
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:05 02.02.2020
Sozialminister Kai Klose (von links) und Wissenschaftsministerin Angela Dorn lassen sich von Dr. Markus Eickmann die Arbeit im BSL4-Hochsicherheitslabor im Virologie-Institut erklären.  Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Das neuartige Coronavirus, das in der Region um Wuhan in China zum Ausbruch kam, hält die Welt in Atem. Im Wettlauf, einen Impfstoff dagegen zu entwickeln, mischen auch die Wissenschaftler des ­Virologie-Instituts der Uni Marburg mit. Bei einem Pressegespräch in Anwesenheit von Wissenschaftsministerin Ange­la Dorn und Sozialminister Kai Klose (beide Grüne) erläuterte ­Instituts-Direktor Professor Stephan Becker am Freitag den ­aktuellen Stand der Marburger Bemühungen.

Verwendet wird eine schon bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die verwandte Atemwegserkrankung MERS erfolgreich erprobte Methode. Dabei wird ein Virus, das keine Krankheiten verursacht, mit einem Oberflächenprotein des neuartigen Coronavirus verbunden (die OP berichtete). Die Wissenschaftler aus Marburg arbeiten dabei im Rahmen des „Deutschen Zentrums für Infektionsforschung“ mit Kollegen aus München zusammen.

Anzeige

Klinische Studien kosten 1,5 Millionen Euro

Becker machte allerdings deutlich, dass ein möglicher Impfstoff gegen das chinesische Coronavirus wohl im besten Falle frühestens in anderthalb Jahren zur Anwendung kommen könnte. Zwar könne ein potenzieller Impfstoff schon innerhalb eines halben Jahres entwickelt werden. Daran anschließen müsse sich aber die Testphase inklusive der klinischen Studien.

„Wir hoffen natürlich, dass der aktuelle Ausbruch nach wenigen Monaten vorbei ist. Aber es kann sein, dass dieser neuartige Virus uns auch noch mehrere Jahre begleitet“, sagte Becker. Um für Letzteres gerüstet zu sein, sei es unabdingbar, jetzt mit Hochdruck an der Impfstoff-Entwicklung zu arbeiten.

Klar ist, dass die Kosten der Impfstoff-Entwicklung immens sind. Alleine bis zum Erreichen der Phase I der klinischen Studien bezifferte Becker diese Kosten auf 1,5 Millionen Euro. Danach wird es aber richtig teuer: Insgesamt schätzte Becker die Kosten bis zu einer Markteinführung auf 500 Millionen Euro. Das Virologie-Institut auf den Lahnbergen mit seinen Hochsicherheitslaboren sei bundesweit eine wichtige Instanz, um einen Impfstoff zu entwickeln“, betonte Klose.

Notfall-Impfstoffe sind „Marburger Spezialität“

„Wir arbeiten eng mit dem ­Labor und den Universitätskliniken zusammen“, sagte der Vertreter der hessischen Landesregierung. „Auch dank der Landesmittel sind die Wissenschaftler in Marburg bestens darauf vorbereitet, mit dem Coronavirus, aber auch mit weit gefährlicheren Krankheitserregern umzugehen“, sagte Wissenschaftsministerin Dorn. Die Entwicklung von Notfall-Impfstoffen gegen „Emerging Viruses“ ist eine Spezialität der Marburger Virologen. Damit bezeichnet werden Viren, die neu sind und wieder auftauchen und schwere Erkrankungen verursachen.

Die Marburger Virologen ­haben auch noch eine andere­ Dienstleistung in Sachen Coro­navirus im Portfolio. Es geht um eine spezielle Diagnostik, bei der das neuartige Coronavirus von herkömmlichen milderen Formen des Coronavirus und Influenzaviren unterschieden werden kann. Bisher wurden im Labor 20 Tests zum Nachweis des neuartigen Virus durchgeführt. Die Kapazität am Marburger Virologie-Institut würde sogar für bis zu 50 Tests dieser Art pro Tag ausreichen.

Nach einem ausführlichen Vortrag gab es einen Rundgang, bei dem die Gäste einen Blick in das BSL4-Hochsicherheitslabor werfen konnten. Dabei betonte der Institutsdirektor, dass das neue Coronavirus zum Glück noch nicht als so gefährlich gelte wie das Marburg-Virus oder das Ebola-Virus, an dem üblicherweise in dem Labor der höchsten Sicherheitsstufe geforscht wird. Stattdessen reiche für das neue Coronavirus nach dem derzeitigen Stand der Informationen noch ein Labor der Sicherheitsstufe 3 aus.

von Manfred Hitzeroth