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Marburg Der Trend geht zum Homeoffice
Marburg Der Trend geht zum Homeoffice
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15:00 07.03.2021
Eine Frau arbeitet mit Hörschutz im Homeoffice.
Eine Frau arbeitet mit Hörschutz im Homeoffice. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Marburg

Arbeiten zuhause – was vor der Corona-Pandemie die Ausnahme war, ist derzeit in vielen Büro-Berufen die Regel. Wird daraus ein längerfristiger Trend, werden Beschäftigte auch nach der Pandemie seltener ins Büro gehen? Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass Homeoffice und mobiles Arbeiten zunehmen werden.

Homeoffice für Beschäftigte

Nach Beobachtung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ermöglichen heimische Arbeitgeber ihren Beschäftigten derzeit aufgrund der Pandemielage in vielen Fällen Homeoffice. Es gebe aber immer noch viele unzutreffende Vorurteile gegen das Arbeiten außerhalb des Büros im Betrieb, sagt DGB-Organisationssekretärin Anna Boulnois. „Es gibt eine ausgeprägte Präsenzkultur in vielen Betrieben, bei der Anwesenheit in den Räumlichkeiten gleichgesetzt wird mit Arbeiten und eine Kontrolle durch den Arbeitgeber ermöglicht“, sagt sie. „Dies unterstellt implizit, dass zuhause weniger für den Beruf geleistet würde.“ Allerdings arbeiteten Menschen zuhause gefühlt konzentrierter und entspannter – sofern sie nicht unvorbereitet nach Hause geschickt würden und nicht gleichzeitig Angehörige pflegen oder Kinder betreuen müssten.

In der Kreisverwaltung ist laut Kreis-Pressesprecher Stephan Schienbein in der Corona-Pandemie fast die Hälfte der Beschäftigten mit einem Homeoffice-Zugang ausgestattet worden. Insgesamt gebe es fast 630 Zugänge für Homeoffice, 300 Beschäftigte könnten dies gleichzeitig nutzen. „Das Angebot von Homeoffice findet großen Anklang bei den Bediensteten und trägt durchaus zur Steigerung der Arbeitszufriedenheit bei“, sagt Schienbein. Viele Besprechungen fänden mittlerweile per Videokonferenz statt. Schienbein prognostiziert, dass viele digitale Entwicklungen nach der Pandemie von der Notwendigkeit zur Selbstverständlichkeit werden.

Bei der Stadt Marburg arbeiten derzeit rund 160 der insgesamt 1 500 Beschäftigten regelmäßig im Homeoffice – vor der Pandemie gab es lediglich 30 Homeoffice-Plätze. Bei klassischen Verwaltungstätigkeiten hänge dies stark davon ab, ob Akten bereits digitalisiert sind, sagt Pressesprecherin Birgit Heimrich. Der Trend zum Zuhause-Arbeiten wird in der Stadtverwaltung auch nach der Pandemie anhalten.

„Die Anzahl der Homeoffice-Arbeitsplätze wird nicht nur bleiben, sondern perspektivisch noch ansteigen“, sagt Heimrich. Allerdings würden dann die Beschäftigten mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit in der Dienststelle erbringen.

Sowohl Kreis- als auch Stadtverwaltung verweisen darauf, dass es viele Beschäftigte gibt, die aufgrund ihrer Berufe nicht zuhause arbeiten können: Erzieher, Sozialarbeiter, Reinigungskräfte, Hausmeister, Ordnungs- und Stadtpolizisten, Feuerwehrleute, Beschäftigte in der Grünflächen- und Friedhofspflege und vieles mehr. Auch bei den Stadtwerken gibt es Berufe, bei denen kein Homeoffice möglich ist – etwa Monteure oder Mitarbeiter in der Leitwarte. Wo es möglich sei, werde derzeit Homeoffice angeboten, teilt Stadtwerke-Sprecher Jonas Becker mit. „Die Kolleginnen und Kollegen nehmen das Angebot in der Regel gerne an.“ Soweit betrieblich möglich, könne das auch künftig angeboten werden.

