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Marburg „Es könnte sein, dass es Krieg gibt“
Marburg „Es könnte sein, dass es Krieg gibt“
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08:50 11.09.2021
Rettungskräfte setzen zwei Tage nach den Anschlägen ihre Suche nach Opfern fort, während Rauch aus den Trümmern des World Trade Center aufsteigt.
Rettungskräfte setzen zwei Tage nach den Anschlägen ihre Suche nach Opfern fort, während Rauch aus den Trümmern des World Trade Center aufsteigt. Quelle: Beth A. Keiser
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Marburg

Es gibt Sätze, die man für immer abspeichert. „Schalt’ mal den Fernseher ein, es könnte sein, dass es Krieg gibt.“ Es war der frühe Nachmittag des 11. September 2001, ich stand im Durchgang zwischen zwei Redaktionsgebäuden im Franz-Tuczek-Weg und telefonierte mit meiner Frau. Stunden später, es muss gegen 23 Uhr gewesen sein, als ich nach Hause kam, war der Fernsehapparat immer noch eingeschaltet und zeigte in Dauerschleife die immer gleichen Bilder von den Flugzeugen, die in die Türme des World Trade Center flogen.

„Auf solch ein Ereignis war keine Redaktion vorbereitet: Als am Nachmittag des 11. September 2001 die Journalisten der OP über die Nachrichtenagenturen von den Anschlägen in den USA erfuhren, schalteten sie alle Fernseher im Verlagshaus ein“, schrieb die damalige OP-Kollegin Anna Ntemiris, als sich die Ereignisse zum zehnten Mal jährten: „Redakteure brachen ihre Interviews ab, verließen Pressekonferenzen und beendeten ihre Recherchen.“

OP-Redakteurin Anna Ntemiris verteilte das Extrablatt in der Marburger Innenstadt. Quelle: Archivfoto

Schnell fiel die Entscheidung, die Bürgerinnen und Bürger im OP-Verbreitungsgebiet noch am gleichen Tag über ein Extrablatt zu informieren – wer 20 Jahre zurückdenkt, weiß, dass damals nicht in jeder Jackentasche ein internetfähiges Smartphone steckte und die analogen Medien noch eine größere Rolle spielten.

Neben der „normalen“ Tagesproduktion wurde die Sondernummer produziert und gedruckt: „Die OP-Extrablätter, die von Volontären und Redakteuren gegen 18 Uhr in der Marburger Innenstadt sowie in den Gemeinden Lahntal und Dautphetal kostenlos verteilt wurden, waren im Nu weg“, erinnerte sich Anna Ntemiris vor zehn Jahren.

Ein großes Thema

Die Folgetage bedeuteten nicht nur für das Team der OP-Nachrichtenredaktion, sondern auch für die Kolleginnen und Kollegen der Lokalressorts: volle Konzentration auf das eine große Thema. Es galt, das Unfassbare auf allen Ebenen erklärbar zu machen. Waren etwa Menschen aus dem Kreisgebiet unter den Opfern oder Überlebenden?

Wie schätzen Politikwissenschaftler und Konfliktforscher die Konsequenzen der Anschläge ein? Wie wirken sich die Bilder aus New York auf die Psyche der Menschen aus? Auf viele Fragen gab es Antworten, doch der kollektive Schock ist auch nach 20 Jahren noch nicht verarbeitet.

Der Marburger Friedensforscher Dr. Johannes M. Becker: Als ich davon gehört habe, habe ich es nicht geglaubt. Daraus ist eine Umwälzung in der Friedenspolitik gefolgt. Aus 9/11 ist der Krieg gegen den Terrorismus entstanden, den ich für katastrophal und falsch halte. Terrorismus bekämpft man nicht mit Militär, aber mit Richtern, Staatsanwälten und Geheimdiensten.

Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies: Als die Nachricht von den Anschlägen eintraf, war ich auf dem Heimweg nach Marburg aus dem Landtag. Zuerst konnte ich es kaum glauben – zu absurd erschien das alles. Als dann die Bilder eintrafen war ich erschüttert und habe gleich Freunde in den USA kontaktiert, ob jemand von ihnen betroffen wäre.

Kirsten Fründt, Landrätin von Marburg-Biedenkopf: Im ersten Moment einfach Fassungslosigkeit und Entsetzen. Mit etwas Abstand wurde mir dann klar, dass diese Anschläge unsere Gesellschaft, unsere Sicht auf die Welt verändern würden, wie es vorher nur die großen Menschheitskatastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs vermocht haben.

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich: Mich haben die Nachrichten aus New York im Büro erreicht. Ich war damals Pressesprecher im Justizministerium. Über den dpa-Ticker kam eine Meldung nach der nächsten herein. Dann kamen Kollegen, um sich zu erkundigen. Wir haben gleich den Fernseher eingeschaltet und fassungslos die Live-Bilder verfolgt.

Von Carsten Beckmann

10.09.2021