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Marburg Der Kampf gegen den Plastikmüll
Marburg Der Kampf gegen den Plastikmüll
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07:58 11.11.2020
Sonja Krause und Sascha Fritz vom Unverpackt-Laden „Kauf's lose“ im Campusviertel in Marburg. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Gemüse in Folie, Joghurt im Plastikbecher, Nüsse in der Plastiktüte, Shampoo in der Plastikflasche – wer im Supermarkt einkauft, bringt neben Lebensmitteln und Kosmetikartikeln immer auch eine ganze Menge Verpackungsmüll mit nach Hause. Muss das sein? Nein, finden immer mehr Menschen – bundesweit haben in den vergangenen Jahren dutzende Unverpackt-Läden eröffnet. So wie der Marburger Laden „Kauf’s lose“. „Es hat uns schon immer geärgert, dass man so viel Müll produziert und dass vieles in Plastik eingepackt ist“, sagt Sonja Krause, die zusammen mit Sascha Fritz seit August 2019 den Laden an der Biegenstraße, neben der Stadthalle, betreibt. „Den ersten Kontakt mit einem Unverpackt-Laden hatten wir in der Schweiz“, berichtet sie. Das Konzept begeisterte Krause und Fritz – die Idee, auch in Marburg einen solchen Laden zu eröffnen, war geboren. Per Crowdfunding sammelten sie 28 000 Euro ein, die sie zunächst in Lebensmittelspender investierten. Der größte Teil der Summe, 20 000 Euro, wurde in Gutscheinen verkauft – den Rest spendeten Unterstützer.

Wer bei „Kauf’s lose“ einkauft, kann Gefäße wie Gläser oder Dosen mitbringen und die Waren aus den Spendern hineinfüllen. Wer kein eigenes Gefäß dabei hat, kann ein Glas kaufen oder die Waren in Papiertüten bekommen. Zudem können Kunden auch leere, saubere Gläser mit Deckeln spenden, die ansonsten vielleicht im Altglas-Container gelandet wären. Die werden bei „Kauf’s lose“ noch einmal gespült, dann können andere Kunden sie nutzen. Das Ziel: „Zero Waste“ – also keinen Müll produzieren.

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Das Sortiment des Ladens umfasst eine breite Palette von Bio-Lebensmitteln und Drogerieartikeln: Trockene Nahrungsmittel wie Reis und Nüsse, Hygieneprodukte wie Deo, Shampoo und Zahnpasta, Reinigungsmittel, Gebäck, Kaffee und ein kleines Angebot von Milchprodukten. Landwirtschaftliche Produkte wie Obst und Gemüse versuchen die Laden-Betreiber möglichst regional zu kaufen – das sei aber nicht einfach, gesteht Krause, weil nicht alles in der näheren Umgebung angebaut werde. Unter anderem gibt es Kartoffeln aus Bauerbach und Eier aus Lohra sowie Leidenhofen. Nur Wurst und Käse gibt es bei „Kauf’s lose“ nicht.

Corona-Krise trifft die Unverpackt-Läden

Als „Kauf’s lose“ vor gut einem Jahr eröffnete, war es der zweite Unverpackt-Laden in Marburg – seit Mai gab es bereits „Mudda Natur“ in der Oberstadt. In Marburg gebe es genug Potenzial für zwei Unverpackt-Läden, war damals die Meinung der Betreiber, an der Krause auch heute noch festhält. Doch die Corona-Pandemie hat den Unverpackt-Läden zugesetzt, „Mudda Natur“ musste im Oktober schließen. „Für den Unverpackt-Laden geht es nicht weiter: Die letzten Monate haben uns wirtschaftlich schwer getroffen“, schrieben die Betreiber Ende September auf Facebook.

Auch „Kauf’s lose“-Inhaberin Sonja Krause hat die Krise zu spüren bekommen. „Dadurch, dass wir Lebensmittel verkaufen, konnten wir unseren Laden geöffnet lassen. Aber es sind weniger Kunden zu uns gekommen.“ Die Gründe dafür sind aus ihrer Sicht vielfältig: Menschen, die wegen der Pandemie zu Hause statt im Büro arbeiten, kommen nicht in die Innenstadt, also auch nicht am Unverpackt-Laden vorbei. Wer vorsichtshalber nur selten einkaufen will, geht vielleicht eher in den Supermarkt, wo das Sortiment größer ist. „Viele waren auch in Kurzarbeit und haben mir gesagt, sie können es sich nicht leisten, alles im Unverpackt-Laden zu kaufen, sie müssen auf Discounter zurückgreifen“, berichtet Krause. Hinzu kam die Angst vor dem Coronavirus: Manche Menschen hätten das Gefühl, es wäre doch irgendwie hygienischer, alles in Tüten im Supermarkt zu kaufen. Die Stammkunden wüssten aber, dass es auch bei „Kauf’s lose“ hygienisch zugeht: Wer in den Laden kommt, geht erst einmal Hände waschen. Jeder Kunde nimmt einen eigenen Löffel zum Abfüllen der Ware, den er anschließend in einen Korb mit der Aufschrift „Besteck benutzt“ legt. „Und wir desinfizieren oft die Tür und die Einkaufskörbe“, betont Krause.

In der Corona-Pandemie haben Krause und Fritz auch begonnen, Online-Bestellungen anzubieten. Kunden können die vorbestellten Waren im Laden abholen. Das spart Zeit, weil die Waren dann schon in Pfandgläser gefüllt sind – oder in Gefäße, die der Kunde vorher abgegeben hat. Ab 25 Euro Mindestbestellwert liefert Sascha Fritz Lebensmittel auch aus – innerhalb von drei Tagen und gegen eine Gebühr. Dazu nutzt er ein Lastenrad des Vereins „Freie Räder“, das auch Kunden ausleihen können. Ab Dezember kann er voraussichtlich ein Elektro-Lastenrad nutzen.

„Wir werfen nichts weg“

40 bis 50 Kunden kommen laut Krause inzwischen pro Tag in den Laden, darunter auch frühere Kunden des ehemaligen Mitbewerbers „Mudda Natur“ und ab und zu Menschen, die bisher noch nicht unverpackt eingekauft haben. In der Pandemie hätten viele Zeit zum Nachdenken, sagt Krause und berichtet von älteren Menschen, die im Fernsehen einen Bericht über Plastikmüll gesehen hatten und dadurch auf den Gedanken kamen, zu „Kauf’s lose“ zu gehen.

Neben den beiden Geschäftsinhabern arbeiten in dem Laden derzeit eine Teilzeitkraft und drei Aushilfen. Mit den Einnahmen könnten sie „auskommen, aber nicht gut leben“, sagt Krause, fügt aber hinzu: „Das ist wohl in jeder Selbstständigkeit am Anfang so.“ Ihnen helfe aber, „dass Sascha so bestellt, dass nichts übrig bleibt – wir werfen nichts weg. Wenn mal ein Salat übrig bleibt, essen wir ihn selbst.“

Weitere Infos und Online-Shop: www.kaufs-lose.de.

Von Stefan Dietrich