Für das Unternehmen CSL Behring, wo ebenfalls viele Beschäftigte in Büro-Berufen derzeit zuhause arbeiten, hatte Geschäftsführer Michael Schröder der OP bereits im Januar gesagt, die Corona-Krise sei „ein Katalysator für die Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitsplätze“. Er fügte hinzu: „Wir werden unsere gewonnenen Erkenntnisse definitiv in die ,Nach-Corona-Zeit’ sowie die Gestaltung neuer Arbeitsplätze einfließen lassen.“

Die Uni-Spitze kann sich ebenfalls vorstellen, ihren Beschäftigten auch nach der Pandemie verstärkt Homeoffice zu ermöglichen. Seit Beginn der Pandemie wird an der Philipps-Universität „situationsspezifisch vom Einsatz flexiblen Arbeitens Gebrauch gemacht“, teilte die stellvertretende Pressesprecherin Christina Mühlenkamp mit. Unabhängig von Corona gebe es für Beschäftigte, die zum Beispiel Kinder betreuen oder Angehörige pflegen, auch die Möglichkeit der abwechselnden Telearbeit. „Durch die Erfahrungen, die während der Corona-Pandemie gemacht wurden, ist vorstellbar, die Regelungen zum flexiblen Arbeiten beziehungsweise alternierenden Telearbeit weiter auszugestalten“, sagte die Präsidentin der Universität, Prof. Dr. Katharina Krause. „Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein: Den Arbeitsplatz nach Hause zu verlagern, bedeutet auch einer Verlagerung von Kosten in den privaten Bereich. Nicht alle Beschäftigten der Universität Marburg haben eine große Wohnung, einen ruhigen Arbeitsplatz.“

Homeoffice hat auch Schattenseiten

Das sieht DGB-Organisationssekretärin Boulnois ähnlich. Zentral sei, dass Homeoffice eine Bereicherung und kein Zwang sei. Dafür müsse in Betriebsvereinbarungen festgelegt werden, in welcher Form und unter welchen Bedingungen Homeoffice oder mobiles Arbeiten stattfinden. Denn bei allen Vorteilen gebe es auch Schattenseiten: Etwa technische Schwierigkeiten sowie fehlender informeller Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Langfristig lasse sich noch nicht abschätzen, wie der Gesundheitsschutz am eigenen Schreibtisch gewahrt werde. „Zu einer guten Ausstattung gehört langfristig nicht nur ein Laptop, sondern eben auch eine gute Sitzgelegenheit, gute Lichtverhältnisse, ein Bildschirm, Tastatur, Maus und so weiter“, sagt Boulnois. „Die Arbeitszeitregelungen gelten auch zuhause, ebenso wie die gesetzlichen Pausenpflichten“, fügt sie hinzu.

Auftragsrückgang bei Gebäudereinigern

Mehr Homeoffice, weniger Büroarbeit – das wirkt sich auch auf die Gebäudereinigung aus. Patrick Pfaff ist Marketingleiter beim Marburger Gebäudereinigungsunternehmen Fischbach. Er spricht von einem „spürbaren“ Auftragsrückgang durch die Faktoren Lockdown und Homeoffice: „Wir haben im vergangenen Jahr allerdings frühzeitig reagiert und unser Geschäftsfeld um die Desinfektion und den Verkauf von Desinfektionsmitteln erweitert.“ Das habe zu zusätzlicher Arbeit geführt, allerdings sei der Wegfall der Reinigungsaufträge erheblich gewesen: „Viele unserer Kunden mussten schließen und haben die Reinigungsaufträge ausgesetzt.“

Einige Firmen wollen Büroflächen verkleinern

Für Firmen bedeutet der Trend zum Homeoffice auch, dass sie weniger Büroflächen benötigen. So berichtete Dr. Joachim Fleing von der 3U Holding im Dezember, dass das Unternehmen an einem Konzept für Wechselarbeitsplätze arbeitet. 3U muss bis spätestens 2024 neue Büros beziehen. Am neuen Standort könnte 3 U dann weniger Bürofläche benötigen – so die Überlegungen.

Bundesweit wollen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aber nur wenige Firmen ihre Büroflächen verkleinern. Laut einer Umfrage unter 1 200 Unternehmen im letzten Quartal 2020 wollen zwei Drittel ihren Beschäftigten in Zukunft nicht mehr Homeoffice ermöglichen als vor der Pandemie. Lediglich 6,4 Prozent der Unternehmen wollen demnach in den kommenden zwölf Monaten ihre Bürofläche reduzieren.

Bislang scheint der Trend auch in Marburg keine Auswirkungen auf den Markt für Büroflächen zu haben. Das berichtet Stadtwerke-Sprecher für die von den Stadtwerken vermieteten Gewerbeflächen im Gründerzentrum Marburg, im Naturwissenschaftlichen Technologie-Zentrum, in Gisselberg sowie die von der Stadtwerke Immobilien GmbH verwalteten Liegenschaften im Besitz der Software Center Marburg Besitz- und Verwaltungsgesellschaft mbH. „Die Corona-Pandemie und das vermehrte Homeoffice haben bislang keine großen Auswirkungen auf die Vermietung in den Liegenschaften der Stadtwerke Marburg GmbH“, teilte er mit.

Von Carsten Beckmann und Stefan Dietrich