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Marburg Ein Pionier der Hormonbehandlung
Marburg Ein Pionier der Hormonbehandlung
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12:00 17.05.2019
Professor Erhard Daume war ein Pionier der Hormonbehandlung bei Frauen. Heute wird er 90 Jahre. Quelle: Privatfoto
Marburg

Manchmal kann er es selbst gar nicht glauben. „Was ich in 40 Jahren alles gelernt habe, das ist der helle Wahnsinn“, sagt Professor Erhard Daume bei strahlendem Sonnenschein auf seiner Terrasse im OP-Gespräch. Er war es, der in Zusammenarbeit mit Dr. Dr. Jürgen Schick und Dr. Ulrich Deichert 1986 dem ersten hessischen ­Baby per „externer Zeugung“ in Marburg auf die Welt verhalf.

Was damals noch in Zusammenarbeit mit Veterinärmedizinern das i-Tüpfelchen der ­Reproduktionsmedizin war, ist heute eine eigene Industrie. Und zu Zeiten des Studiums von Erhard Daume noch unvorstellbare Träumerei.

Mit 24 Jahren Staatsexamen und Doktortitel

Der aus Kreuz in Pommern Stammende wurde an der Charité ausgebildet. Er bekam 1948 einen der kontingentierten Studienplätze in Berlin. Nach Assistenzstellen in Neubrandenburg und Wolfen ging er 1956 zurück an die Charité, zu seinem Doktorvater Professor Hohlweg, wo er sich mit hormonellen Regulationsmechanismen und Hormonbestimmungsmethoden befasste.

Mit 24 Jahren hatte er schon Staatsexamen und seinen Doktortitel in der Tasche. 1958 begann er seine Facharztausbildung zum Frauenarzt an der Städtischen Frauenklinik in Berlin-Friedrichshain, wo er bald in die Hebammenausbildung integriert wurde.

Zusammen mit Günter Dörner versuchte Erhard Daume als Erster mit einem Präparat aus der Hirnanhangsdrüse von Schweinen, die Eierstöcke von Frauen zu einem Eisprung zu stimulieren, „um ihnen ­damit eine Schwangerschaft zu ermöglichen“.

Als 1961 direkt neben der Charité die innerdeutsche Mauer gebaut wurde, verließ Erhard Daume das Vorzeige-Krankenhaus – für immer: „Ich habe am 14. August noch Dienst gemacht. Aber nach Kennedys berühmter Rede, die mir übrigens nicht gefallen hat, bin ich abends noch mit Ehefrau und Sohn ‚rüber‘.“

Daume baute das Gonadotropin-Labor auf

Auf einem Kongress in Wien stellte er 1961 die Ergebnisse­ des „follikelstimulierenden Hormons“ aus der Schweine-Hypophyse vor und knüpfte Kontakte. Im Dezember des gleichen Jahres fing er in München bei der größten Universitäts-Frauenklinik Deutschlands an zu arbeiten. „Dort gab es 300 Betten, die Schwestern waren Nonnen. Das war etwas völlig Neues für mich“, gibt der Professor zu.

Er baute vor Ort das Gonadotropin-Labor auf und forschte mit weiteren Präparaten. 1963 erhielt er die Facharztanerkennung als Frauenarzt, zwei Jahre später wurde er Oberarzt an der Klinik.

1966 sah er in Florenz zum ersten Mal verschiedene Operationstechniken zur Behandlung des Gebärmutterhalskrebses. Bis dato wurde diese Erkrankung in München nur bestrahlt. Dieses Erlebnis in Italien sorgte letztlich dafür, dass der gebürtige Pommer im September des gleichen Jahres nach Marburg wechselte. Denn dort wurde diese Krebsform vorwiegend operiert und nur selten bestrahlt.

1970 wurde er habilitiert, 1972 zum Professor ernannt. Nach 13 Jahren als Oberarzt konnte er auf viele behandelte Patienten und eine vierstellige Zahl von Geburten zurückblicken. Erhard Daume hat in der Zeit etliche Jahrgänge von Studierenden unterrichtet und Ärzten bei der Fachausbildung zur Seite gestanden sowie 40 Doktoranden betreut.

"Ich war sehr umtriebig in meinem Job."

1979 übernahm er die Leitung und den Aufbau einer neu gegründeten Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktion. „Ich habe gewaltige Fortschritte in der Medizin miterlebt“, blickt Erhard Daume zurück. Er meint damit die Hormonbestimmung im Blut: „Damit war die Urinsammelei endlich vorbei.“

Und er meint auch den Ultraschall, der durch einen Doktoranden in Marburg etabliert wurde. „Als das erste Bild eines Eierstocks mit einem Follikel auf dem Bildschirm auftauchte, hat man uns ausgelacht. Heute ist es unverzichtbare Routine.“

Kritisch sieht er nach wie vor die Entwicklung bei den Kaiserschnitten. Als er Mitte der 1960er-Jahre nach Marburg wechselte, lag die Quote bei 5,6 Prozent, nach zwei Jahren sei sie auf acht Prozent gestiegen.

„Mittlerweile liegt sie bei 35 Prozent, in einigen Kliniken sogar bei 50 Prozent. Wir haben uns damals noch gefragt, was wir falsch machen. Heute ist es normal“, sagt er nachdenklich. Rückblickend stellt Erhard Daume mit seinen 90 Jahren nicht ohne Stolz fest: „Ich war sehr umtriebig in meinem Job. Aber es war schön.“ 

von Katja Peters