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Marburg Deponieschutz statt Todesfalle
Marburg Deponieschutz statt Todesfalle
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13:58 21.12.2020
Jagdpächter Peter Euler sieht sich die Stelle am Zaun, der eine alte Mülldeponie bei Ginseldorf eingrenzt, an. Dort verendete ein Reh nach einem missglückten Sprung über das Hindernis qualvoll. Quelle: Foto: Gianfranco Fain
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Ginseldorf

Jagdpächter Peter Euker ist verbittert. Erneut musste er am Montag vor zwei Wochen feststellen, dass Rehwild wegen des Zaunes einer ehemaligen Mülldeponie bei Ginseldorf verendete. Sei es vor einiger Zeit ein Rehkitz gewesen, welches das umzäunte Gelände nicht mehr verlassen konnte, so erwischte es jetzt ein ausgewachsenes Reh.

Schuld daran ist nach Eukers Ansicht der vor ein paar Jahren „für viel Geld“ errichtete Stahlgitterzaun. Der ist so montiert, dass die Seite mit den Zacken nach oben zeigt. Daran können Wildtiere beim Sprung über das Hindernis hängenbleiben, sich schlimmstenfalls nicht mehr lösen und verenden. So geschah es offensichtlich bei dem jetzigen Fall. Das Reh hing am Zaun, der Hinterlauf war durch eine Spitze des Stahlzauns aufgespießt. „Viele empörte Spaziergänger“ hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, berichtet der 70-jährige Euker. Ihn stört neben den Zacken vor allem die Höhe des Zaunes. „Der vorherige war zwei Meter hoch, da ist so was nicht passiert.“

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Dazu befragt erklärt Birgit Heimrich von der Pressestelle der Stadt Marburg: „Der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) der Stadt Marburg ist kein Fall bekannt, in dem ein solcher Zaun wie der in Ginseldorf zu einem tödlichen Hindernis für ein Tier wurde.“ Denn in der Regel könnten Rehe solch gut sichtbaren festen Zäune dieser Höhe zu überspringen. Vermutlich sei das Tier krank, geschwächt, auf der Flucht gewesen „oder ist wirklich sehr unglücklich gelandet. Das bedauern wir“, sagt Heimrich.

Wildtiere kämen vor allem an zerstörten Maschendrahtzäunen und an Stacheldraht zu Tode, weil sie sich in dem nicht sichtbaren Hindernis verheddern. Beim Zaunbau ist laut Naturschutz zu beachten, dass dieser 10 bis 15 Zentimeter vom Boden entfernt sein muss, damit Kleintiere bis Igelgröße darunter durchkriechen können. Im Stadtgebiet stünden solche Doppelstabzäune mit der glatten Kante oben und überstehenden Stäben nach unten: „Das muss aber nicht zwingend so sein“, sagt Heimrich. Deshalb, und weil es „mehr als unwahrscheinlich ist, dass sich ein solcher bedauerlicher Einzelfall wiederholt“, hält die UNB ein kostspieliges Drehen des Zaunes rund um die Ex-Deponie nicht für zwingend erforderlich.

Das rund zwei Fußballfelder große Gelände müsse allerdings gesperrt bleiben. Dies, weil die Stadt Marburg die Oberfläche der ehemaligen Mülldeponie seit 2007 im Auftrag des Regierungspräsidiums (RP) Gießen rekultiviert und überwacht, damit keine deponiespezifischen Schadstoffe in die Umwelt gelangen. Durch den ungestörten natürlichen Bewuchs mit dichtem Wurzelwerk soll eine neue Oberfläche entstehen, die verhindert, dass Oberflächenwasser in den „Müllkörper“ eindringt, wodurch Schadstoffe in die Umwelt freigesetzt werden könnten. Das Gelände werde mit Messgeräten und Begehungen regelmäßig kontrolliert. So wurde 2012 festgestellt, dass es verändert wurde – durch den Anbau von Zuckerrüben und einer Wild-Futterstelle nahe eines Jagdhochstands. Außerdem waren zwei Bodenluft-Messstellen zerstört. Eine gemessene Methangasbildung sei möglicherweise durch die Beschädigung der Oberfläche entstanden.

Den Schaden schätzte das RP seinerzeit auf bis zu 120000 Euro. Es verzichtete auf eine finanzielle Beteiligung des Verursachers und entschied, die Fläche erneut natürlich zu rekultivieren. Dafür untersagte das RP jegliche Nutzung und Bejagung der Fläche, was die Stadt Marburg zu kontrollieren hat. 2015 stellten RP-Vertreter fest, dass der Maschendrahtzaun um die Anlage beschädigt war und es tiefe Fahrspuren von schwerem Gerät in der Deponieoberfläche gab. Das RP ordnete an, den Zaun instand zu setzen, die Fläche gegen Befahren zu sichern und beides regelmäßig zu kontrollieren. Daraufhin ließ die Stadt für rund 40000 Euro den Doppelstabzaun errichten und kontrolliert diesen einmal pro Jahr, erklärt Heimrich.

Von Gianfranco Fain