Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Lurchi in Gefahr
Marburg Lurchi in Gefahr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:59 28.10.2021
Kater Hans-Jürgen aus Albshausen hat den ungewöhnlichen Besucher fest im Blick – sein Beuteschema allerdings ist er nicht und so kann der Feuersalamander unbeschadet von dannen ziehen.
Kater Hans-Jürgen aus Albshausen hat den ungewöhnlichen Besucher fest im Blick – sein Beuteschema allerdings ist er nicht und so kann der Feuersalamander unbeschadet von dannen ziehen. Quelle: Foto: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Ein leises Rascheln. Etwas Gelbes blitzt auf. Was da am Abend im Gras vor der Albshäuser Kirche herumschleicht und von Kater Hans-Jürgen neugierig beäugt wird, ist ein Tierchen, was vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert: ein Feuersalamander. Komisch, zu dieser Jahreszeit? Wo doch die Nächte schon so kalt sind. Müsste er nicht längst in Winterstarre sein?

„Noch nicht, aber Feuersalamander sind gerade auf der Suche nach ihrem Winterquartier“, erklärt Christian Geske. Der Diplom-Biologe aus Schröck ist Abteilungsleiter Naturschutz beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) und kennt sich mit Feuersalamandern aus. Die Salamander mit der schwarz-gelben Färbung liefen die kommenden Wochen Gefahr, in unfreiwillige „Amphibienfallen“ zu tappen. „Man sollte jetzt öfter Lichtschächte am Haus checken, denn dort fallen Feuersalamander und andere Tiere gerne mal hinein auf der Suche nach einem Winterquartier“, erklärt Geske im Gespräch mit der OP.

Den Feuersalamander und andere Tierarten können Sie melden.

Der 52-Jährige freut sich über den quicklebendigen Salamander-Fund im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Denn „Lurchi“, unter diesem Pseudonym ist das putzige Kerlchen seit einer Comiczeichnung für einen Schuhhersteller vielen Menschen bekannt, ist in Gefahr. „Der Klimawandel bedroht den Feuersalamander“, betont Geske und erläutert, dass selbst in diesem regenreichen Sommer es vielerorts für den Feuersalamander zu trocken war. Zum Beispiel bei Geske um die Ecke – im „Salamander-Teich“ von Schröck. Dieses Gewässer ist seit langem für seine hohe Amphibienpopulation bekannt, doch seit einigen Jahren passiert es in den Sommermonaten immer wieder, dass der Teich nahezu austrocknet. „Selbst in diesem nassen Sommer war der Teich in Teilen trocken“, bedauert Geske, denn das hat traurige Konsequenzen: die Population schrumpft. Der Grund: der Feuersalamander gehört zu den Ausnahmen im Amphibienbereich. Er ist „lebendgebärend“. Er legt lebende Larven ab, die sich nach der Geburt hinter Steine verkriechen. Würde der Salamander Eier legen, würden diese in ihrem natürlichen Geburtsort – dem Quellbach – sofort weggetrieben werden. „Aber in den vergangenen Jahren waren diese kleinen Oberläufe aufgrund der heißen und trockenen Sommer ausgetrocknet“, sagt Geske und nennt als heimisches Beispiel die Bäche auf den Lahnbergen. Das bedeutet für den Salamander: Er hatte keine Chance sich fortzupflanzen. Eine weitere Konsequenz aus der Trockenheit sei, dass der Feuersalamander nicht genug Nahrung findet, weil Regenwürmer zum Beispiel zu tief in der trockenen Erde drin seien, da diese ja auch Feuchtigkeit zum Überleben brauchen.

Feuersalamanderfunde sollten gemeldet werden

Als ob diese Gefahr für den Feuersalamander nicht schon groß genug sei, schwebt noch eine viel größere Bedrohung über „Lurchi“: Der „Salamanderfresser.“ Das ist nicht etwa ein monströser Amphibien-Verspeiser, sondern die Bezeichnung für einen tödlichen Hautpilz, der in den vergangenen Jahren fast den gesamten Bestand von Feuersalamandern in den Niederlanden und Belgien vernichtet hat. Und die mysteriöse Krankheit ist auf dem Vormarsch. Auch im Stadtpark von Essen wurde bereits ein Massensterben registriert. Um zu untersuchen, ob auch hessische Feuersalamander von der Gefahr betroffen sind, fördert das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) mit Mitteln aus dem Biodiversitätsfonds ein Artenschutz-Forschungsprojekt an der Justus-Liebig-Universität (JLU).

„Wir haben große Sorgen, dass, wenn der Pilz tatsächlich auch hier in Hessen auftaucht, die von den Folgen des Klimawandels geschwächten Tiere sehr schnell sterben“, befürchtet der Experte. Eingeschleppt wurde der Hautpilz offenbar durch Aquarientiere aus Asien, deshalb appelliert Geske an alle Aquarienbesitzer, Auarienwasser in der Toilette zu entsorgen und nicht etwa in Teichen.

