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Marburg Ärzte fordern digitalen Impfpass
Marburg Ärzte fordern digitalen Impfpass
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14:13 24.04.2019
Für eine bessere Koordination möchte der Hausärtzeverband einen digitalen Impfpass einführen.  Quelle: Henning Kaiser/Nikola Ohlen
Marburg

Dumm gelaufen: Ich bin in einen rostigen Nagel getreten. Ich habe Angst vor einer möglichen Blutvergiftung. Nach der Terminabsprache mit meinem Hausarzt werde ich aufgefordert: „Bringen Sie bitte Ihren Impfpass mit.“ Keine Ahnung, wo der sich versteckt hat. Auch die Frage, wie lange die letzte Tetanus-Impfung zurückliegt, kann ich meinem Doc nicht beantworten.

Also impft er mich. Schadet ja nichts. Später finde ich den Pass wieder und stelle fest, dass mich vor wenigen Jahren ein Unfallarzt gegen Tetanus geimpft hat, ich also noch ausreichend Schutz hatte. Gäbe es einen digitalen Impfpass oder eine Impfdatenbank, wäre das wohl nicht passiert.

Am 24. April beginnt die Europäische Impfwoche

Vom 24. April an bis zum 30. April findet die von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufene Europäische Impfwoche (EIW) statt. Deren zentrale Botschaft: Die Impfung eines jeden Kindes ist entscheidend für die Verhütung von Krankheiten und den Schutz von Menschenleben.

Eltern, Betreuer, Menschen in Gesundheitsberufen und politische Entscheidungsträger sollen für die Bedeutung von Impfungen sensibilisiert und damit höhere Durchimpfungsraten erreicht werden. Während der EIW wird wohl wieder die Forderung nach einer digitalisierten Erfassung von Impfdaten erneuert. Zumindest in Deutschland, denn hierzulande hinkt das Impfwesen dem anderer Länder in vielerlei Hinsicht hinterher.

Das bemängelt regelmäßig der Hausärzteverband, zuletzt anlässlich der EIW 2018. Ein digitaler Impfpass könne dazu beitragen, dass bestehende Impflücken schneller und zuverlässiger erkannt werden, betonte Bundesvorsitzenden Ulrich Weigeldt. Bisher gehe jeder Patient mit dem gelben Impfausweis von Arzt zu Arzt.

Das Dokument werde häufig vergessen oder gehe verloren, sagte Weigeldt. Ein flächendeckender digitaler Impfpass als Teil einer digitalen Patientenakte wäre aus Sicht des Verbandes eine große Erleichterung. Der Hausarzt soll den Überblick behalten und so möglichen Versäumnissen besser entgegenwirken.

Zentrale Datenbanken werden favorisiert

Der Verband weist darauf hin, dass vielfach weniger eine generelle Impfskepsis das Problem sei, sondern eher eine mangelhafte Koordination. Es gehe darum, dass Kinder nicht geimpft würden oder dies immer wieder zu spät geschehe.
Die „Ständige Impfkommission“ am Robert Koch ­Institut empfiehlt zur Überwindung von Impf-Barrieren als Strategie unter anderem ein Erinnerungsverfahren in Form eines Impfregisters oder Praxissoftware. Patienten könnten per Post, E-Mail der soziale Medien informiert werden.

Die Funktion einer digitalen Krankenakte sollte eigentlich die 2005 eingeführte elektronische Gesundheitskarte übernehmen. Entwicklung und Einführung der Karte haben mehr als 1,2 Milliarden Euro gekostet. Die angekündigte Patientenakten-Funktion wurde bereits 2011 bis auf Weiteres verschoben. Die Karte ist zurzeit nicht viel mehr als ein Versicherungsnachweis.

Daran erinnert auch Michael Köllstadt vom Grünen Kreuz in Marburg. Die vorgesehene und verschobene Funktionserweiterung der Gesundheitskarte habe sich offenbar erledigt, vermutet er. Nun würden zentrale Datenbanken favorisiert.
Er weist darauf hin, dass es bezüglich der Impfdaten bereits eine Reihe privater digitaler Anbieter gebe. „Wer an seine Impftermine erinnert werden möchte, der kann solche Angebote schon lange nutzen. 

