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Marburg Der Geisterbus stirbt langsam
Marburg Der Geisterbus stirbt langsam
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14:57 05.05.2020
Um die N8Express-Route von Alaatdin Uzuns Auto Service Unicar wird gestritten, Studenten boykottieren sie. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Die Nachfrage ist da, es scheitert allein am Preis und fehlenden Informationen zu den Fahrtzeiten. So lautet das Resümee der Mobilitätsstudie vom Referat Verkehr des Marburger Asta.

Es geht um die ehemalige Disco-Linie N8, die nicht von den Stadtwerken, sondern von Alaatdin Uzun betrieben wird. Seine Firma, die Auto Service Unicar, hatte 2002 die Idee, die beiden mittlerweile geschlossenen Discotheken Paf in Cölbe und Kult in Marburg miteinander zu verbinden.

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Diese Route erfreute sich damals großer Beliebtheit und wurde von den beiden Disco-Betreibern subventioniert. Als der Club in Cölbe seine Türen schloss, entschied sich Alaatdin Uzun, die Tour weiter zu betreiben. Deswegen hat er bis heute die Konzession inne und liegt seit 2018 mit den Stadtwerken im Clinch.

„Wir mussten die Preise erhöhen“

Denn aus der früheren guten Zusammenarbeit ist jetzt ein Streit um die Konzession und den zeitweiligen Parallelverkehr durch die Stadtwerke geworden. Und der geht vor allem zulasten der Studenten. Denn die Nutzung ist seit Kündigung des Kooperationsvertrages im April 2018 nicht mehr durch das Semesterticket subventioniert, sodass für jede Fahrt seit vergangenem Jahr 3,50 Euro fällig sind.

„Wir mussten erhöhen, weil wir sonst nicht mehr kostendeckend agieren. Und durch die illegalen Parallelverkehre der Stadtwerke gehen uns auch wesentliche Einnahmen verloren“, erklärt Alaatdin Uzun, der nun auch rechtliche Schritte gegen das kommunale Unternehmen eingeleitet hat.

Vorwurf: Stadtwerke blockiert

„Würden wir die Zuwendungen vom RMV erhalten, dann wäre die Situation eine völlig andere“, ergänzt er noch. Doch dafür sei die Zustimmung der Stadtwerke zwingend notwendig und die weigere sich „hartnäckig Fördergelder zur Anschubfinanzierung und Unterhaltung der N8 herauszugeben“, sagt Alaatdin Uzun.

Neben dem Preis moniert der Asta auch die fehlenden Fahrplaninformationen. „Der N8 ist quasi ein Geisterbus, der am Wochenende nachts einsam seine Runden durch Marburg dreht“, kritisiert AStA-Verkehrsreferent Lukas Ramsaier und ergänzt: „Nur noch die Homepage der Stadtwerke sowie einige wenige Aushänge an den Haltestellen weisen auf die Abfahrtszeiten des N8-Busses hin.“

Unternehmer weist Vorwürfe zurück

Die groß angelegte Studie hätte auch ergeben, dass der N8Express oft auch gar nicht fahren würde. „Wir wissen von vielen Studenten und anderen Fahrgästen, die in den vergangenen Jahren regelmäßig vergeblich auf den Nachtbus warten mussten, oder zumindest sehr lange. Informationen über Ausfälle oder Verspätungen sind dabei Fehlanzeige.“

Gleiches wurde Alaatdin Uzun auch schon einmal von der Stadtverwaltung mitgeteilt, Bürger hätten sich beschwert. Auf OP-Nachfrage weist der Unternehmer diese Vorwürfe von sich.

Dabei bestehe laut Asta-Umfrage großer Bedarf an einer funktionierenden Nachtlinie. Knapp 90 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal im Monat noch nach ein Uhr nachts unterwegs zu sein, mehr als 60 Prozent sogar wöchentlich. Rund drei Viertel gehen dabei – wohl auch mangels Angebot – zu Fuß nach Hause.

Spar-Taxis beliebter

Die Nutzungsrate der Stadtwerke Linie 1, die nur von Montag bis Freitag fährt, ist dabei mehr als doppelt so hoch, als diejenige des N8Express am Wochenende. Anstatt die Discolinie zu nutzen sei es mittlerweile gang und gäbe sich zu zweit oder zu dritt ein Taxi zu teilen. Die werden laut Studie dreimal so oft genutzt, wie der N8.

Das ergab auch der OP-Selbsttest im vergangenen Jahr. Anstatt in den weißen Sprinter stiegen viele Studenten lieber in die Spar-Taxis am Rudolphs-Platz ein. Insgesamt gab es drei Gäste, die in den Bus stiegen. Darunter auch eine Studentin, die an der Frauenbergstraße zu stieg und gerade von der Spätschicht kam.

Betreiber offen für Anpassungen

„Ich muss diesen Bus am Wochenende nehmen, sonst komme ich nicht nach Hause“, sagt sie und ärgert sich, dass sie im Monat bis zu 14 Euro zusätzlich zum Semesterticket zahlen muss. An der Radestraße ein weiterer Fahrgast. Er stieg sofort wieder aus, als ihm der Fahrer mitteilte, dass er extra zahlen muss.

Alaatdin Uzun gibt sich trotz allem kämpferisch. Er vermutet, dass die Stadtwerke auf Zeit spielen, in der Hoffnung, dass er aufgibt und sie dann die Konzession der Linie übernehmen können. „Aber das wird nie passieren. Diese Route ist unsere Idee“, sagt er. Dem Vorschlag des Asta, die Route anzupassen, steht er offen gegenüber.

Die Qualität geht verloren

Die Studenten fordern vor allem eine bessere Anbindung der Außenstadtteile, insbesondere jene, „die nur schwer zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sind, wie der Stadtwald oder die Höhenlagen Marbachs und Wehrdas. Marburg braucht dringend wieder ein attraktiveres, flächendeckendes Nachtbusangebot“, plädiert Asta-Verkehrsreferentin Tina Stoll. „Denn das Nachtbusangebot“, ergänzt ihr Kollege Lukas Ramsaier, „hat in den letzten Jahren nicht an Qualität gewonnen, sondern eher an Qualität verloren.“

Von Katja Peters

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