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Marburg Der Buche aufs Blatt geschaut
Marburg Der Buche aufs Blatt geschaut
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17:58 06.11.2020
Die phänologische Uhr für Hessen des Deutschen Wetterdienstes zeigt die Entwicklung der Pflanzenwelt in den Jahreszeiten. Quelle: Grafik: Deutscher Wetterdienst
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Marburg

Die Hasel ist der Frühstarter der Pflanzenwelt und blüht schon im Januar, teils im Dezember, und macht Allergikern das Leben schwer. Da ist die offizielle Blühvorhersage Gold wert. Landwirte wiederum müssen genau wissen, wann etwa der Raps eine bestimmte Wachstumsphase durchmacht und dann Schädlinge anlockt. Wann, was und wie lange blüht, wächst und sich entwickelt – all das prognostiziert der Deutsche Wetterdienst (DWD) mithilfe von Daten, die von zahlreichen ehrenamtlichen phänologischen Beobachtern das ganze Jahr über penibel gesammelt werden.

iese haben ihre heimische Pflanzenwelt genau im Blick, von ihrer kundigen Zuarbeit hängt die korrekte Bestimmung der Entwicklung von Wild- wie Kulturpflanzen im Jahresverlauf ab – und damit die Grundlage für verschiedene Vorhersagen zu Klima-Phänomenen des DWD. Vom Pollenflug bis zur Entwicklung von Feldfrüchten.

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Am phänologischen Beobachtungsdienst beteiligt sich bundesweit ein Netz von rund 1 100 ehrenamtlichen Beobachtern, welche den Grundstein für die breite Datenlage legen. Einer davon ist Dr. Siegfried Becker, Professor der Europäischen Ethnologie an der Uni Marburg. Seit 25 Jahren ist er als freiwilliger Beobachter für den DWD tätig, wandert das ganze Jahr über durch seinen Beobachter-Bereich in Niederwalgern und dokumentiert die verschiedenen Phasen der heimischen Pflanzenwelt.

Vom Beginn der Haselnuss-Blüte im Vorfrühling bis zum Nadelfall der Lärche im Spätherbst. Er notiert, wann die Hasel anfängt zu blühen, Erle, Birke, Ahorn oder Obstbäume und Kulturpflanzen auf den Feldern.

Und das teils jeden Tag und äußert gründlich, andernfalls könnten die Daten verfälscht werden. Das bringe niemandem etwas, „man muss täglich die Pflanzen im Auge behalten, es kommt auf den genauen Tag an“, erzählt Becker. Am Jahresende schickt er seine Beobachtungen dann an den DWD. Eine zeitraubende Arbeit, die er immer noch gerne macht, „andere gehen Joggen, ich mache das und das hält mich in Bewegung, außerdem schärft es den Blick für bestimmte Pflanzen“, sagt der Kulturwissenschaftler lachend.

Das phänologische Beobachtungsprogramm umfasst dabei 47 verschiedene Pflanzen, insgesamt können pro Jahr 168 Beobachtungen dokumentiert werden, die vom DWD nochmals geprüft und weiterverwendet werden. Etwa 30 Prozent der Beobachter sind aber auch sogenannte Sofortmelder – das heißt, sie teilen ihre Beobachtungen umgehend mit, etwa für den Pollenflug und aktuelle Allergie-Warnungen wichtig.

Pflanzen machenKlimawandel sichtbar

Durch die umfangreiche Sammlung dieser Daten mithilfe vieler Ehrenamtlicher kann der DWD ein detailliertes Bild zeichnen, etwa zum Klima, von dem die Pflanzenentwicklung maßgeblich gesteuert wird. Hier zeige sich laut DWD deutlich und schon früh eine Erderwärmung – und das bevor die Welt wirklich umfassend über den Klimawandel diskutierte. Die Beobachter registrieren schon seit Ende der 80er-Jahre, dass die Winter wärmer werden, der Frühling oft immer eher im Jahr beginnt.

„Wir konnten mit der Zeit die langfristigen Entwicklungen der Vegetationsphasen sichtbar machen – und die sind ziemlich drastisch, es ist eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung“, erklärt Becker. Die Zeiten haben sich verschoben, Wachstumsphasen zeigten sich immer früher, etwa bei der Rotbuche. Wie heißt es doch gleich in einem bekannten Frühlingsgedicht? „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“ steht dort geschrieben. Das hat sich verändert, denn ausgeschlagen wird immer stärker schon im April, „das Lied gilt eigentlich gar nicht mehr, es macht deutlich, wie massiv der Klimawandel ist“, gibt Becker ein Beispiel.

Wichtige Daten mit großer Verantwortung, für die über 1 000 Freiwillige sorgen. Ihm sei es wichtig, auf deren Arbeit einmal hinzuweisen, die gerade in Zeiten des Klimawandels „eine unbekannte und unauffällige, aber doch sehr wichtige Aufgabe“ ist, lobt Becker.

Neben der Klimaforschung ist die Landwirtschaft ein Hauptnutznießer der phänologischen Beobachtungen: Um den Verlauf von Pflanzenkrankheiten und -schädlingen vorherzusagen, braucht es Daten zur aktuellen Pflanzenentwicklung. Zusammen mit den 45 hauptamtlichen Stationen des DWD wird so auch die wetterdienstliche Beratung der Landwirtschaft sichergestellt. Diese Beratungshilfe diene auch dazu, die Umwelt nicht unnötig mit Pflanzenschutzmitteln zu belasten – durch die Vorhersagen könnten Bauern gezielter auf den Feldern eingreifen.

Becker ist nun schon seit 1995 als phänologischer Beobachter in Niederwalgern für den DWD aktiv, zeitweise auch als Sofortmelder. Seitdem hat er „mit viel Idealismus und Engagement“ insgesamt 2 808 Beobachtungen notiert, lobt der DWD. Für seine lange ehrenamtliche Arbeit erhielt Becker eine Urkunde vom Bundesverkehrsministerium sowie die Wetterdienstplakette in Anerkennung wertvoller Mitarbeiter und besonderer Leistungen für die Meteorologie.

Weitere Informationen unter www.dwd.de

Von Ina Tannert