Der Hautpilz „Batrachochytrium salamandrivorans“ (kurz: Bsal) verursacht Löcher und Geschwülste und kann Salamander innerhalb weniger Tage töten. „Deshalb ist es auch so wichtig, Feuersalamander zu melden, wenn man sie findet“, erklärt Geske und betont, dass selbst Totfunde einen hohen wissenschaftlichen Wert besäßen.

Christian Geske

Der Diplom-Biologe aus Schröck ist Abteilungsleiter Naturschutz beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG)
Bildquelle: HLNUG

Garten im Herbst „unordentlich“ lassen

Noch immer gebe es sehr wenig Daten die Population der Feuersalamander betreffend. Denn anders als der quakende Laubfrosch, lässt sich der versteckt lebende Feuersalamander sehr schlecht kartieren. „Aus diesem Grund sind wir darauf angewiesen, dass wir Funde gemeldet bekommen, selbst Totfunde helfen uns weiter“, erklärt Geske und verweist auf ein Meldeportal auf der Homepage des HLNUG. Und er hat noch mehr Tipps:

Wer Lurchi aktuell etwas Gutes tun will, sollte seinen Garten im Herbst „unordentlich“ lassen. Sowohl Totholzhaufen als auch liegen gelassener Kompost seien beliebte Winterquartiere bei Feuersalamandern.

Hier können Sie Feuersalamander melden

Diese Arten melden

Nach dem Motto: „Nur was wir kennen, können wir auch schützen“ freut sich das HLNUG über Meldungen zu Funden oder Sichtungen seltener Arten. Hier einige Beispielexemplare:

  • Die Gottesanbeterin (Mantis religiosa) gehört zu den Insektenarten, die sich aufgrund der Klimaerwärmung immer weiter nach Norden ausbreiten. Weibchen können bis zu 80 mm lang werden, die Männchen sind deutlich kleiner und erreichen eine Länge bis zu 60 mm. Obwohl alle Tiere flugfähig sind, nutzen hauptsächlich die Männchen ihre Flügel, sowohl zum Fliegen als auch als Schreckreaktion, bei der sie weit abgespreizt werden. Seit 2004 kann die Art auch in Südhessen beobachtet werden. Es ist zu vermuten, dass es noch unentdeckte neue Vorkommen gibt. Auch der Schröcker Diplombiologe Christian Geske hat bereits Exemplare im heimischen Landkreis fotografiert. Das HLNUG ruft dazu auf, Beobachtungen dieser eindrucksvollen Art, möglichst mit einem Belegfoto, zu melden. So können Verwechslungen mit ähnlichen Arten ausgeschlossen werden.
  • Der Hirschkäfer (Lucanus cervus) gehört zu den größten und populärsten Käfern in Deutschland. Weibchen werden bis zu 5 Zentimeter, Männchen bis zu 8 Zentimeter groß. Die Größe ist abhängig davon, wie viel Nahrung die Larve in ihrer Entwicklungszeit hatte. Während die Larven des Hirschkäfers bis zu 8 Jahre braucht, um sich zu entwickeln, lebt der Hirschkäfer nur wenige Tage bis wenige Wochen. Sein Lebensraum sind alte Bäume mit hohem Totholzanteil, meist an lichten trockenen Stellen in südexponierter Lage. Im Landkreis gibt es laut Geske ein Vorkommen am Marburger Dammelsberg sowie in Stadtallendorf.
  • Auch über Meldungen von Weinbergschnecken freut sich das HLNUG. Wussten Sie, dass die zwittrigen Tiere sowohl Spermien als auch Eizellen produzieren? Beim Geschlechtsakt kriechen zwei Tiere Fuß an Fuß und schießen etwa 1 cm lange, sogenannte Liebespfeile, die aus Kalk bestehen, aufeinander.
  • Die Wildkatze (Felis silvestris) erobert still und heimlich ihren Lebensraum zurück und breitet sich in Hessen wieder aus. Bis in die Gebirgswälder rund um Marburg. Erste Hinweise auf die Rückkehr der Wildkatze hat die Untere Naturschutzbehörde der Stadt vor vier Jahren erhalten. Mit der Lockstock-Methode hat die Stadt Marburg deshalb 2019 die Verbreitung der Wildkatze im Stadtgebiet erfasst, ohne dabei die Tiere in ihrem natürlichen Verhalten zu beeinflussen. Dafür wurden von Februar bis April 2019 angeraute Holzpflöcke aufgestellt und mit Baldrian besprüht. Dieser Duft wirkt auf die Wildkatzen, insbesondere während der Paarungszeit von Januar bis April, unwiderstehlich. Die Wildkatzen reiben sich an diesen Stöcken und hinterlassen somit Haarproben, die eingesammelt sowie genetisch untersucht werden.

Hier können Sie diese sowie andere Tiere melden

Von Nadine Weigel