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Marburg Authentischer Fahrspaß seit 50 Jahren
Marburg Authentischer Fahrspaß seit 50 Jahren
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12:00 06.08.2019
Marvin Schneider (links) lenkt seit einem Jahr den alten Schlossbus, Heinrich Schumann war einer der Ersten, der das Marburger Unikat mit seinem roten Cockpit von 1969 und bis zu seiner Ausmusterung gefahren ist. Foto: Katja Peters Quelle: Katja Peters
Marburg

61 Jahre liegen zwischen ihnen – Marvin Schneider und Heinrich Schumann. Während Ersterer aktuell den historischen Schlossbus lenkt, war Letzterer einer der ersten, die den Mercedes fahren durfte. 38 Jahre lenkte Heinrich Schumann das Unikat.

Denn der Bus wurde extra nach Marburger Wünschen gebaut. „Er ist schmaler, weil damals doch noch die Sonnenschirme in der Barfüßerstraße standen“, erinnert sich Heinrich Schumann, der sogar noch die Oberleitungsbusse gefahren hat.

Am 7. August 1969 wurde die Maßanfertigung in der Universitätsstadt in den Dienst gestellt. Das erste Jahr durften ihn nur Schlosser und Meister fahren. „Man hat uns das Fahren nicht zugetraut“, muss Heinrich Schumann heute lachen und erinnert sich: „Sie haben sogar zu uns gesagt, dass wir nur nicht das Radio benutzen sollen. Das war alles viel zu neu und zu vornehm.“

Bei der Einweihungsfahrt durch die Stadt saß damals sogar Oberbürgermeister Georg Gaßmann auf den roten Sitzen. Die Motorbremse muss in dem Mercedes auch heute noch mit der Hacke gelöst werden. „Sonst geht er aus“, weiß ­Marvin Schneider.

"Das ist für mich totales Vergnügen"

Der 20-jährige Auszubildende ist der jüngste Busfahrer unter den ehrenamtlichen Lenkern des Vereins Nahverkehrsgeschichte, der mit dem Mercedes seit 2012 Sonderfahrten anbietet. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, schwärmt der angehende Berufskraft­fahrer.

Er freut sich immer, wenn er den Oldtimer vor allem am Wochenende durch die schmalen Straßen von Marburg lenken darf. „Das ist für mich totales Vergnügen“, sagt Marvin Schneider, der schon als kleines Kind von Bussen fasziniert war. Dass der alte Mercedes keine Servolenkung hat und auch keinen Bremskraftverstärker stört ihn nicht.

„Das ist für mich total authentisch. So fühlt sich ein Kraftfahrzeug an. Den alten Schlossbus zu lenken macht fast mehr Spaß als die Modelle von heute“, stellt er lachend fest. In den letzten Wochen hat er fast jede Fahrt mitgemacht. Ob Hochzeiten, Junggesellen-Abschied, die Fahrt der Erinnerung: „Es macht Spaß, weil man mit ihm überall hinkommt und auch viele Erinnerungen erzählt bekommt.“

Von denen hat Heinrich Schumann einige. Schließlich fährt der alte Bus schon 50 Jahre über Marburgs Straßen, bis 1996 im Linienverkehr. Vor allem eben zum Schloss hoch. „Ich kannte jeden Fahrgast“, sagt der ehemalige Busfahrer. „Und sie waren alle viel angenehmer. Die Strecke Ockershausen – Waldtal war wie ein großes Dorf.“

"Wir wussten genau, wer wo einsteigt"

Das bestätigt auch Albert Thöne. Er hat den Bus ebenfalls viele Jahre gelenkt und ist heute bei den Fahrten der Erinnerung immer mit dabei. „Wir haben auf unsere Gäste gewartet, wussten genau, wer wo einsteigt. Wenn einer gefehlt hat, dann haben wir nachgefragt“, sagt der heute 80-Jährige, der zwei Gemeinsamkeiten mit seinem jungen Nachfolger Marvin Schneider hat. „Er fährt wie ich“, sagt Albert Thöne augenzwinkernd. „Und er hat wie ich Koch gelernt.“

Nach seiner Ausmusterung im Jahr 1996 wurde das Marburger Unikat verkauft. Durch Zufall fand der heutige Vereinsvorsitzende Martin Klehm heraus wohin und rettete den Bus mithilfe von Hermann Schwarz vor dem Verkauf nach Afghanistan.

Der Verein nahm dann später das Angebot der Stadtwerke Marburg an, den Bus restaurieren zu lassen, wenn er in deren Eigentum übergeht. Seit 2012 ist der Schlossbus 191 nun wieder im Einsatz für den Verein.
Sechs Ehrenamtliche lenken den Bus bis zu fünf Mal im Monat durch die Universitätsstadt und fühlen sich dann ein bisschen wie Heinrich Schumann – damals in den 1970er-Jahren auf der Schlossbus-Linie 16.

von Katja Peters