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Marburg Ein Schwälmer greift nach den Sternen
Marburg Ein Schwälmer greift nach den Sternen
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13:00 10.04.2021
Marcel Kaufmann aus Gilserberg-Sachsenhausen hat seine Bewerbung für das Astronauten-Programm bei der ESA eingereicht. Der Schwälmer, der bereits für die NASA arbeitet, möchte ins Weltall.
Marcel Kaufmann aus Gilserberg-Sachsenhausen hat seine Bewerbung für das Astronauten-Programm bei der ESA eingereicht. Der Schwälmer, der bereits für die NASA arbeitet, möchte ins Weltall. Quelle: Privatfoto
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Alsfeld/Montreal

Einmal ins Weltall reisen: Das hat sich Marcel Kaufmann aus Gilserberg-Sachsenhausen schon als Kind vorgenommen. Denn schon in einem seiner ersten Schulaufsätze antwortete er auf die Frage, was er einmal werden wolle, im Alter von sieben Jahren mit „Astronaut“ als Berufswunsch. Diesem Ziel ist der Schwälmer nun einen Schritt näher, wie er jüngst den Mitgliedern der VR Bank Hessenland berichtete.

Nun, es zeigt sich, dass Ziele nicht unerreichbar bleiben, wenn man sie beharrlich verfolgt: Mittlerweile ist Marcel Kaufmann (31), der schon im Jahr 2007 am Schwalm-Gymnasium in Treysa den „NASA-Wettbewerb“ gewann und die Space School in Houston besuchte, Doktorand in Kanada an der Technischen Universität Polytechnique Montreal im Bereich Computer Engineering und Robotik. Nach seinem Abitur in 2009 studierte Kaufmann zunächst in Darmstadt, machte zunächst seinen Bachelor und dann einen Master (2016) in Optotechnik und Bildverarbeitung, sammelte auch praktische Erfahrung in Unternehmen. 2017 war er Absolvent des „Space Studies Programs“ der International Space University.

In Montreal liegt der Schwerpunkt des Schwälmers auf dem Bereich Mensch-Roboter-Kollaboration. Diese Studien betreibt er in Zusammenarbeit mit der NASA in Kalifornien, wo er als Gastwissenschaftler am Jet Propulsion Laboratory eingesetzt ist. Außerdem leitet Kaufmann Projekte in Zusammenarbeit mit der Kanadischen Space Agency (CSA), der Europäischen Space Agency (ESA) und dem Swiss Space Center (SSC). Und nun hat er – kurz vor Ostern – den ersten Teil seiner Bewerbungsunterlagen für das Astronautenprogramm der ESA eingereicht.

Denn für Marcel Kaufmann steht fest: „Ich will ins Weltall fliegen.“ Er rechnet sich aufgrund seiner Erfahrung recht gute Chancen aus, wie er im Video-Vortrag live aus Montreal berichtete. „Es wird wohl bis zu 12 000 Bewerber auf die sechs direkten Astronautenplätze und die 20 Reserve-Astronauten-Plätze geben“, sagte er. Doch entmutigen lässt er sich davon nicht, zu weit ist er schon gekommen.

Name des Schwälmers schon auf dem roten Planeten

Auf dem Mars konnte der 31-Jährige bereits seine Spuren hinterlassen. Denn im dort eingesetzten Rover „Perseverance“ – auf Deutsch „Durchhaltevermögen“ –, der den roten Planeten seit Mitte Februar erkundet, ist unter anderem ein Chip integriert, auf dem auch der Name von Marcel Kaufmann hinterlegt ist. Und auch der seines Patenkindes Marlon. „Unsere Namen sind also schon mal auf dem Mars“, freut sich Kaufmann.

Dorthin will er – zumindest zunächst – nicht. Aber mit seiner Roboterforschung will Kaufmann zumindest dazu beitragen, dass Menschen sich auf dem Mars zu Forschungszwecken ein Habitat aufbauen können. Und zwar unter der Erde. Denn, so erklärt er: „Es gibt auf dem Mars so genannte ,sink holes’, also Löcher, die zu unterirdischen Höhlen führen.“ Diese Höhlensysteme würden sich wohl über mehrere Kilometer erstrecken und könnten Menschen der ersten bemannten Marsmissionen Zuflucht gewähren, „die Höhlen schützen vor der Strahlung“, weiß Kaufmann, und auch die Atmosphäre auf dem Mars sei „lebensfeindlich“.

Die autonomen Roboter, an denen Kaufmann forscht, sogenannte „Mars-Hunde“, weil sie mit ihren vier Beinen eben Hunden ähneln, sollen über die „sink holes“ in die Höhlen vordringen, diese kartographieren und erforschen. Dabei haben die „Mars-Hunde“ jede Menge Sensoren an Bord. Etwa verschiedene 3-D- und Infrarot-Kameras, Laser-Scanner, Spektrometer oder auch abwerfbare Funkgeräte. „Das kann man sich vorstellen wie die Brotkrumen bei Hänsel und Gretel“, sagt Kaufmann. Diese Geräte sollen nicht nur eine Spur durch die Höhlen legen, sondern auch ein Funknetz aufbauen, um die gesammelten Informationen zu übermitteln und Kommunikation auch untereinander zu ermöglichen.

Forscher wollen den Mond als Sprungbrett zum Mars nutzen

Denn die Roboter sollen autonom quasi in „Rudeln“ auf Forschungsmission gehen. „Das lässt sich nicht fernsteuern“, weiß Kaufmann, allein deshalb, „weil elektrische Signale je nach Konstellation mit bis zu zwölf Minuten Verzögerung auf dem Mars ankommen“. Macht für Hin- und Rückweg also gute 20 Minuten. Getestet werden die Systeme in Simulationen, aber auch in Experimenten in Lava-Höhlen in Nord-Kalifornien, „die es so auch auf anderen Planeten gibt“, verdeutlicht Kaufmann. Aber die Roboter-Systeme könnten auch auf der Erde, bei Katastrophen zur Menschenrettung eingesetzt werde. Nahziel ist zunächst das „Gateway“, eine Raumstation um den Mond, für die der Startschuss für 2024 angesetzt sei, was sich durch Corona jedoch verschieben könne. „Der Mond dient als Sprungbrett für künftige Missionen auf dem Mars“, sagt Marcel Kaufmann. Auch dort gebe es bis zu 50 Kilometer lange Höhlen, in denen die Roboter zum Einsatz kommen könnten. Und: „Es gibt bereits Modelle, bei denen 3-D-druckende Roboter den Staub auf dem Mond zu Baumaterialien zusammenfassen und dann Strukturen schaffen, die den Menschen schützen können.“

Will Kaufmann selbst zum Mars? „Ich will zumindest an der Arbeit beteiligt sein und den Mond als Sprungbrett zum Mars nutzen. Es gibt so viel dort zu lernen, der Mond ist nur drei Tage von der Erde entfernt – im Vergleich zu sieben Monaten bis zum Mars. Daher ist der Mond das, was mich derzeit am meisten reizt.“

Von Andreas Schmidt

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