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Marburg Das Personal fehlt
Marburg Das Personal fehlt
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15:00 11.07.2021
Sahin Sahan (links) und Bülent Turgut vom „Market“.
Sahin Sahan (links) und Bülent Turgut vom „Market“. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

“Verstärkung gesucht“. Wenn man durch die Oberstadt geht, liest man diesen oder ähnliche Aufrufe häufiger. Das Gastgewerbe leidet unter der Corona-Pandemie. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch personell stehen viele Betriebe vor Problemen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) teilte unter Verweis auf die Zahlen der Arbeitsagentur mit, dass im vergangenen Jahr jeder Sechste im Landkreis Marburg-Biedenkopf den Beruf als Koch, Hotelangestellter oder Servicekraft aufgegeben und das Gastgewerbe verlassen hat.

Kritik an der Testpflicht für Innenbereiche

Oliver-Peter Benz, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gastronomieverbands (Dehoga)-Kreisverband Marburg schätzt die personelle Lage im Gastgewerbe ebenfalls kritisch ein. „Der ein oder andere kann nicht so aufmachen, wie er will, weil er kein Personal hat“, erklärt Benz. Zu diesem Personal gehören zum Beispiel Mitarbeiter im Empfangsbereich oder in der Küche. Viele suchten dringend nach Personal. Nichtsdestotrotz sei „jeder Gastronom froh, dass man Gäste bewirten darf“.

Einen Grund für diese personelle Schieflage sieht Benz in der Kurzarbeit, die aus der Corona-Pandemie folgte. „Mitarbeiter haben sich anders orientiert und kommen dann nicht zurück und kündigen“, sagt Benz. Die NGG führt in ihrer Mitteilung die angespannte Personallage auch auf die geringe Bezahlung und die ungeregelten Arbeitszeiten zurück, die bereits vor der Pandemie bestanden hätte. Folgen wie zum Beispiel längere Wartezeiten im Servicebereich kann Benz sich nicht vorstellen. Um aber den personellen Problemen entgegenzuwirken, müsse man den „Horizont erweitern“. Ein erster Gedanke sei, dass man mehr Personen ausbilden und diese nach der Ausbildung übernehmen müsse. Dazu zähle beispielsweise auch der Gang ins Ausland, um dort Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu suchen.

Bülent Turgut, Inhaber des „Market“, sagt: „Es ist schon komplizierter“, aber „im Großen und Ganzen klappt es noch“. Die festangestellten Mitarbeiter seien noch da und „die, die da sind, setzen sich für den Laden ein“, erzählt Turgut.

Mit studentischen Mitarbeitern und Mini-Jobbern sei es schwieriger, da sie aufgrund der Pandemie zum Teil gar nicht in Marburg seien, sich einen anderen Job gesucht hätten oder gerade finanzielle Unterstützung durch die Überbrückungshilfen erhielten und „nicht zwangsläufig“ arbeiten müssten. Der Ausblick auf den Herbst fällt ebenfalls negativ aus. „Ob es zur Schließung kommt, weiß ich nicht. Es sieht düster aus“, sagt Turgut. Aber „irgendwann wird es sich normalisieren“.

Sowohl Benz als auch Turgut kritisieren die Testpflicht für Innenbereiche. Als einziges Bundesland habe Hessen eine Testpflicht für innen und „wir sind nicht froh darüber“, erklärt Benz. Ähnlich sieht es Turgut. „Die Testpflicht im Innenbereich ist nicht gut“, sagt er.

Hoffnung für das Ausbildungsjahr 2022

Um mehr Personen für die Berufe und Ausbildungen begeistert zu können, hoffe Oliver-Peter Benz auf Präsenzveranstaltungen wie Messen und Schulbesuche. „Auch wir von der Dehoga sind in die Schulen gegangen“, um die Berufe vorzustellen, erklärt Benz. Bei einer Vor-Ort-Veranstaltung nehme man alles anders wahr als bei einer Distanzveranstaltung. Durch die Pandemie hätten derartige Veranstaltungen aber nicht stattfinden können.

„Spätestens im nächsten Ausbildungsjahr wird sich das wieder entspannen“, sagt Benz. Die Ausbildungsrunde 2022 wecke Hoffnung.

Von Lucas Heinisch

11.07.2021
11.07.2021