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Marburg Nikolaus trotzt der Corona-Krise
Marburg Nikolaus trotzt der Corona-Krise
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08:58 06.12.2020
Original und Fälschung: Der Nikolaus und sein aufgeblasenes Pendant in der Arbeitsagentur
Original und Fälschung: Der Nikolaus und sein aufgeblasenes Pendant in der Arbeitsagentur Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Mit seinem langen weißen Rauschebart und seiner imposanten Statur ist er ein Weihnachtsmann wie aus dem Bilderbuch, der Mann, der unerkannt bleiben will. Denn schon seit fast zwei Jahrzehnten schlüpft er jedes Jahr von ungefähr Mitte November bis mindestens Heiligabend in seinen roten Mantel und seine schwarze Hose, zieht Stiefel und Handschuhe an und verbirgt sein Gesicht hinter Bart und Nikolaus-Mütze. Lediglich Nase und Augen sind von ihm zu sehen – und die Augen, die beginnen zu funkeln, wenn er von seinen vielen Begegnungen erzählt.

Doch dieses Jahr, „da ist alles anders“, sagt der Nikolaus. Denn Corona „bringt auch diese heilige Zeit durcheinander“, sagt der Nikolaus. In der Regel wird er von seinen Stammkunden gebucht, ansonsten kommen viele Anfragen auch über die Weihnachtsmann-Vermittlung der Arbeitsagentur. Die liegt jedoch quasi brach, wie Pressesprecherin Dr. Heike Beber sagt: „Bis jetzt gab es lediglich zwei Anfragen – dabei wären es jetzt, Anfang Dezember, normalerweise bis zu 50.“

Seine Termine seien ebenfalls rund um die Hälfte zurückgegangen, sagt der Nikolaus. Ist er also jetzt arbeitslos oder muss in Kurzarbeit? „Nein“, sagt er lachend, „ich mache das ja zum Glück nicht wegen des Geldes“. Denn im echten Leben hat der bärtige Geselle einen Beruf, spart sich in der Regel seinen Jahresurlaub für den Winter auf – um sich dann in den Nikolaus zu verwandeln. Warum?

Besuch mit Hygienekonzept

„Weil ich so gerne ein Leuchten in die Augen der Kinder bringe“, sagt er im Gespräch mit der OP. Er kann aber auch verstehen, dass in diesem sehr speziellen Jahr die Menschen Angst hätten, sich den Nikolaus ins Haus zu holen.

Damit er dennoch seine Termine wahrnehmen kann, hat er sich schon im Sommer Gedanken darüber gemacht, wie er als Nikolaus mit Corona umgehen kann. Denn klar ist für ihn: „Die Sicherheit ist oberstes Gebot: Bei mir soll sich niemand anstecken – und auch ich selbst muss mich schützen.“ Also trägt der Nikolaus dieses Jahr eine Einwegmaske unter dem Bart, die nach jedem Termin gewechselt wird. „Außerdem ist nach jedem Besuch die große Reinigung angesagt“, erzählt er. Desinfektionsmittel hat er dabei, die Handschuhe werden jedes Mal gewechselt, selbst sein großes, goldenes Buch hat er schon in Folie eingeschlagen, um es desinfizieren zu können – „da muss man halt durch“.

Und auch seine Kunden müssen sich mit einem „Nikolaus auf Abstand“ arrangieren: „Die Kinder müssen Abstand halten, können sich nicht beim Nikolaus auf den Schoß setzen oder den Mantel mal anfassen, weil er so weich ist – das gibt es alles dieses Jahr nicht.“ Auch braucht er einen Extra-Stuhl, der weit genug von den Gästen wegsteht, „und vor meinem Besuch, den ich per WhatsApp ankündige, muss gelüftet werden.“ Geschenke übergibt der Nikolaus den Kindern dieses Jahr auch nicht persönlich, „sondern ich werde sie aus dem Sack holen und abstellen – die Kinder dürfen sie erst nehmen, wenn ich weg bin.“

Trotz dieser strengen Regeln erfährt der Nikolaus von den Kunden, die ihn buchen, vor allem eins: Dankbarkeit. „Denn sie sind froh, dass ich trotz Corona kommen kann“, sagt er. Dabei seien sie froh, „dass von mir auch Sicherheit ausgeht und ich mir im Vorfeld Gedanken über das Konzept gemacht habe“. Der Nikolaus weiß, dass er für Familien einfach zur Weihnachtszeit dazugehört – dieses Jahr ganz besonders, „weil bei den Kindern ganz viele Dinge ausgefallen sind – ob Sport oder Urlaub. Da kann der Besuch des Nikolauses ein wichtiges Stück Normalität bringen.“ Und Normalität, die bedeutet auch Sicherheit und gibt ein geborgenes Gefühl. „Ich bringe ein bisschen Ruhe in dieses verrückte Jahr – und auch für mich ist es etwas ganz Besonderes, dass ich in dieser schwierigen Zeit bei den Familien sein darf.“