Diese Termine könne man genauso gut in seinen eigenen elektronischen Kalender eintragen. Aber für beide Möglichkeiten gelte: Wenn der App-Anbieter vom Markt verschwinde oder der persönliche elektronische Kalender nicht mehr funktioniere, dann seien die Daten weg. Das Grüne Kreuz hat den Internationalen Impfausweis vor mehr als 50 Jahren gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hierzulande eingeführt und gibt ihn seither für Deutschland heraus.

Papiervariante ist seit Jahrzehnten Reisedokument

„Gleichwohl denken wir seit Jahren über Möglichkeiten einer praktikablen elektronischen Erfassung nach. Man könnte­ annehmen, ein Impfpass sei ganz einfach digital zu erfassen, sagt Michael Köllstadt und berichtet, dass Konzepte sehr oft an Datenschutzbedenken oder technischen Problemen scheiterten. Hinzu komme, dass der bisherige Impfpass ein Reisedokument sei, das man weltweit vorlegen könne. Nach seiner Einschätzung wird es noch eine Weile dauern, bis international eine elektronische Variante das Papierdokument ersetzen kann.

Für einen Arzt sei es selbstverständlich, dass er die Daten in seinen Patientenakten führe. Zusätzlich könne man sich die Daten elektronisch ablegen, sagt Köllstadt. Weil es bezüglich einer digitalen zentralen Erfassung von Patientendaten nicht wirklich vorangeht, gehen Krankenkassen und Ärzte eigene Wege.

Ein Beispiel dafür ist der Frankenberger Arzt Stephan Eisfeld. „Mein Team und ich haben mehr als 1.000 Impfpässe digitalisiert, weil ich die derzeitige Methoden der Impfdokumentation für lächerlich halte, aber den Impfschutz fokussiere“, sagt er.

Vor neun Jahren kaufte er ein spezielles Modul zur Erweiterung seines Praxisverwaltungssystem. „Ich fing an, alle Impfpässe, derer ich habhaft werden konnte, abzutippen.“ Im Zuge einer Praxisübernahme und des Starts in eigener Praxis konnte er so Kontakt zu den neuen Patienten aufbauen. „Die Impflücken waren gewaltig“, berichtet er und fügt hinzu: „Nur die künstliche Intelligenz ist in der Lage, Impflücken systematisch aufzudecken, weil auch die gespeicherten Diagnosen, das Geschlecht und das Alter berücksichtigt werden.“ Dazu sei sein Gehirn beim Durchblättern eines Impfpasses nicht in der Lage.

"Die Impfung müsse dokumentiert sein"

Beispielsweise komme entsprechend der Empfehlungen ab 60 Jahre die Meldung „Impfung gegen Pneumonie“. Außerdem könnten berufliche Risiken – wie Kindergarten, Klinik, Feuerwehr – berücksichtigt werden und führten zu weiteren Empfehlungen. „Die Impflücken bei Masern der nach 1970 Geborenen sind nach wie vor extrem. Das wurde mir auch erst durch die systematische Erfassung und die Meldungen der Software klar“, berichtet der Frankenberger Hausarzt.

Das Modul nutze er zur konsequenten Buchführung des Impfstoffbestandes und der Haltbarkeitsdaten zur Qualitätssicherung. Alle Anschaffungen habe er selbst bezahlt, berichtet der Internist. Michael Köllstadt bezweifelt nicht die Vorteile einer zentralen digitalen Erfassung von Patientendaten.

Er erinnert: „Das Impfen betreffend darf sich der Arzt nicht auf die Aussagen des Patienten verlassen. Die Impfung müsse dokumentiert sein.“ Gleichwohl bleibe der Patient Herr über seine Daten, könne selbst bestimmen, wem er Einsicht gestatte. Köllstadt glaubt nicht, dass sich eine zentral verwaltete digitale Gesundheitsakte oder ein Impfregister in absehbarer Zeit verwirklichen lassen, die allen gesetzlichen Vorgaben genügen.

Letztlich müssen die Daten so verschlüsselt sein, dass nur der Patient und der von ihm autorisierte Arzt Einsicht nehmen können. Bezüglich der digitalen Krankenakte testen viele Krankenkassen inzwischen eigene Systeme. Weil jeder sein eigenes Süppchen kocht, bleibt die Frage nach der Kompatibilität der unterschiedlichen Systeme unbeantwortet: Was passiert mit meinen Daten, wenn ich die Krankenkasse wechsle?

von Hartmut Berge