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Marburg Der Verschickungsjunge
Marburg Der Verschickungsjunge
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09:59 29.07.2021
Verschickt und gequält: Willi Schmidt zeigt eine Karte von einer „Verschickung“.
Verschickt und gequält: Willi Schmidt zeigt eine Karte von einer „Verschickung“. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

So nannte man in Nachkriegsdeutschland Kinder, die zur „Kur verschickt“ – und dort zum Teil schwer an Leib und Seele misshandelt wurden.

Der OP-Artikel löste eine Welle aus. Weitere Zeitungen und das Fernsehen wurden auf Willi Schmidts Schicksal und das anderer Verschickungskinder aufmerksam und berichteten darüber. „Aber auch darüber hinaus gab es sehr viele Reaktionen ganz unterschiedlicher Art“, sagt der 61-Jährige. „Die jüngere Generation war schockiert, dass es so etwas gegeben hat, ältere Leute haben sich plötzlich an ihre eigene Verschickung erinnert.“

Das öffentliche Interesse habe anderen Leidensgenossen Mut gemacht. „Viele haben erkannt, dass sie nicht allein sind.“ Mittlerweile gibt es nicht nur eine heimische Selbsthilfegruppe für ehemalige Verschickungskinder – vielmehr hat sich daraus auch ein gemeinnütziger Verein gegründet, der Verschickungsopfern aus ganz Hessen eine Anlaufstelle bietet.

„Trotz Corona kommen zu unseren Treffen mittlerweile regelmäßig gut zehn bis zwölf Betroffene“, so Schmidt, der in den 1960er-Jahren nach Nordhessen und Anfang der 1970er-Jahre an die Nordsee verschickt wurde und beide Male schreckliche Erfahrungen machte.

Für eine Videodokumentation des Y-Kollektivs begab sich der Wittelsberger auf die Spurensuche seiner Kindheit. Zusammen mit der Journalistin Katja Döhne besuchte er Bad Karlshafen – für ihn ein Ort des Schreckens. Der Ort, an dem er als schmächtiger Junge wochenlang gequält wurde. Wo Nonnen ihn und andere Kinder so lange ohrfeigten, „bis alle ihr Weinen ins Kissen gedrückt haben, damit es verstummt“. Noch einmal dorthin zurückzukehren – sich physisch damit auseinanderzusetzen –, sei „beängstigend und befreiend zugleich“ gewesen, habe aber auch dazu beigetragen, dass er ein Stück weit Ruhe gefunden habe.

Willi Schmidt hat aber noch einen anderen Weg gefunden, das Erlebte zu verarbeiten: Er hat ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Verschickungsjunge“ und erzählt auf Grundlage seiner Erlebnisse die Geschichte eines Jungen, der in der behüteten, bäuerlichen Welt eines oberhessischen Dorfes aufwächst, während ihn die zweimalige Verschickung innerlich zunehmend aus der Bahn wirft.

Die Suche nach Identität, nach seinem Lebensweg, steht im zweiten Teil der Erzählung im Mittelpunkt, wo der Junge als Heranwachsender eine Berufsausbildung beginnt und dafür sein Dorf verlässt, zu seiner „dritten Verschickung“. Und hier ist er bald dazu fähig, eine Entscheidung zu treffen, die sein Leben radikal verändert, wie es im Buchtext heißt.

Trotz der literarischen Aufarbeitung – abgeschlossen hat Willi Schmidt mit dem Thema Verschickung noch nicht. So wie Tausende andere Opfer fordert er Aufklärung. Denn über die wohl etwa 800 Kinderkurheime in Deutschland gibt es bisher keine gesammelte Aktenlage. Es nicht klar, wer daran verdient hat, wer dafür verantwortlich war. Allerdings meinen verschiedene Recherchen herausgefunden zu haben, dass einige der Heime von Alt-Nazis geleitet wurden.

Fest steht: Es sind noch viel zu viele Fragen offen. Und bevor diese nicht geklärt sind, werden ehemalige Verschickungskinder keinen Frieden finden.

„Verschickungsjunge“ von Willi Schmidt, Wolfbach-Verlag; ISBN: 9783906929552, 15,90 Euro.

Von Nadine Weigel

Verschickung

Verschickung war der in den 1950er- bis 1980er-Jahren in der Kinderheilkunde in der Bundesrepublik Deutschland gängige Begriff für das Verbringen von Kindern in Kindererholungsheime und Kinderheilstätten. Verordnet von Ärzten, Krankenkassen, Sozial- und Gesundheitsämtern sowie anderen Institutionen. Schätzungen zufolge sollen zwischen acht bis zwölf Millionen Kinder betroffen gewesen sein.

Auf der Internetseite www.verschickungsheime.de schildern Tausende Betroffene ihre traumatischen Erlebnisse – von seelischen Demütigungen über körperliche Misshandlungen bis hin zu schwerem sexuellen Missbrauch.

Lange schwiegen die Opfer – nun organisieren sie sich und kämpfen für Gerechtigkeit. Die „Initiative Verschickungskinder“ fordert eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Bundesregierung, Landesregierungen und die Träger der Kinderkurheime sollen sich zu ihrer Verantwortung für das Elend der Verschickungskinder bekennen und dazu aktive Schritte der Unterstützung unternehmen. Nur die Aufarbeitung der Misshandlungen könne dazu beitragen, auch für die Zukunft die Wachsamkeit gegenüber institutioneller Gewalt zu erhöhen und Kinder sowie andere schutzbedürftige Personen stärker in den Blick zu nehmen, so die Initiative.
Deutschlandweit haben sich Landesgruppen gebildet.

Die Landesgruppe Hessen, die in Marburg gegründet wurde, trifft sich jeden ersten Sonntag im Monat. Kontakt kann man aufnehmen über E-Mail: verschickungsheime-hessen@mail.de

29.07.2021
28.07.2021