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Marburg Denkmal im Schülerpark fast fertig
Marburg Denkmal im Schülerpark fast fertig
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17:56 14.08.2020
„Verblendung – Zur Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger“ steht auf der riesigen Installation, die vor das Jägerdenkmal gebaut wurde. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Das Denkmal für die Opfer der Marburger Jäger im Schülerpark ist so gut wie fertig und soll wahrscheinlich im September – womöglich am 1. September, dem 81. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges – offiziell eingeweiht werden. Den Termin September nannte Bürgermeister und Baudezernent Wieland Stötzel (CDU) der OP auf Nachfrage.

Die Idee des Künstlers Heiko Hünnerkopf hatte sich in einem städtischen Wettbewerb, den das Stadtparlament beschlossen hatte, im Jahr 2018 durchgesetzt.

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Das 1923 im Ludwig-Schüler-Park errichtete Kriegerdenkmal zu Ehren der Weltkriegs-Gefallenen aus den Reihen der Marburger Jäger erzielt seine Wirkung dadurch, dass das Denkmal von Winkelprofilen aus Stahl halbkreisförmig umstellt wird.

Sie sind im Halbkreis vor dem Denkmal angeordnet und geben nur den Blick auf Fragmente des Ursprungs-Denkmals frei. Kleine Tafeln auf der Rückseite der Winkelprofile erinnern an die Opfer der Marburger Jäger.

Spies: distanzieren uns von diesem Teil der Geschichte

An der Außenseite wurde ein Schriftzug angebracht, der lautet: „Verblendung – gegen Militarismus und Heldenmythos, zur Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger“. Die Wortwahl „Verblendung“ ist dabei durchaus doppeldeutig gemeint.

Der Jury-Vorsitzende OB Thomas Spies hatte die ­einstimmige Jury-Entscheidung damit begründet, dass durch das Kunstwerk das Denkmal der Marburger Jäger nicht beseitigt werde, sondern in einen „Dialog“ mit der Installation trete: „Es wird deutlich, dass wir uns von diesem Teil der Geschichte distanzieren.“ In der Jury hatte auch eine Vertreterin der Marburger Friedensbewegung mitgearbeitet – nicht aber die Kameradschaft Marburger Jäger.

Die kritisiert nun das fast fertiggestellte Denkmal scharf. „Mit diesem Werk wird das Andenken an die über 4.000 gefallenen Jäger aus Marburg und Umgebung in den Dreck gezogen, die mit ihrem Tode auch zu Opfern wurden“, sagt Matthias Pozzi, Schriftführer der Marburger Jäger.

Marburger Jäger scheitern vor Gericht

Die Kameradschaft Marburger Jäger ruft nun alle Marburger Bürger dazu auf, sich dieses „angebliche Kunstwerk, besser: diesen Wahnsinn in natura anzusehen, der wohl ziemlich einzigartig in Deutschland und weltweit sein dürfte“, so Pozzi. Das Denkmal werde wohl als „Denkmal der Schande“ nicht nur in die Marburger Geschichte eingehen.

Die Marburger Jäger hatten vergeblich versucht, die Installation gerichtlich zu verhindern. In zwei Instanzen scheiterte ihr Eilantrag – vor dem Verwaltungsgericht und vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof. Der Verein wird aber weiter klagen, „notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof“, kündigte Pozzi an.

„Wenn sie weiter klagen wollen, sollen sie“

Maßgebend für die Entscheidung des Gerichts war laut Bürgermeister Stötzel, dass die Richter kein schutzbedürftiges Interesse der Marburger Jäger gesehen haben – anders formuliert: Sie sehen den Verein nicht als Eigentümer des Denkmals.

Pozzi sieht das anders: „Der Vorgängerverein der Kameradschaft Marburger Jäger, der Verein der ehemaligen Jäger und Schützen hat die Spenden bei den Mitgliedern und Marburger Bürgern gesammelt und damit das Denkmal bezahlt“, sagt er. Die Stadt habe nur den Grund und Boden zur Verfügung gestellt. Weiterhin habe die Stadt durch den damaligen Oberbürgermeister Troje die „Obhut und Pflege“ des Kriegerdenkmals übernommen, dies komme einer Eigentumsübertragung aber nicht gleich.

„Wenn sie weiter klagen wollen, sollen sie dies tun“, sagte Stötzel zu der Ankündigung Pozzis. Der Bürgermeister, gelernter Jurist, sieht in den Urteilen beider Instanzen keine Angriffspunkte.

Die Marburger Jäger

Von 1866 bis 1920 war Marburg Garnison des Jägerbataillons Nr. 11. Bevor die Jäger ihre Kaserne im heutigen Südviertel beziehen konnten, wurden sie im Schloss und in Privatquartieren untergebracht. Das Jägerbataillon Nr. 11 wurde für Marburg das „Hausbataillon“, die Soldaten wurden Marburger Jäger genannt.

Zwischen 1866 und 1913 beteiligten sich die Marburger Jäger unter anderem an Einsätzen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sowie bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China 1900/01 und des Herero-Aufstandes im heutigen Namibia 1904.

Im Ersten Weltkrieg folgte das Massaker im belgischen Dinant 1914, an dem die Marburger Jäger teilnahmen. 674 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, starben. Auch bei der Unterdrückung einer Arbeiterdemonstration im schlesischen Königshütte 1919 haben die Jäger nach den Erkenntnissen der Historiker der Marburger Geschichtswerkstatt mitgewirkt. Obwohl die Marburger Jäger 1920 aufgelöst wurden, trat die Marburger SA-Abteilung im zweiten Weltkrieg als „SA-Standarte Marburger Jäger“ auf.

Die „Kameradschaft Marburger Jäger“ gründete sich nach 1945 neu als Traditionsverein. Im Jahr 2003 errichtete sie ihr Vereinsheim auf einem Grundstück im Stadtteil Bortshausen, dorthin verfrachtete die Kameradschaft 2011 ein Kriegerdenkmal, das zuletzt in Neustadt gestanden hatte. Seitdem reißen die Auseinandersetzungen um Geschichtsbild und Vergangenheitsbewältigung der Marburger Jäger und der Kameradschaft nicht ab.

Im Auftrag der Stadtverordnetenversammlung zeichnete die Geschichtswerkstatt die Geschichte der Marburger Jäger in einer Studie nach: „Zur Geschichte und Nachgeschichte der Marburger Jäger“.

Von Till Conrad

14.08.2020