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Marburg Der Tag, als Vater verschwand
Marburg Der Tag, als Vater verschwand
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00:18 28.10.2018
Die Schwarz-Weiß-Dokumentation „Diese Hände ... erzählen vom Leben“ der Fotografin Ortrud Ladleif aus Lollar entstand am Oberhessischen Diakoniezentrum in Laubach in der Begegnung mit Demenzkranken. Sie wurde 2018 mit dem 2. Preis des Hessischen Elisabeth Preises ausgezeichnet und ist bis zum 31. Oktober zu den Öffnungszeiten des BiP im Foyer zu besichtigen. Quelle: Ortrud Laleif
Marburg

Der Anruf riss den technischen Angestellten aus Hommertshausen (Dautphetal) in eine Situation, die wohl niemand erleben möchte – die aber immer mehr Menschen durchmachen müssen. Man kann davon ausgehen, dass im Landkreis Marburg-Biedenkopf knapp zehn Prozent der über 65-Jährigen an Demenz ­erkrankt sind, sagt Elisabeth Bender. Die Gerontologin arbeitet als Koordinatorin in der ­Geschäftsstelle der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf und kennt die Statistiken gut: „Bis 2050 wird sich die Zahl der Erkrankten vermutlich verdoppelt haben.“ Annähernd 10 000 Menschen werden dann mit Demenz im Marburger Land ­leben.

Mit solchen Zahlen und den Schicksalen dahinter hatte Hans-Gerd Schmitt keine Berührung – bis zu dem Tag, als der Vater verschwand. „Es war zunächst unmerklich, wie er sich veränderte“, sagt er. Die wachsende Ungeduld und Aggressivität des ehemaligen Betriebsleiters einer Bekleidungsfabrik wurde hingenommen, nicht hinterfragt. Von Kindheit an eng mit dem Vater verbunden, genoss Schmitt Rituale wie das freitägliche Kaffeetrinken mit der Familie. Darauf hatte sein Vater stets Wert gelegt. Bis der Senior eines Tages in die gemütliche Runde platzte: „Ich will heim.“ Aber du bist doch zu Hause, reagierte der Sohn verwundert. Dies war der Anfang, „und es wurde immer schlimmer“.

Etwa sechs Jahre lang hielt die Familie den wachsenden ­Herausforderungen stand. Auch dank der lebendigen Dorfgemeinschaft ging der Vater nie verloren, irgendwer fand ihn immer irgendwo. Hans-Gerd Schmitt übernahm Verantwortung: hinsichtlich der Pflegedienste sowie bei den medizinischen und finanziellen Entscheidungen. „Durch die Vorsorgevollmacht hatte ich freie Hand“, sagt Schmitt. Unterstützung fand er auch bei einer Freundin, die sich im Vorstand der Alzheimer Gesellschaft engagiert. Als der Vater 2016 mit 94 Jahren starb, „hatte er die letzten eineinhalb Jahre nur noch im Bett gelegen“. Doch für die Familie gab es keinen Weg
zurück zur Normalität: „Danach ging es mit der Mutter los.“ Die einst dominante Frau glitt vom Heute ins Gestern, und sie war bald auf den Rollstuhl angewiesen.

Was lernte Hans-Gerd Schmitt, der Mann mit so viel Empathie für seine Nächsten, in jenen Jahren vor allem? „Mich selber nicht zu vergessen, und nicht zu stolz zu sein, Hilfe anzunehmen.“ Dass dies beileibe keine­ selbstverständliche Erkenntnis­ ist, weiß Elisabeth Bender aus ihrer Beratungspraxis. „Die meisten pflegenden Angehörigen überfordern sich.“

Oft käme eine Lawine ins ­Rollen: Ein vertrauter Mensch braucht plötzlich Unterstützung, weil er vieles nicht mehr kann und vergisst, aber Hilfe ablehnt im Glauben, alles noch zu können. Das Zusammenleben ist immer weniger so wie früher. Der Demenzkranke fordert heraus mit verändertem Verhalten, Ruhelosigkeit, vielleicht auch Aggressivität; der überlastete Angehörige reagiert gereizt, weist zurecht „und macht damit, ohne es zu wissen, ­genau das Falsche“. Delegieren und anderen vertrauen können, sei nahezu überlebenswichtig. ­

Neben professioneller Unter­stützung, dem Rückhalt in der Familie und der Nachbarschaftshilfe sei nicht zuletzt auch der Austausch mit anderen Betroffenen erleichternd.

