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Marburg Der Kenner und die Macher
Marburg Der Kenner und die Macher
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09:58 13.02.2020
Der Mitarbeiter Ardalan fühlt sich im Studio des lokalen Senders Radio Unerhört Marburg pudelwohl. Hier bereitet er seine nächste Sendung vor.  Quelle: Beatrix Achinger
Marburg

Vom Luxusgut über Radio als Propagandawerkzeug mit dem „Volksempfänger“ im Dritten Reich bis zum Ultrakurzwellenrundfunk und zu heutigen Billigradios: Die Geschichte des Mediums ist lang und schillernd. Dass heute der Welttag des Radios begangen wird, ist „eher einem Nebenaspekt“ zu verdanken, bezeichnet es Sammler Hans Necker.

Denn: Heute vor 74 Jahren gründete sich das United Nations Radio der Vereinten Nationen. Im Jahr 2011 hat die Generalkonferenz der Unesco in Erinnerung an die Gründung des Senders den 13. Februar zum Welttag des Radios erklärt. Viele, auch aus seinem Bekanntenkreis, wüssten­ aber nichts von diesem Datum, sagt Hans Necker. Daher verweist er auf einen aus seiner Sicht weit wichtigeren Tag, besonders für die deutsche Bevölkerung: Am 29. Oktober 1923 lief nämlich vom Berliner Voxhaus um 20 Uhr die erste Sendung des gebührenpflichtigen Rundfunks über den Äther.

Necker selbst verfügt über 4 000 Röhrenradios als Exponate und stand für die weltweit umfangreichste Dokumentation 18 Jahre lang im Guinessbuch der Rekorde. Seine Passion für das Radio entstand schon im Kindesalter: „Durch einen Sehfehler habe ich mich schon als Kind auf alles Akustische konzentriert. Wir hatten damals nur ein Radio für die ganze Familie, denn ein Empfänger war echter Luxus.“

Sein sehnlichster Wunsch sei im zarten Alter von fünf Jahren ein eigenes Radio gewesen, „was sehr vermessen war“, weiß der heute 74-Jährige. Doch tatsächlich: Bei Neckers Einschulung 1951 erfüllte seine Tante ihm den Wunsch und steckte ihm ein Radio in die Schultüte.

„Das war phantastisch“, erinnert sich der Sammler. „Doch irgendwann ging das Gerät kaputt, und eine teure Reparatur war natürlich nicht drin. Also musste ich mein ,Schätzchen‘ aufschrauben, um herauszufinden, was mit den kleinen Männchen los war, die in meinem Radio Geige spielten“.

Und so wurde aus dem Radio-Enthusiasten ein passionierter­ Bastler, der sich alles Wissen aus Büchern selbst aneignete. Nach und nach sammelte Hans Necker aus der Nachbarschaft, auf Flohmärkten oder im Zusammenschluss mit anderen Sammlern durch den Kauf von alten Sammlungen das ein ums andere Gerät.

Das Radiogerät 
im Wandel der Zeit

Das Radiomuseum öffnete dann am 31. März 1990 in Bad Laasphe seine Pforten. Das Museum bietet auch interessante­ Einblicke in Deutsche Wohnzimmer im Wandel der Zeit: Als Radios noch echte Luxus-Gegenstände waren, glänzten sie im pompösen Look, wandelten sich dann in den 50er-Jahren zum funktionellen ­Design in schlichter, sparsamer Bauweise,­ wie zum Beispiel die Braun-Geräte mit dem legendären „Schneewittchen-Sarg“ belegen – und wurden dann letztendlich ab den 80ern zur billig ­produzierten Wegwerf-Ware.

In Stadt und Umgebung ist auf den Geräten auf der Frequenz 90,1 Megaherz der Sender ­Radio Unerhört Marburg (RUM) zu empfangen. Dieser feiert mit einem Spezialprogramm und tauscht dabei mit anderen ­Radios Programme aus: Um 19 Uhr beginnt bei RUM die Sendung „Scrambled X“ vom freien Frankfurter Sender Radio X. Um 22 Uhr geht es dann weiter mit „Brandt redet“ vom Tide.radio aus Hamburg und um 23 Uhr bringt RUM eine Sendung vom Radio MARŠ aus Marburgs slowenischer Partnerstadt Maribor.

„Radio für alle, nichts für ­jeden“ lautet der RUM-Slogan.­ Denn, wie der Freiwilligendienstleistende Eliah van Deyk erklärt, sei der Sender ein Einschaltradio mit inhaltlicher Vielfalt. Einschaltprogramme seien im Gegensatz zu kommerziellen Sendern eben nicht darauf aus, ihre Hörer möglichst lange an der Stange zu halten. „Wir wollen allem eine Stimme geben, was sich abseits des Mainstreams befindet“, sagt van Deyk.

Auch sei der Sender barrierefrei: „Jeder kann frei nach unseren inhaltlichen Grundsätzen Sendungen machen“, dafür müsse man kein Vereinsmitglied sein. Alle Sendungen würden ehrenamtlich gemacht und das Radio verfüge über verschiedene Arbeitsgruppen, von Öffentlichkeitsarbeit über Technik bis EDV.

Initiative gibt es seit 1994 

Hinter RUM stehen knapp 400 Vereinsmitglieder, 150 Sendungsmachende und 50 Gruppen, Vereine und Initiativen, die die Idee des Freien Radios unterstützen. 70 bis 80 Stunden Live-Alternativprogramm in der Woche ist in Marburg und Umgebung zu hören.

Seit Mai 1994 gibt es diese Initiative für Freies Radio. Nach zwei kurzzeitigen Sendephasen nur für Veranstaltungsfunk bekam RUM im Herbst 1996 eine dauerhafte Sendelizenz und ging am 5. April 1997 auf Sendung. Mit der Zeit habe sich auch Radio Unerhört gewandelt: „Früher war unser Sender politisch aufgeladener“, erklärt van Deyk. „Heute geht es auch mehr in Richtung Streaming, viel passiert im Internet. Damit müssen wir klarkommen“, erklärt der 19-Jährige weiter. Seit 2006 sende Radio Unerhört Marburg deshalb auch per ­Online-Live-Stream.

Hintergrund

Das Fessenden-Experiment

An Heiligabend im Jahr 1906 übertrug der Rundfunkpionier Reginald Fessenden von der neuen Station für drahtlose Telegraphie in Massachusetts die erste Radiosendung. Dort hatten sich unter Leitung von Fessenden Wissenschaftler zu einem Experiment versammelt. Nach Fessendens überlieferter Schilderung begann er mit einer kurzen Ansprache, es folgte das Largo von Georg Friedrich Händel. Danach spielte Fessenden ein Violinsolo, und zwar die Komposition „O Holy Night“ von Adolphe Adam, die mit den Worten endet: „Staunet und seid stumm“. Zu hören war das Fessenden-Experiment auf den US-Küstenschiffen des Atlantiks.

von Beatrix Achinger