Dass er nicht so stark gebucht sei wie sonst, habe auch Vorteile: „Dadurch kann ich mir für die Familien auch etwas mehr Zeit nehmen – aber ohne zu vergessen, dass ich wegen Corona nach 20 Minuten oder einer halben Stunde gehen muss.“ Das fällt ihm nicht immer leicht.

Besuch in Altenheimen fällt größtenteils aus

„Bei einigen Familien haben die Kinder, die ich früher besucht habe, mittlerweile selbst schon Kinder. Ich bin einmal im Jahr selbst Teil der Familie – und dann natürlich auch neugierig, wie die Kinder gewachsen sind oder was so alles passiert ist.“

Was dem Nikolaus auch am Herzen liegt, sind die sonst üblichen Besuche von Altenheimen. Daraus wird in diesem Jahr jedoch größtenteils nichts. Aber: „Mein Stamm-Altenheim, zu dem ich schon seit fast 20 Jahren gehe, hat mich bereits im September gebucht.“ Dann kam der Teil-Lockdown, aber keine Absage des Altenheims. Also fragte der Nikolaus nach – „wir haben besprochen, dass ich höchstwahrscheinlich dieses Jahr auf dem Vorplatz bleiben kann, dort die Geschenke abstelle“. Die Bewohner könnten dann von einem großen Vorraum aus durch breite Schiebetüren trotzdem den Nikolaus erleben – und das am 6. Dezember, „das ist schon toll, dann kann ich die Menschen glücklich machen und auch dort zumindest für ein paar Minuten die Normalität zurückbringen“. Denn die Bewohner könnten derzeit ja keinen Besuch empfangen, „da kann kein Enkelchen kommen – das ist schon tragisch“. Die anderen Seniorenheime hätten aber alle abgesagt – das sei zwar verständlich, „aber natürlich schade für die Menschen“. Denn er erlebe, dass bei ihnen – gerade, wenn sie beispielsweise dement seien – der Nikolaus doch immer die Erinnerung zurückbringe.

Dass er dieses Jahr weniger gebucht ist, ist auch für den Nikolaus eine ungewohnte Erfahrung. „Normalerweise bin ich im Sommer schon ausgebucht“, sagt er, „dann freue ich mich schon auf ,meine’ Familien, die Kinder wachsen ja mit mir auf“ – dass das dieses Jahr nicht so sein wird, „das macht auch mich traurig. Auch, wenn das Jammern auf hohem Niveau ist, denn durch Corona geht es vielen Menschen natürlich wirklich sehr schlecht“.

Doch gebe die Zeit, die er mit seinen Kunden verbringe, auch ihm sehr viel. „Gerade, wenn ich am 24. Dezember gebucht werde, dann verbringe ich einen Teil des heiligsten Tages des Jahres mit den Familien. Das gibt mir sehr viel, daran denke ich noch im Frühjahr zurück, oder beim Fahrradfahren im Sommer. Denn es bleibt immer was hängen – und wenn das dieses Jahr nicht so ist, dann macht das auch den Nikolaus traurig.“

Hunderte von Miet-Weihnachtsmänner bringt die Pandemie allerdings bundesweit um ihren Job. Darunter sind viele selbstständige Künstler, die von der Krise ohnehin mit am stärksten gebeutelt sind. Reihenweise wurden Firmenfeiern und Weihnachtsmärkte abgeblasen, Kaufhäuser verzichten auf Back- und Bastelaktionen. An ein gemeinsames Adventssingen wagt niemand zu denken.

Der „heimische Nikolaus“ ist guter Dinge, dass kommendes Jahr die Vorweihnachtszeit wieder „etwas normaler wird. Ich hoffe einfach, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Ich würde es sofort machen – denn die Normalität, die fehlt uns doch allen.“ Er ist sich sicher: „Der Dezember 2021 wird wieder relativ normal – das ist meine große Hoffnung – und auch mein Gefühl.“

Wer noch eine Anfrage an den Nikolaus hat: Er ist per E-Mail unter NikolausRO68@gmx.de zu erreichen.

Von Andreas Schmidt

05.12.2020
05.12.2020