Hier setzt die Alzheimer Gesellschaft (ALZG) an. „Angehörige erfahren bei uns, dass sie nicht alleine­ sind“, sagt die Marburger Vorstandsvorsitzende Desiree Schneider. Seit fast 20 Jahren besteht das Entlastungsangebot der ALZG in der Universitätsstadt, das mit Betreuungsgruppen, Gesprächskreisen, Angehörigen-Schulung, häuslicher Hilfe und Begegnungscafés weit über die Beratungsleistungen hinausgeht. Drei Impulse kristallisieren sich bei den Erstkontakten heraus: „Die Menschen ahnen, es zeichnet sich etwas ab bei ihrem Vater, der Mutter, dem Ehemann, der Freundin“, sagt Elisabeth Bender. „Oder sie wissen nicht, wie sie mit der Diagnose umgehen sollen.“ Das Ergreifendste und Dringlichste sei, wenn sie sagen: „Wir können nicht mehr.“

An den Rand der Verzweiflung gelangte Heide Sänger, nachdem ihr Schwiegervater mit 60 Jahren an einer Demenz erkrankte. Zwei Jahre lang wusste niemand die Unruhe des einst fröhlichen Mannes einzuordnen. Ständig verräumte er Sachen, verschloss Türen, versteckte die Schlüssel – und stritt vehement alles ab. „Meine Schwiegermutter war heillos überfordert“, erinnert sich die Steffenbergerin. „Es war eine sehr bedrückende Stimmung im Haus.“ Nach einem Schlaganfall der Schwiegermutter übernahm Heide Sänger „von heute auf morgen“ die Pflege, „und die Sache eskalierte schon in der ersten Nacht“. Der Schwiegervater randalierte und wollte unbedingt zu seiner längst verstorbenen Mutter.

Heide Sänger gab ihren Beruf auf, um rund um die Uhr auf den Kranken aufzupassen. Sie ertrug Beschimpfungen, bekam Ohrfeigen und musste wichtige Dinge in Sicherheit bringen. „Er aß Zwiebeln wie Äpfel oder steckte sich Blumenerde in den Mund.“ Nachdem die Schwiegermutter aus der Reha heimkehrte, gab es bei den Sängers nur noch ein Thema: Pflege. „Ich war wie im Hamsterrad.“ Das Schlimmste sei nicht die Pflege an sich gewesen, sondern nicht absehen zu können, wann diese enden würde. „Wir hatten ja nicht mal eine richtige ­Diagnose.“ Aus eigenem Antrieb beschäftigte sie sich mit dem Krankheitsbild Demenz. „Mir wurde klar, dass unser Nörgeln seine Aggression auslöste“, sagt sie rückblickend. „Wir sperrten ihn ein, statt ihm Geborgenheit zu geben.“ Viele Monate später, bei einem Infoabend der ALZG, erfuhr Heide Sänger von Möglichkeiten, wieder mehr Freiraum für ihr Leben zu gewinnen. Noch skeptisch, meldete sie ihren Schwiegervater in der neuen Gladenbacher Betreuungsgruppe an. „Ich war überrascht, wie liebevoll und herzlich er betreut wurde.“ Der erste Schritt zur Entlastung war ­getan, und er blieb nicht der einzige. „Ohne die Unterstützung der Alzheimer Gesellschaft hätte ich die fünf Jahre, bis mein Schwiegervater starb, sicher nicht so gut durchgestanden.“

Die verrückten Welten der Demenzkranken besser verstehen zu können, sei „eigentlich ganz einfach“, sagt Elisabeth Bender. „Wenn es gelingt, sie anders in den Blick zu nehmen, wird es leichter.“ Es gelte – und dies sei auch eine Forderung an die Politik –, den dementen Menschen mitzudenken, vom Umgang mit ihm über seine Rechte bis hin zum Wohnungsbau.

Angehörige sollten sich das nötige Wissen so früh wie möglich aneignen, rät die Alterswissenschaftlerin. „Wir schulen eigentlich jeden, der an uns herantritt.“ Die Angehörigen lernen, durch veränderte Kommunikation besser mit den Kranken und Konflikten umzugehen, sie erfahren, wie sie die Kranken erreichen können (etwa durch Musik und Berührung) und wie sie mit „wachem Blick“ leichter durch den Alltag kommen. Für die pflegenden Angehörigen sei es vor allem wichtig zu wissen: „Hilfe annehmen ist keine Schwäche.“

Auch Hans-Gerd Schmitt hat gelernt, die Belastungen zu kanalisieren, zu entschärfen – und sogar Stärke daraus zu ziehen. „Ich durfte meine Eltern begleiten“, ordnet er sein enormes Engagement ein. Wenn die Mutter ihn mit dem Namen seines Vaters anspricht im Glauben, er sei ihr Ehemann, dann kränkt ihn das nicht mehr, sondern er sagt sich: „Sie darf das ruhig machen.“ Auch habe er verinnerlicht, sich nicht schuldig zu fühlen, wenn er abends unter ihren lauten Vorwürfen in seine Wohnung geht. Wenige Momente­ später wird sie es vergessen ­haben.

von Sabine Jackl