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Marburg Der Lange Anton und der Zwerg
Marburg Der Lange Anton und der Zwerg
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12:58 29.11.2020
Das Gemälde vom Langen Anton. Quelle: Foto: Kunstsammlung Schloss Ambras/Innsbruck
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Marburg

Neues vom Langen Anton: In der Kunstsammlung von Schloss Ambras bei Innsbruck wurde ein Gemälde identifiziert, auf dem der riesenwüchsige Mann zusammen mit einem Zwerg abgebildet ist. Aufgrund sorgfältiger Vergleiche der Gesichtszüge des dargestellten Riesen mit einem Holzschnitt aus Straßburg gelangte Sammlungs-Kurator Dr. Thomas Kuster zweifelsfrei zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Riesen jeweils um ein und dieselbe Person handelt: den aus einem Dorf bei Geldern (Niederrhein) stammenden Anton Franck (geboren zwischen 1544 und 1561 und gestorben 1596).

Die besondere Verbindung zu Marburg: Das Skelett des 2,44 Meter großen Mannes aus dem 16. Jahrhundert ist fast komplett erhalten und befindet sich im Museum Anatomicum der Universität in Marburg. Dr. Nina Ulrich, die Kustodin der Marburger Sammlung, freut sich sehr, dass jetzt ein weiteres Puzzleteil aufgetaucht ist, dass Näheres zum Lebensweg des „Langen Antons“ beiträgt. Denn schon seit einigen Jahren kümmern sich Ulrich, aber auch der langjährige Museumsleiter und mittlerweile emeritierte Professor Gerhard Aumüller darum, nähere Informationen zur Biographie Antons zusammenzutragen. „Der von uns rekonstruierte Lebensweg des auffälligen Riesen ist auf breites öffentliches Interesse gestoßen und offenbar in Österreich bekannt geworden“, meint Ulrich.

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Laut Thomas Kuster war wohl von Kaiser Ferdinand II. (1578–1637) bei einem seiner Hofmaler die Darstellung eines Riesen und eines Zwergs in Auftrag gegeben worden. Bezeichnet worden war dieses Gemälde dann im Verzeichnis der Kunstsammlung als „Person in Ainem Rothen Klaid, und schwarzen Mantl, darbey das Thomele Zwergenfigur“. Bisher sei aber „aus einem falschen Traditionszusammenhang“ heraus der Riese mit dem Italiener Bartolomeo Bona gleichgesetzt worden, und der kindliche Zwerg mit dem Münchener Hofzwerg Thomele. Doch zumindest bei der Figur des Riesen handelte es sich wohl um einen Irrtum, meint Kuster.

Als unterstützendes Indiz wertete er einen Eintrag in den Verzeichnissen der Kunstkammer des Münchener Hofes, in dem von einer Tafel die Rede ist, die einen „großen Mann“ namens Anthoni Francopan und ein „Zwergl“ namens Thomänl zeigt, die sich beide bei Erzherzog Ferdinand von Österreich in Innsbruck getroffen hätten.

Dass eine Kopie des Bildes aus Ambras nach München gelangt sein kann, ist nach Ansicht von Ulrich und Aumüller nicht unwahrscheinlich. Denn die nahe verwandten Wittelsbacher Herzöge und Habsburger Erzherzöge hätten sich damals gelegentlich mit besonderen Kunstwerken beschenkt. Dass sich Anton Franck wirklich jemals in München oder Innsbruck aufgehalten hat, ist aber noch nicht nachgewiesen. „Gleichwohl ist das Porträt ein Beweis für den Bekanntheitsgrad des Langen Anton“, schlussfolgern die Marburger Forscher. Dessen imposante Figur sei in den damaligen Zeiten bestimmt sogar von einem deutschen Kaiser mit Interesse und Wohlgefallen betrachtet worden.

Wer aber war der Lange Anton? So viel ist klar: Zum Ende seines Lebens war er wohl Soldat in der Leibstandarte des protestantischen Feldherrn Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel. Auch wenn er durch seinen Riesenwuchs Gelenkprobleme gehabt haben muss und zudem wohl auch nach einem Oberschenkelhalsbruch gehinkt haben muss, habe er wohl alleine schon durch seine Größe einschüchternd gewirkt, erklärt die Marburger Anthropologin, die sich schon in ihrer Dissertation mit dem Museum Anatomicum beschäftigt hat.

Ihre Untersuchung des Skelettes des Langen Antons aus anthropologischer Sicht habe auf jeden Fall auf das Eigengewicht des Körpers zurückgehende degenerative Veränderungen gezeigt, die mit massiven Verschleißerscheinungen an den Gelenken und an der Wirbelsäule einhergegangen seien. Ausgelöst worden sei das überproportionale Wachstum wohl durch einen Tumor der Hirnanhangdrüse, aufgrund dessen zu viele Wachstumshormone produziert worden seien. Dies lässt sich aus Knochenveränderungen im Bereich der mittleren Schädelbasis schließen.

Auf der Rangliste der weltweit größten Menschen liegt der Lange Anton immer noch auf Platz 25. Zum Vergleich: Der nachweislich längste vermessene Mensch war der Amerikaner Robert Wadlow (1918 bis 1940) mit 2,72 Meter. Der größte derzeit lebende Mensch ist der Türke Sultan Kösen (2,51 Meter), und der größte lebende Deutsche ist der Ex-Basketball-Nationalspieler Rolf Mayr (2,22 Meter).

Seine Größe von 2,44 Metern machte ihn aber auch besonders für die damalige Zeit herausragend, in der die Durchschnittsgröße der Menschen 1,50 bis 1,60 Meter betrug. Auch deswegen muss er wohl zu einem beliebten Porträt-Objekt für die Maler der damaligen Zeit geworden sein. So zeigen ihn zwei Holzschnitte aus Nürnberg und Straßburg schon als Kind beziehungsweise jüngeren Erwachsenen. „Er hat wohl aus seiner Größe Kapital geschlagen und sich gegen Geld ausgestellt“, berichtet Nina Ulrich. Das belegen Einträge in Stadtbüchern aus dem 16. Jahrhundert.

Klar ist auch, dass er gegen Ende seines Lebens eher in Norddeutschland beheimatet war. Nach seinem Tod war sein Skelett von Herzog Heinrich Julius nach Helmstedt geschickt worden, wo es 200 Jahre lang im Anatomischen Theater der Universität zu sehen war. Erst 1810 kam das Exponat in die Anatomische Sammlung nach Marburg, wo es bis heute zu sehen ist.

Von Manfred Hitzeroth

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