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Marburg Sie sind der Wohnungsbau-Widerstand
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13:57 20.07.2021
Die Bürgerinitiative „Wir sind Hasenkopf“ wehrt sich gegen eine Bebauung des Gebiets am Stadtwald. Vanessa Kersten (links), Stefan Heldmann, Reinhard Teuber, Hilda Schrodt, Sabine Pilgrim und Hermann Obermann.
Die Bürgerinitiative „Wir sind Hasenkopf“ wehrt sich gegen eine Bebauung des Gebiets am Stadtwald. Vanessa Kersten (links), Stefan Heldmann, Reinhard Teuber, Hilda Schrodt, Sabine Pilgrim und Hermann Obermann. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Der Regen prasselt unerbittlich auf den Boden. Der Wind peitscht das hohe Gras auf der schmierigen Wiese. Es ist ein ungemütlicher Sommertag, an dem Hermann Obermann mit dem Zeigefinger auf das Gebiet deutet, das er als Landwirt bewirtschaftet, das ihm gehört und das er seit Kindheitstagen lieben gelernt hat.

„Für mich hat das einen großen ideellen Wert. Seitdem ich ein kleiner Junge bin, laufe ich hier herum. Mehr noch: Mein Großvater hat sich krumm gebuckelt, bis er das Land überhaupt hatte. Es ist für mich Ehrensache, das auch in seinem Sinne weiter zu machen“, sagt er. Seit Jahren bewirtschafte er die seit wenigen Jahren von der städtischen SEG begehrte Fläche als Hobby-Landwirt. Er baut für sich, Familie und Freunde an, das bisschen Überschüssige wird verkauft. „Aufhören mit allem, weg mit dem Land – das kommt für mich nicht in Frage.“

Obermann ist nicht der einzige, der sich beharrlich gegen einen Verkauf seines Grundstücks, die Bebauungspläne am Hasenkopf wehrt.

Wie Obermann ist auch Reinhard Teuber Landwirt. Der Mann aus Oberweimar betreibt allerdings den Anbau professionell, verdient damit seinen Lebensunterhalt. Und der würde massiv einbrechen, sobald der von ihm gepachtete Acker verkauft, versiegelt, bebaut würde. Denn: Die Hasenkopf-Äcker machen mehr als zehn Prozent der Fläche aus, die er insgesamt bewirtschaftet.

„Gebiet würdeCharakter total verlieren“

„Nach und nach haben wir diese Flächen bekommen und als Familienbetrieb leben wir davon“, sagt Teuber. Seit 1992 – also seit etwa 29 Jahren – fährt er immer wieder mit Traktor und Co. auf den Äckern, setzt auf Bio-Anbau. „Es wird gesagt, man wolle regionale Erzeugnisse – aber wenn es um die dafür nötigen Flächen geht, ist die Landwirtschaft egal.“ Dabei ist die innerfamiliäre Betriebsnachfolge geklärt. „Der Hasenkopf ist für uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – wir sind nach so langer Zeit ja sowieso schon Halb-Ockershäuser und wollen das auch bleiben“, sagt Teuber.

Stadtwald-Bewohner wie Sebastian Schuster geht es nach eigenen Angaben nicht darum, dass vor der eigenen Haustür gebaut werde. Sondern: „Verkehr, Versiegelung und somit das Ende der Flächen als Verbindungsglied zur Kleinen Lummersbach, das Ende der Landwirtschaft und die Zerstörung des Freizeitwerts: Das Gebiet würde seinen Charakter total verlieren“, sagt er.

Ähnlich äußert sich Anwohnerin Sabine Pilgrim: „Das Naturnahe, das eben nicht alles zugebaut ist, ist ein Grund, überhaupt hierher zu ziehen.“ Es gebe vom Hasenkopf wie er jetzt ist, „unheimlich viele Nutznießer“ – von Spaziergängern und Joggern bis hin zu jenen, die auf dem Bergrücken Drachen steigen lassen. „Das ein Stück Heimat so krass verändert werden soll, ist tragisch“, sagt Stefan Heldmann, der in Alt-Ockershausen wohnt.

Hilda Schrodt, eine von vielen Hasenkopf-Eigentümerinnen, verweist auf den auf dem Bergrücken immer wehenden Wind und dessen Wert als Frischluftschneise auch für das Tal. Schon bei den Ortsbegehungen vor etwa drei Jahren habe die Stadt das Gefühl – etwa als es um Gestaltungsfragen wie Holzbauweise ging – vermittelt, das „alles schon erledigt“ sei und die entscheidenden Leute, also die Flächenbesitzer, nie einbezogen.

Ein Eindruck, den Pilgrim teilt. Sie kritisiert das Bürgerbeteiligungsverfahren, die Begehungen mit Hunderten Teilnehmern massiv. „Da wurde eine Stimmung erzeugt, die jeden Kritiker in die Ecke von unsozialen Menschen gestellt hat.“ Schuster: „Alle wurden eingelullt, jeder fühlte sich einsam und hatte Angst wegen dieses Debatten-Klimas Nein zu sagen.“ Entsprechend erleichtert sind die BI-Mitglieder, das sie rund drei Jahre später den Widerstand – den es am Oberen Rotenberg schon kurz nach Bekanntwerden der dortigen Wohngebietspläne gab – bündeln können.

Mehrere Eigentümer leben in Ockershausen, erbten die Flurstücke einst von Vorfahren – und fürchten nach einem Verkauf, allem Geldregen zum Trotz, einen langfristigen Verlust von Lebensqualität für sie, ihre Familien und alle im Stadtteil. „Wenn man alleine an die unabsehbaren verkehrlichen Folgen, aber auch die für das Mikroklima denkt“, sagt Vanessa Kersten, Kopf der BI „Wir sind Hasenkopf“.

Die Gruppe will neben dem Regierungspräsidium Gießen auch den Hessischen Landtag einschalten, eine Petition einreichen. Ob nun das Maximum von 900 oder die zuletzt von der Stadt genannte Marke von 350 Wohnungen: „Das hier ist kein Selbstbedienungsladen“, sagt Kersten.

Von Björn Wisker

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