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Marburg Der Literaturfreund mit dem Hut
Marburg Der Literaturfreund mit dem Hut
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17:00 04.12.2021
Ludwig Legge, der Vorsitzende der Neuen Literarischen Gesellschaft, wird am 5. Dezember 85 Jahre alt.
Ludwig Legge, der Vorsitzende der Neuen Literarischen Gesellschaft, wird am 5. Dezember 85 Jahre alt. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

Doch was ist schon normal im zweiten Corona-Pandemie-Winter. Zu seinem 85. Geburtstag sagt er nur: „Der lässt sich wohl nicht mehr verschleiern.“

46 Jahre lang hat er bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr – mit Ausnahme der Ferien – wohl jeden Sonntagvormittag im Café Vetter verbracht, sagt Legge im Gespräch mit der OP. Das Café Vetter ist das Stammhaus der Neuen Literarischen Gesellschaft (NLG).

Seit 1973 ist Ludwig Legge in Marburg eine öffentliche Person. Damals gründete er mit seinem Freund Reinhard Spalke die NLG. Seither ist er Vorsitzender des Literaturvereins. Ehrenamtlich. „Damals gab es kein literarisches Leben in Marburg, es gab im Grunde keine öffentlichen Lesungen“, erinnert er sich. „Wir wollten eine andere Form von Lesungen und sagten uns: Lasst uns in ein Café gehen.“ Viele Literaturfreunde aus seinem Umfeld rieten ab – doch „sonntags um 11“ im Café Vetter setzte sich durch.

48 Jahre ist das her, eine lange Zeit, an die sich Ludwig Legge gut erinnert. Er ist trotz seines Alters mit einer beneidenswerten Gesundheit und einem noch phänomenaleren Gedächtnis gesegnet. Marburg in den 1970ern – wie war das? „Anders“, sagt er. „Übersichtlicher. Und streitbarer.“ Die Sanierung der damals heruntergekommenen Oberstadt lief an, an der Philipps-Universität debattierten die 68er über neue Gesellschaftsformen. Ansonsten war Marburg in den 70ern vor allem verschlafen. Ein großes Dorf mit Universität, Schloss und Elisabethkirche. „In der kleinen Kulturszene kannte sich damals eigentlich jeder“, sagt Legge. Und er war mittendrin – mit seinem roten Hut bald „bekannt wie ein bunter Hund“.

1600 Autorinnen und Autoren in 48 Jahren

Ludwig Legge hat in den vergangenen Jahrzehnten die Marburger Literaturszene geprägt wie kein zweiter. Er hat in den vergangenen 48 Jahren rund 1600 Autorinnen und Autoren nach Marburg geholt, darunter Literaturstars wie die Nobelpreisträger Günther Grass und Tomas Tranströmer sowie Walter Kempowski, Stefan Heym, Gerhard Zwerenz, Max von der Grün, Martin Walser, Rolf Hochhuth, Erich Loest, Daniel Kehlmann – Autoren, die Debatten befeuerten. Die Liste ließe sich fast beliebig verlängern.

Und er hat sich politisch eingemischt – nicht immer zur Freude der Stadtoberen. In den 80er- und 90er-Jahren präsentierte er Dissidenten aus der damaligen DDR. Das Verhältnis zur Stadtpolitik war immer mal wieder angespannt, die Zuschüsse für den damals 300 Mitglieder starken Verein waren niedrig. Die Beziehung zum ehemaligen Kulturdezernenten und Bürgermeister Dr. Gerhard Pätzold galt nach den Auseinandersetzungen um den Marburger Literaturpreis in den frühen 90er-Jahren als zerrüttet.

Heute ist dies längst Geschichte, die Stadt hat die Bedeutung der NLG erkannt, wie sich auch 2013 bei der Jubiläumsfeier im Rathaus zeigte: Damals überreichten die frühere Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach und der damalige Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner eine Torte mit dem Marburger Wappen und dem Schriftzug: „Vielen Dank für 40 Jahre NLG.“ Deutlich mehr Geld für den Verein gab es jedoch nicht.

„Ohne meine Frau gäbe es den Verein nicht mehr“

Legges Freund und Wegbegleiter Professor Horst Schwebel sprach damals von einer „konstitutionellen Monarchie“ bei der NLG. Kein Wunder: Seit der Gründung des Vereins hat Legge sechs hessische Ministerpräsidenten und vier Marburger Oberbürgermeister erlebt – der NLG-Vorsitzende blieb stets derselbe.

„Ohne meine Frau Gabriele Ziehr gäbe es den Verein nicht mehr. Sie hat die Familie finanziert und der NLG auch finanziell geholfen“, sagt Legge. Zusammen sind sie seit der ersten Lesung 1973. Die beiden haben einen Sohn. Und noch eine Frau nennt Legge: „Seit Marianne Bader die Kasse übernommen hat, schlafe ich ruhig.“

Ludwig Legge wurde 1936 in Berlin geboren. Als Kind hat er die Bombenangriffe auf die Hauptstadt ertragen müssen. 1943 verließ seine Mutter mit ihm Berlin und zog in ihre Heimat Eisenberg im Osten Thüringens. Nach dem Abitur ist Legge 1956 mit einem Freund in den Westen „abgehauen“, so nannte man das damals. Sein Gepäck: ein Koffer. In Tübingen musste er die „Gesinnungsfächer“ Geschichte und Deutsch wiederholen. „Die dachten damals, wir wären alle sozialistisch verseucht.“. Danach studierte er in Tübingen „das Übliche“ wie er sagt: Germanistik, Geschichte, Philosophie.

Ende der 50er-Jahre begann Legge selbst „ernsthaft zu schreiben“. Legge ist Lyriker. 1968 – mitten in den Studentenunruhen – hatte er in Marburg seine erste Lesung – auf Einladung des AStA. Nicht Roman, nicht Erzählung, nicht Gedicht – sondern „Texte“ nannte man dies damals, erinnert sich der Autor. 1970 zog er nach Marburg.

Suche nach Nachfolger oder Nachfolgerin

Gerade ist seine achte literarische Veröffentlichung erschienen: „Wörtlich betäubt“, heißt der Lyrikband, der zum dritten Mal als Vorabdruck in der Moskauer Literaturzeitschrift „Detira“ erschien. „Darauf bin ich wirklich stolz“, sagt Legge, der im Laufe der Jahre mit der Silbernen Kulturmedaille der Stadt Linz, der Verdienstmedaille in Gold des Landes Oberösterreich, dem Ehrenbrief des Landes Hessen, der Silbernen Medaille der Stadt Marburg und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Die Zukunft für die NLG wird nicht leichter. Für den Verein sei Corona ein tiefer Einschnitt, „von dem wir uns noch nicht erholt haben“. „Sonntags um 11“ gibt es nicht mehr, die Lesungen wurden auf Dienstag und Mittwochabend verlegt. „Aber den Rhythmus haben wir noch nicht gefunden.“ Und Legge ist auf der Suche nach einem Nachfolger oder eine Nachfolgerin – aber er ahnt: Ehrenamtlich wird’s nicht gehen.

Von Uwe Badouin