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Marburg 70 Jahre? Niemals
Marburg 70 Jahre? Niemals
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13:00 03.05.2022
Der Marburger Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent Rolf Michenfelder.
Der Marburger Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent Rolf Michenfelder. Quelle: privatfoto
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Marburg

„Mannomann“, entfährt es ihm angesichts dieser Zahlen. Die 70 will man ihm ohnehin nicht abnehmen. Wie hält er sich fit? „Ich mache Theater mit allen Altersgruppen. Das hält jung“, sagt er. Er ernähre sich unspektakulär. „Ich esse fast kein Fleisch mehr, ich trinke gerne Wein. Ich vertraue auf die Gene meines Opas.“ Der sei 94 Jahre alt geworden, dessen Schwester 93 und dessen Bruder 96.

Am Wochenende feiert Rolf Michenfelder im Theater neben dem Turm, „seinem“ TNT, auf den Afföllerwiesen sein 45-jähriges Bühnenjubiläum. Natürlich mit einem eigenen Stück: „The Times They Are a-Changing“ hat er es betitelt, nach einem Song des Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan. Für den Text, die Inszenierung und die Darstellung zeichnet er selbst verantwortlich, Projektionen und Filmeinspielungen kommen von Charlotte Bösling, die Musik unter anderem von Kristin Gerwien. Gemeinsam mit dem Techniker Siggi Ulm sind sie das neue Team des TNT. Die gesamten Einnahmen gehen an die Ukrainehilfe von medico international und Ärzte ohne Grenzen.

Es hätte auch alles anders kommen können

Schauspielerinnen und Schauspieler, Produzentinnen und Produzenten sind gekommen und gegangen in den letzten 45 Jahren. Rolf Michenfelder ist geblieben. Er ist die zentrale Figur der freien Theaterszene Marburgs, Vorreiter, Ideengeber, Initiator. Michenfelder ist der Wegbereiter für die vielen freien Theatergruppen Marburgs. Wäre er Fußballer, dann wäre er heute Ehrenspielführer – und so, wie er aussieht, könnte er womöglich sogar mitspielen.

Es hätte auch alles anders kommen können. Damals in den 1970er-Jahren hat Rolf Michenfelder in Marburg Volkswirtschaftslehre studiert und 1975 mit einem tollen Examen abgeschlossen. Sein damaliger Professor wollte ihn mitnehmen an die Hochschule Stuttgart-Hohenheim. Er wäre ein Wirtschaftswissenschaftler geworden, hätte vielleicht an der Universität gearbeitet oder wäre vielleicht auf irgendeinem Management-Posten gelandet. Doch es kam anders: „Aus einer seltsamen Stimmung von Angst und Waghalsigkeit heraus habe ich dann alles abgesagt“, sagte er einmal in einem Interview.

Mit allen möglichen Jobs über Wasser gehalten

Rolf Michenfelder zog in eine Landkommune, wie sie in den 70er-Jahren allenthalben aus dem Boden schossen. Und schlug sich mit allen möglichen Jobs durch, um sich über Wasser zu halten. Er trug die OP aus, ist Taxi gefahren, hat Hundehütten für Messen auf Lkws geladen, Umzüge gemacht, Putzfrauen gefahren.

Zum Theater sei er durch „einen völligen Zufall“ gekommen. In seiner Land-WG war man sich irgendwann einig: Neben dem „über Wasser halten“ wollte man „auch mal was Kreatives machen“. Die WG belegte einen Theaterkurs bei der Volkshochschule. Bald waren alle verschwunden, bis auf ihn. Und dann kam das Angebot einer freien Theatergruppe namens „Shakeschmier“, bei „Hamlet“ mitzuspielen. Das Stück wurde im damals ganz jungen KFZ gespielt. Eng war es dort. Sieben Darstellerinnen und Darsteller drängten sich auf einer fünf Quadratmeter großen Bühne „mit Sofa und Fechtszenen“, erinnert er sich.

Publikum sitzt auf Matratzen und Bierbänken

Und dann passierte das, wovon alle Theater träumen. Der „Hamlet“ war immer ausverkauft. Das Publikum saß auf Matratzen auf dem Boden, auf Bierbänken und Biertischen, und wer keinen Platz ergattern konnte, stand auf den Mülltonnen im Hof und schaute durch das Fenster rein.

Es folgte noch ein Stück mit „Shakeschmier“, dann zog es ihn vier Jahre mit der Straßentheatergruppe „Mas o Menos“ in einem alten Bus durch die Lande. Und schließlich landete er wieder in Marburg: Mit dem Stück „Komitee zur Aufrechterhaltung des reibungslosen Ablaufs“ wurde das Theater Feuerzunge geboren, aus dem später die Theaterwerkstatt, noch später der „german stage service“ und schließlich ganz schlicht das „Theater neben dem Turm“ wurde. Gespielt wurden immer eigene, selbst entwickelte Stücke, fast immer mit gesellschaftspolitischem Anspruch: „Deutschland. Kalte Erde“, „fort kommen“, „Germania Tod in Berlin“, „Wunderland. Mein Ein und Alice“, „Macbeth Karaoke“, „Umschlagplatz* Laufschritt* Schwanzparade* *im Original deutsch“ oder „Cry Baby Cry“ lauteten einige Titel, mit denen die Theaterwerkstatt alias TNT weit über die Grenzen Marburgs hinaus bekannt wurde. Gastspiele in England, Italien und anderen Ländern folgten.

36 Stücke geschrieben, 45 inszeniert

36 Stücke hat Rolf Michenfelder geschrieben, 45 Stücke inszeniert, in 63 Stücken gespielt. Zudem hat er produziert, Konzepte und Ideen für Stücke an ungewöhnlichen Orten entwickelt. Etwa in Hotels, in leerstehenden Geschäften, in Wohnungen. Beim Blick auf seine Rentenerwartung wäre er wohl lieber Volkswirt geworden, beim Blick auf sein Leben auf der Bühne stellt sich diese Frage für ihn nicht. Was war in seiner Karriere die spannendste Zeit? „Das könnte ich gar nicht sagen. Ich neige dazu, mir immer wieder Herausforderungen zu suchen.“ Also macht er immer weiter, so wie Bob Dylan, dessen Song ihm den Titel für sein Jubiläumsstück geliehen hat. Denn: „The Times They Are a-Changing“ – die Zeiten ändern sich.

„The Times They Are a-Changing“ ist am Freitag und Samstag, 6. und 7. Mai, sowie am 13. und 14. Mai jeweils ab 20 Uhr und am 15. Mai um 18 Uhr im TNT zu sehen. Der Eintritt kostet 16 Euro, ermäßigt 10 Euro, der Solidaritätspreis 20 Euro plus X. Die gesamten Einnahmen gehen zu je 50 Prozent an die Ukrainehilfe von medico international und Ärzte ohne Grenzen.

Von Uwe Badouin

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